6683264-1962_03_03.jpg
Digital In Arbeit

Gesellschaft — um welchen Preis?

Werbung
Werbung
Werbung

Es entspricht der Natur des Menschen, sich anderen zuzugesellen, sich mit denen, die gleichen Geistes sind, zu einer Gemeinschaft zusammenzufinden und in ihr sich gegenseitig zu stützen und zu tragen. So entstanden und entstehen immer neue Zusammenschlüsse, deren Vielfalt auch nicht annähernd geschildert werden kann. Neben diesen und ähnlichen freiwilligen Zusammenschlüssen gibt es zahlreiche öffentlichen Rechts, denen sich der einzelne nicht entziehen kann. Kraft Gesetzes sind die Arbeitnehmer Mitglieder der Arbeiterkammer, die Gewerbetreibenden Mitglieder der Handelskammer; oft gehören die gleichen Personen sowohl der Arbeiterkammer wie dem Gewerkschaftsbund oder der Industriesektion und der Vereinigung österreichischer Industrieller an. Arbeitgeber und Arbeitnehmer zusammen erhalten mit ihren Beiträgen die Sozialversicherungsinstitute, die für Krankheit und Erholung, Alter und Tod Vorsorge treffen. Sogar die Bestattung übernimmt die öffentliche Hand — nahezu alles ist vergesellschaftet.

Die aufgezählten soziologischen Tatsachen bedeuten „Förderung und Einschränkung zugleich“. Natürlich bietet die Schulpflicht und Pflichtmitgliedschaft bei der Krankenkasse letztlich Vorteile, aber sie bringt auch Bindungen, Aufgaben, Verpflichtungen. Vergesellschaftung ist immer auch Veräußerung, Verarmung, Verlust, Vermachtung. ' Denn die Abhängigkeit wird größer, die Bewegungsfreiheit kleiner, und in immer mehr Bereiche, die zum Persönlichsten des Menschen gehören, dringt der Staat ein.

Dem Staat selbst geht es nicht besser. Er wird in immer mehr zwischenstaatliche Organisationen einbezogen, womit jeweils ein Verzicht verbunden ist. Österreich ist Mitglied der Vereinten Nationen, des Europarates, der EFTA und vieler anderer internationaler Organisationen, darunter auch der Internationalen Arbeitskonferenz und der Organisation für Landwirtschaft und Ernährung. Die gegenseitige Abhängigkeit der Staaten wird immer deutlicher erkennbar. „Die beiden Weltkriege brachten das erste Gesamterlebnis der Menschheit, denn niemals zuvor hat es Geschehnisse gegeben, die wirklich um den Erdball herumgriffen.“ Das Buch, in dem der Anthropologe A. Gehlen dies feststellt, trägt den bezeichnenden Untertitel „Zur Selbstbegegnung und Selbstentdeckung des Menschen“. Um das gleiche Anliegen geht es dem Wahlfranzosen irischer Herkunft, Samuel Bekett: „Unsere Beziehungen zum Nächsten sind sachlich geworden. Wir haben in unserem Leben bestimmte Tlollen zu spielen, und man erwartet, däfr“wif ^je/gut spielen^ abe* niemand fragt nach dem Spieler selbst.“

Die echte Rangordnung

Für den vereinsamten Menschen, für den Spieler, nach dem niemand fragt, erhebt nun der Papst den Ruf nach Menschlichkeit in Wirtschaft und Gesellschaft. „De^ Mensch muß Träger, Schöpfer und Ziel aller gesellschaftlichen Einrichtungen sein.“ Dieser eine Satz des Rundschreibens lehnt übrigens den Kommunismus, den es nur in einem Zitat Pius' XI. ausdrücklich nennt, genauso entschieden ab wie der andere Satz: „Wo die Privatinitiative der einzelnen fehlt, herrscht politisch die Tyrannei.“ Das Rundschreiben betont angesichts der Verdichtung der Technik den Vorrang der Person vor der Sache, angesichts der Verdichtung der Wirtschaft den Vorrang der Gemeinschaft vor dem Kollektiv, angesichts der Verdichtung der Gesellschaft den Vorrang der geistigen Werte vor den Sachwerten.

• Person vor* der Sache! „Zweifellos muß ein Unternehmen eine wirksame Einheitlichkeit der Leistung wahren; aber daraus folgt keineswegs, daß, wer Tag für Tag in ihm arbeitet, als bloßer Untertan zu betrachten ist, dazu bestimmt, stummer Befehlsempfänger zu sein, ohne das Recht, eigene Wünsche und Erfahrungen anzubringen.“ Es geht eben nicht bloß um die materielle Besser Stellung, sondern auch um die gesellschaftliche Anerkennung.

•Gemeinschaft vor dem Kollektiv! Der Papst begrüßt genossenschaftliche Unternehmen und Vereinigungen, besonders wenn sie darauf angelegt sind, den handwerklichen Meisterbetrieben und den landwirtschaftlichen Familienbetrieben Hilfestellung zu leisten, damit sie durch genossenschaftliche Zusammenfassung ihres Absatzes mit den Großhandels-, und Einkaufsorganisationen ins Geschäft kommen. Er sieht in ihnen ein Mittel der Selbsthilfe, der Selbstverantwortung, der Förderung der eigenen Initiative unter Wahrung der Persönlichkeit, so daß sie zu weit gehen, wenn sie diese eigentlichen Ziele überschreiten. Ebenso erwartet der Papst vom Eingreifen des Staates, daß es „fördert, anregt, regelt, Lücken schließt und Vollständigkeit gewährleistet“. Er bezeichnet es als überaus nachteilig, das, was die kleineren und untergeordneten Gemeinwesen leisten und zum guten Ende führen können, für die weitere und übergeordnete Gemeinschaft in Anspruch zu nehmen.

• Geistige Werte vor Sachwerten! Der Papst gibt zu bedenken, daß Wissenschaft, Technik und wirtschaftlicher Wohlstand nicht die höchsten Werte sind, sondern Mittel, die dem Streben nach höheren Werten dienlich sein können. „In den wirtschaftlich reichen Ländern machen die Menschen mehr und mehr die Erfahrung, daß kein äußerer Wohlstand den Glückshunger zu sättigen vermag, und beginnen bereits dem Trugbild eines unbegrenzt anhaltenden, glücklichen und sorgenlosen Lebens auf Erden zu entsagen.“

Sicher ist in Österreich die Wohlstandsgesellschaft noch lange nicht überall verwirklicht, aber es mehren sich die Anzeichen einer materiellen Sättigung, so daß Gewerkschaft und Indus' 'e übereinstimmend die Erfahrung des Papstes bestätigten. Prof. Fritz Klenner sagt im „Unbehagen in der Demokratie“: „Vorläufig erscheinen nur materielle Güter als verläßlich und erstrebenswert, aber auf die Dauer braucht jeder Mensch einen Glauben, jede Generation eine Hoffnung, die über den Alltag erhebt. Nicht nur an der Erde zu haften, sondern auch zu den Sternen emporzublicken, ist des Menschen besserer Teil.“ Im Organ der Vereinigung österreichischer Industrieller, „Die Industrie“, stellt Dr. Joh. Gieß-rigl fest, „daß der Mensch ... ein Wesen ist, das sich nicht nur besser ernähren, besser kleiden, besser vor den Unbilden der Natur schützen will, sondern nach (etwas) mehr strebt ... Die Sehnsucht nach dem Geistigen wird spürbar.“

Die Anwendung ist unsere Sache

Die Zusammenfassung des eigentlichen Anliegens des Rundschreibens in die drei Schlagworte vom Vorrang des Menschen, der Gemeinschaft und der Geisteswerte ermöglicht nicht nur die wünschenswerte Kürze der Darlegungen, sondern läßt auch einen scheinbaren Gegensatz verstehen; einerseits behauptet der Papst, daß die im Rundschreiben angeführten Maßstäbe immer und überall gelten, die kirchliche Soziallehre ohne Zweifel für alle Zeiten in Kraft bleibt und ihre Grundsätze für alle annehmbar sind. Anderseits sagt er an mehr als dreißig Stellen, daß es sich eben um letzte Grundsätze und Maßstäbe handelt, deren Anwendung auf die konkrete Situation nicht ein für allemal zu bestimmen, sondern im einzelnen von Fachleuten auszuarbeiten ist, so daß die Anwendung, den Jeweiligen zeitlichen und örtlichen Verhältnissen entsprechend, verschiedene Formen annehmen kann.

Folgerichtig dürfen wir aus dem Rundschreiben weder die Bestätigung irgendeines politischen Systems ableiten und damit nachträglich die soziale Frage des 19. Jahrhunderts lösen wollen, noch dürfen wir es so verwässern, daß es für jeden etwas bietet und für alle annehmbar wird, ohne jemanden zu verpflichten. Wie das Rundschreiben selbst sagt, will es nicht nur erwogen und besprochen, sondern auch verwirklicht werden. „Zunächst muß man den wahren Sachverhalt überhaupt richtig sehen und ihn dann an Hand der Grundsätze gewissenhaft beurteilen.“ Die ersten Kommentatoren haben diese Forderung, die das Rundschreiben selber aufstellt, übersehen und sind deshalb zu einander widersprechenden Auffassungen gelangt. So liest (Manchester) „Guardian“ aus „Mater et Magistra“ die Lehre des englischen Nationalökonomen Keynes heraus, die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ hingegen die Sozialphilosophie des Neoliberalismus; für die schweizerische „Orientierung“ bedeutet das Rundschreiben die Öffnung nach links, während ein englisches Sonntagsblatt („Catholic Herald“) schon mit der Überschrift „Kein Sozialismus“ das Gegenteil behauptet. Nach Ansicht der „Orientierung“ leistete das Rundschreiben, das zwei Monate vor den deutschen Bundestagswahlen veröffentlicht wurde, der CDU keine Hilfe. „Die Zeit“ aber sieht in ihm jedoch eine Bestätigung der Sozialpolitik der Bundesregierung mit ihren Volksaktien. Offenbar sind die Kommentatoren in ihrer eigenen innerstaatlichen Sozialproblematik befangen, indes die soziale Frage eine Angelegenheit zwischen den Völkern geworden ist, über die Grenzen des Staates hinausgreift und die ganze Welt erfaßt. Aus dem Bewußtsein dieser Weltweite und der zweitausendjährigen Erfahrung erscheint es dem Papst, wie er im Rundschreiben sagt, „angebracht, einige allgemeingültige Leitsätze aufzustellen, die allerdings voraussetzen, daß man sich bei ihrer Anwendung in der

Praxis nach dem richtet, was die Um- : stände der Zeit und des Ortes ge- 1 statten oder nahelegen“. i

Es müssen also bei „Mater et i

Magistra“ die österreichischen Sozial- 1 partner prüfen, was nach den öster- 1 reichischen Verhältnissen erforderlich t oder möglich ist, um den Leitsätzen des Rundschreibens gerecht zu werden; 1 sie sind eben weder Rezept noch s

Schablone oder Schema, nach dem man nun in jedem Lande gleich vor- i gehen kann. Wir verstehen das Rund- j schreiben um so besser, je klarer wir I sehen, daß es zunächst Anforderungen i an uns stellt, deren Erfüllung dann i vielleicht uns zu Forderungen be- ; rechtigt. \

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau
Werbung
Werbung
Werbung