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Bildung

Gemeinsame Klasse: neue Wege

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Um Mädchen und Buben gerechter zu werden, ist die Diskussion um einen teilweise getrennten Unterricht neu aufgeflammt. Vor allem in Physik könnte die Teilung Sinn machen, so Fachleute.

Zwei Volkswirtinnen wollten es genauer wissen, warum Frauen beharrlich bestimmte Berufe wählen, wo aber meist weniger Gehalt auf sie wartet. Nicole Schneeweis und Martina Zweimüller von der Johannes Kepler Universität Linz gingen daher zurück an die Wurzeln # zur Schullaufbahn # und stießen auf Bemerkenswertes.

Wenn Mädchen eine Hauptschulklasse mit hohen Mädchenanteil besuchten, dann wählten diese Schülerinnen signifikant häufiger eine Schule, die als männlich dominiert gilt, wie eine Höhere Technische Lehranstalt (HTL), und weniger weiblich konnotierte Schultypen wie die Höhere Bundeslehranstalt für wirtschaftliche Berufe (HBLA). Untersucht wurde die Schulwahl von Linzer Schülerinnen zwischen 1988 und 2006. Bei Buben trat dieser Effekt nicht auf, sie besuchten daher nicht häufiger die HBLA, wenn sie in einer Klasse mit überwiegend männlichen Kollegen waren.

Warum das bei den Buben so ist, ist noch ungeklärt. Doch das Verhalten der Mädchen erklärt sich Schneeweis folgendermaßen: #Speziell in der Pubertät sind Mädchen und Buben sehr stark an traditionellen Rollenbildern orientiert. Gerade Naturwissenschaften und Mathematik sind aber immer noch männlich konnotiert. Wenn aber der Mädchenanteil in einer Klasse sehr hoch ist, spielt das Geschlecht eine geringere Rolle und es gibt weniger die Notwendigkeit, sich vom anderen Geschlecht abzugrenzen.#

Männerdomäne: Physik

Buben und Mädchen daher in manchen Fächern wieder teilweise oder überhaupt getrennt zu unterrichten, so weit würde Studienautorin Schneeweis in ihren Schlussfolgerungen nicht gehen. Aber es sollte vermehrt ausprobiert werden.

Das wurde es auch schon immer wieder in einzelnen Schulversuchen. Immer wieder neu belebt wird auch die dazugehörige Debatte: Wie kann die Schule geschlechtsgerechter werden? Wie können bewusste und unbewusste Benachteiligungen von Buben und Mädchen beseitigt oder abgemildert werden? Und soll dafür teilweise vom gemeinsamen Unterricht, der Koedukation, die in den 70er-Jahren eingeführt wurde, wieder abgerückt werden? Dass Schule Benachteiligungen, die gesellschaftlich bedingt sind, nicht auszugleichen vermochte, ist unter Expertinnen unbestritten. Das zeigen auch die Fakten: Laut internationalen Bildungstests hinken die Mädchen in naturwissenschaftlichen Fächern in kaum einem anderen Land so weit hinter den Buben hinterher wie in Österreich. Die Fächer gelten immer noch als männliche Domänen. Die HTL hatte 2006/2007 einen Schülerinnenanteil von 14 Prozent. Buben sind wiederum schwächer in Lesekompetenzen.

Stärkung des Selbstbewusstseins

Die Geister scheiden sich aber in der Frage, ob man etwa in Physik Mädchen und Buben wieder getrennt unterrichten soll. Die Physik-Didaktikerin von der Uni Wien, Helga Stadler, plädiert für eine partielle Trennung, aber nicht nur in Physik, sondern auch in Informatik, technischem Werken und Sprachfächern. #Bei längerfristiger Trennung weiß man aus der Forschung, dass tatsächlich die Motivation gestärkt, der Kompetenzenaufbau verbessert und vor allem Selbstbewusstsein aufgebaut wird.#

Diese Erfahrung hat auch Direktorin Heidi Schrodt gemacht. Sie leitet das Bundesgymnasium und Bundesrealgymnasium in der Rahlgasse im sechsten Wiener Gemeindebezirk. Ihre Schule ist seit jeher Vorreiterin in diesem Bereich. Geschlechtergerechtigkeit ist eines der Schwerpunkte der Schule. Schon Anfang der 90er-Jahre hat man damit begonnen, es gab auch vorübergehend wieder reine Mädchenklassen. Das Projekt sei zwar erfolgreich gewesen, doch Widerstände seien zu groß geworden, erklärt Schrodt. Etabliert haben sich aber geschlechtshomogene Gruppen in Werken. Im Realgymnasium wurde das interdisziplinäre Pflichtfach Lernwerkstatt eingeführt, um für Mädchen einen Zugang zu den Naturwissenschaften zu eröffnen. Hier geht es um das Forschen Lernen. Es sei dadurch gelungen, den Mädchenanteil am Realgymnasium so zu erhöhen, dass sie mit den Buben gleichziehen, sagt Schrodt.

Die Hamburger Erziehungswissenschaftlerin Hannelore Faulstich-Wieland spricht sich dennoch gegen eine phasenweise Trennung aus: #Das entscheidende Problem ist, dass eine akzeptable Begründung gegeben werden muss. Hier wird angeführt, die Buben seien so dominant, die Mädchen kämen nicht genügend zum Zug. Das heißt aber auch, dass sie alle Jungen unter Täterverdacht und alle Mädchen in Opferrollen bringen und dass Lehrkräfte darauf keinen Einfluss haben. Das stimmt nicht. Richtig ist aber, dass Lehrkräfte im Unterricht aufpassen müssen, damit sich keine Arbeitsteilung einspielt. Aber das sind didaktische Maßnahmen, die man im koedukativen Unterricht realisieren kann.# Der Schlüssel wären laut Faulstich-Wieland sensibilisierte Pädagoginnen und Pädagogen. An diesen würden es noch mangeln.

Auch die Bildungspsychologin Christiane Spiel spricht sich dagegen aus: #Es wäre eine zu einfache Lösung für ein komplexes gesellschaftliches Problem. Wir sollten doch davon wegkommen, dass wir Mädchen und Buben stereotyp behandeln.#

#Zu einfache Lösung für komplexes Problem#

Die Sprachwissenschaftlerin Gertraud Benke vom Institut für Unterrichts- und Schulentwicklung an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt meint zu dem Argument, dass durch die Trennung Geschlechterbilder erst recht deutlich würden: #Ich führe nicht etwas ins System ein, sondern reagiere nur auf etwas, das schon da ist. Das Fach Physik ist bereits geschlechtlich stark aufgeladen. Daher gilt es Maßnahmen zu setzten, auch wenn ich das Geschlecht nochmals stärker ins Bewusstsein bringe.# Da hakt auch Helga Stadler ein. Ihr geht es um eine #reflexive Koedukation#: Eine phasenweise Trennung müsste in einen Reflexionsprozess an der Schule eingebettet sein, bei dem über Fragen des Geschlechts, von Rollen und Stereotypisierungen nachgedacht werde.

Stadler plädiert dafür, das Thema breiter und tiefgründiger anzugehen: Es gibt laut Stadler eine britische Untersuchung, die gezeigt hat, dass Projekte in Sachen Geschlechtergerechtigkeit langfristig nichts bewirkt haben. Nicht aber, weil sie so schlecht waren, sondern weil sie nichts an den Wurzeln einer Gesellschaft verändern konnten. Stadler spricht sich für eine spätere Schulauswahl als eine Maßnahme aus, nicht in der Hoch-Pubertät von 14 Jahren, wo die Identität besonders stark im Vordergrund steht.

Um Mädchen und Buben gerechter zu werden, ist die Diskussion um einen teilweise getrennten Unterricht neu aufgeflammt. Vor allem in Physik könnte die Teilung Sinn machen, so Fachleute.

Zwei Volkswirtinnen wollten es genauer wissen, warum Frauen beharrlich bestimmte Berufe wählen, wo aber meist weniger Gehalt auf sie wartet. Nicole Schneeweis und Martina Zweimüller von der Johannes Kepler Universität Linz gingen daher zurück an die Wurzeln # zur Schullaufbahn # und stießen auf Bemerkenswertes.

Wenn Mädchen eine Hauptschulklasse mit hohen Mädchenanteil besuchten, dann wählten diese Schülerinnen signifikant häufiger eine Schule, die als männlich dominiert gilt, wie eine Höhere Technische Lehranstalt (HTL), und weniger weiblich konnotierte Schultypen wie die Höhere Bundeslehranstalt für wirtschaftliche Berufe (HBLA). Untersucht wurde die Schulwahl von Linzer Schülerinnen zwischen 1988 und 2006. Bei Buben trat dieser Effekt nicht auf, sie besuchten daher nicht häufiger die HBLA, wenn sie in einer Klasse mit überwiegend männlichen Kollegen waren.

Warum das bei den Buben so ist, ist noch ungeklärt. Doch das Verhalten der Mädchen erklärt sich Schneeweis folgendermaßen: #Speziell in der Pubertät sind Mädchen und Buben sehr stark an traditionellen Rollenbildern orientiert. Gerade Naturwissenschaften und Mathematik sind aber immer noch männlich konnotiert. Wenn aber der Mädchenanteil in einer Klasse sehr hoch ist, spielt das Geschlecht eine geringere Rolle und es gibt weniger die Notwendigkeit, sich vom anderen Geschlecht abzugrenzen.#

Männerdomäne: Physik

Buben und Mädchen daher in manchen Fächern wieder teilweise oder überhaupt getrennt zu unterrichten, so weit würde Studienautorin Schneeweis in ihren Schlussfolgerungen nicht gehen. Aber es sollte vermehrt ausprobiert werden.

Das wurde es auch schon immer wieder in einzelnen Schulversuchen. Immer wieder neu belebt wird auch die dazugehörige Debatte: Wie kann die Schule geschlechtsgerechter werden? Wie können bewusste und unbewusste Benachteiligungen von Buben und Mädchen beseitigt oder abgemildert werden? Und soll dafür teilweise vom gemeinsamen Unterricht, der Koedukation, die in den 70er-Jahren eingeführt wurde, wieder abgerückt werden? Dass Schule Benachteiligungen, die gesellschaftlich bedingt sind, nicht auszugleichen vermochte, ist unter Expertinnen unbestritten. Das zeigen auch die Fakten: Laut internationalen Bildungstests hinken die Mädchen in naturwissenschaftlichen Fächern in kaum einem anderen Land so weit hinter den Buben hinterher wie in Österreich. Die Fächer gelten immer noch als männliche Domänen. Die HTL hatte 2006/2007 einen Schülerinnenanteil von 14 Prozent. Buben sind wiederum schwächer in Lesekompetenzen.

Stärkung des Selbstbewusstseins

Die Geister scheiden sich aber in der Frage, ob man etwa in Physik Mädchen und Buben wieder getrennt unterrichten soll. Die Physik-Didaktikerin von der Uni Wien, Helga Stadler, plädiert für eine partielle Trennung, aber nicht nur in Physik, sondern auch in Informatik, technischem Werken und Sprachfächern. #Bei längerfristiger Trennung weiß man aus der Forschung, dass tatsächlich die Motivation gestärkt, der Kompetenzenaufbau verbessert und vor allem Selbstbewusstsein aufgebaut wird.#

Diese Erfahrung hat auch Direktorin Heidi Schrodt gemacht. Sie leitet das Bundesgymnasium und Bundesrealgymnasium in der Rahlgasse im sechsten Wiener Gemeindebezirk. Ihre Schule ist seit jeher Vorreiterin in diesem Bereich. Geschlechtergerechtigkeit ist eines der Schwerpunkte der Schule. Schon Anfang der 90er-Jahre hat man damit begonnen, es gab auch vorübergehend wieder reine Mädchenklassen. Das Projekt sei zwar erfolgreich gewesen, doch Widerstände seien zu groß geworden, erklärt Schrodt. Etabliert haben sich aber geschlechtshomogene Gruppen in Werken. Im Realgymnasium wurde das interdisziplinäre Pflichtfach Lernwerkstatt eingeführt, um für Mädchen einen Zugang zu den Naturwissenschaften zu eröffnen. Hier geht es um das Forschen Lernen. Es sei dadurch gelungen, den Mädchenanteil am Realgymnasium so zu erhöhen, dass sie mit den Buben gleichziehen, sagt Schrodt.

Die Hamburger Erziehungswissenschaftlerin Hannelore Faulstich-Wieland spricht sich dennoch gegen eine phasenweise Trennung aus: #Das entscheidende Problem ist, dass eine akzeptable Begründung gegeben werden muss. Hier wird angeführt, die Buben seien so dominant, die Mädchen kämen nicht genügend zum Zug. Das heißt aber auch, dass sie alle Jungen unter Täterverdacht und alle Mädchen in Opferrollen bringen und dass Lehrkräfte darauf keinen Einfluss haben. Das stimmt nicht. Richtig ist aber, dass Lehrkräfte im Unterricht aufpassen müssen, damit sich keine Arbeitsteilung einspielt. Aber das sind didaktische Maßnahmen, die man im koedukativen Unterricht realisieren kann.# Der Schlüssel wären laut Faulstich-Wieland sensibilisierte Pädagoginnen und Pädagogen. An diesen würden es noch mangeln.

Auch die Bildungspsychologin Christiane Spiel spricht sich dagegen aus: #Es wäre eine zu einfache Lösung für ein komplexes gesellschaftliches Problem. Wir sollten doch davon wegkommen, dass wir Mädchen und Buben stereotyp behandeln.#

#Zu einfache Lösung für komplexes Problem#

Die Sprachwissenschaftlerin Gertraud Benke vom Institut für Unterrichts- und Schulentwicklung an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt meint zu dem Argument, dass durch die Trennung Geschlechterbilder erst recht deutlich würden: #Ich führe nicht etwas ins System ein, sondern reagiere nur auf etwas, das schon da ist. Das Fach Physik ist bereits geschlechtlich stark aufgeladen. Daher gilt es Maßnahmen zu setzten, auch wenn ich das Geschlecht nochmals stärker ins Bewusstsein bringe.# Da hakt auch Helga Stadler ein. Ihr geht es um eine #reflexive Koedukation#: Eine phasenweise Trennung müsste in einen Reflexionsprozess an der Schule eingebettet sein, bei dem über Fragen des Geschlechts, von Rollen und Stereotypisierungen nachgedacht werde.

Stadler plädiert dafür, das Thema breiter und tiefgründiger anzugehen: Es gibt laut Stadler eine britische Untersuchung, die gezeigt hat, dass Projekte in Sachen Geschlechtergerechtigkeit langfristig nichts bewirkt haben. Nicht aber, weil sie so schlecht waren, sondern weil sie nichts an den Wurzeln einer Gesellschaft verändern konnten. Stadler spricht sich für eine spätere Schulauswahl als eine Maßnahme aus, nicht in der Hoch-Pubertät von 14 Jahren, wo die Identität besonders stark im Vordergrund steht.