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Schule in Zeiten von Corona

Heinz Faßmann  - © Fotos: Gianmaria Gava
Bildung

Heinz Faßmann: "Arbeitslose sollen Lehrer entlasten"

1945 1960 1980 2000 2020

Trotz zunehmender Corona-Infektionen verspricht Bildungsminister Heinz Faßmann einen „normalen Schulstart“ im Herbst. Wie genau stellt er sich das vor? Die FURCHE hat nachgefragt.

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Trotz zunehmender Corona-Infektionen verspricht Bildungsminister Heinz Faßmann einen „normalen Schulstart“ im Herbst. Wie genau stellt er sich das vor? Die FURCHE hat nachgefragt.

Im Kampf gegen die Coronakrise fällt Bildungsminister Heinz Faßmann (parteifrei, aber auf ÖVP-Ticket) eine Schlüsselrolle zu: Er muss dafür sorgen, dass die Jungen im Land nicht auf der Strecke bleiben. Im Gespräch mit der FURCHE erklärt er, warum er Masken während des Unterrichts ablehnt, was er von den Pädagog(inn)en ab September erwartet und weshalb Pandemiezeiten für Schülerinnen und Schüler lehrreich sind.

DIE FURCHE: Als Bildungsminister lastet derzeit ein großer Druck auf Ihnen. Wie viele schlaflose Nächte hatten Sie in den vergangenen Wochen, als es darum ging, eine Entscheidung zu treffen, wie die Schule ab Herbst ablaufen wird?
Heinz Faßmann:
Ich habe Gott sei Dank einen gesunden Schlaf. Aber: Der Verantwortungsdruck ist tatsächlich erheblich. Denn im Bildungsressort fallen Entscheidungen, die nicht nur Schülerinnen und Schüler betreffen, sondern auch ihre Eltern. Und damit gehen auch Rückkoppelungen auf wirtschaftliche Prozesse einher. Wir sehen in diesen Zeiten, wie enorm wichtig das Bildungssystem für das Funktionieren des Staates insgesamt ist. Und alle Entscheidungen, die in diesem System getroffen werden, haben eben ihre sekundären und tertiären Folgen. Dennoch sage ich: Das große Malheur ist ausgeblieben.

Im Kampf gegen die Coronakrise fällt Bildungsminister Heinz Faßmann (parteifrei, aber auf ÖVP-Ticket) eine Schlüsselrolle zu: Er muss dafür sorgen, dass die Jungen im Land nicht auf der Strecke bleiben. Im Gespräch mit der FURCHE erklärt er, warum er Masken während des Unterrichts ablehnt, was er von den Pädagog(inn)en ab September erwartet und weshalb Pandemiezeiten für Schülerinnen und Schüler lehrreich sind.

DIE FURCHE: Als Bildungsminister lastet derzeit ein großer Druck auf Ihnen. Wie viele schlaflose Nächte hatten Sie in den vergangenen Wochen, als es darum ging, eine Entscheidung zu treffen, wie die Schule ab Herbst ablaufen wird?
Heinz Faßmann:
Ich habe Gott sei Dank einen gesunden Schlaf. Aber: Der Verantwortungsdruck ist tatsächlich erheblich. Denn im Bildungsressort fallen Entscheidungen, die nicht nur Schülerinnen und Schüler betreffen, sondern auch ihre Eltern. Und damit gehen auch Rückkoppelungen auf wirtschaftliche Prozesse einher. Wir sehen in diesen Zeiten, wie enorm wichtig das Bildungssystem für das Funktionieren des Staates insgesamt ist. Und alle Entscheidungen, die in diesem System getroffen werden, haben eben ihre sekundären und tertiären Folgen. Dennoch sage ich: Das große Malheur ist ausgeblieben.

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Wir sehen in diesen Zeiten, wie enorm wichtig das Bildungssystem für das Funktionieren des Staates ist.

Heinz Faßmann

DIE FURCHE: Wie groß das Malheur war, dazu gibt es unterschiedliche Einschätzungen. Eltern waren an und häufig über der Grenze in puncto Kinderbetreuung. Stimmen sprechen von Bildungsverlust, wenn nicht sogar von Bildungsraub, den manche Buben und Mädchen in den vergangenen Monaten erlebt hätten.
Faßmann:
Unser Postulat ist: Wir wollen die Schule so normal wie möglich starten. Daraus sehen Sie, dass auch wir lernfähig sind. Wir haben gesehen, dass die schulische Rückkehr im Mai, mit den geteilten Klassen und der Auslagerung schulischer Lernprozesse in die Elternhäuser, sehr viele Probleme bereitet. Das möchte ich künftig vermeiden.

DIE FURCHE: Sie haben vergangenen Montag in Ihrer Pressekonferenz ambitionierte Methoden vorgestellt, wie Schule trotz Coronakrise stattfinden soll. Etwa, indem der Unterricht ins Freie verlegt wird oder eine Klasse als epidemiologische Einheit verstanden wird. Andere Staaten sind noch weiter gegangen: Italien hat Kinosäle angemietet, in Schweden stellen die Kommunen Gemeindesäle, Parks, städtische Grünflächen zur Verfügung. Davon hat man in Österreich noch nichts gehört. Auch nicht von der Möglichkeit, die jeweiligen Einheiten zu verkleinern und für die Betreuung Lehramtsstudierende, Arbeitssuchende mit entsprechender Vorerfahrung oder professionelle Mentoren, also Buddys, einzusetzen.
Faßmann:
Nur eine Fußnote zu Italien: Dort sind die Schulen bis dato geschlossen. Das hat für mich keine Vorbildfunktion. Anders bei Skandinavien: Dort wird Unterricht häufig ins Freie verlagert. In Österreich muss man hier mit den Gemeinden sprechen, sie sind die Schulerhalter im Pflichtschulbereich. Und ja, es gibt schon heute viele Beispiele, wo sich Bürgermeister und Schuldirektionen kreative Lösungen überlegt haben. Und zu den Buddy-Systemen: Auf der Plattform weiterlernen.at sind solche Unterstützungen ein zentrales Element. Oft melden sich dort pensionierte Lehrerinnen und Lehrer, die sich noch engagieren wollen. Viele Dinge, die Sie angesprochen haben, sind also in den Startlöchern. Das muss man kanalisieren und mit den offiziellen Institutionen zusammenführen.

DIE FURCHE: Birgt diese Entwicklung nicht auch die Möglichkeit, neue Jobs im Schulsystem zu schaffen?
Faßmann:
Wir haben gerade jetzt ein Arrangement mit Arbeitsministerin Christine Aschbacher getroffen, Arbeitslose nach einer entsprechenden Fortbildung in der Schule einzusetzen – und zwar zur Sekretariatsunterstützung. Es fallen viele administrative Tätigkeiten an, die Lehrer oder Schuldirektoren erledigen müssen. Wir sagen aber, sie sollten lieber pädagogisch tätig werden.

DIE FURCHE: Aber wäre die fundamentale Krise, die wir derzeit erleben, nicht ein geeigneter Zeitpunkt, das aktuelle Schulsystem noch grundsätzlicher zu hinterfragen? Studien haben gezeigt, dass jeder fünfte 15-Jährige nicht sinnerfassend lesen kann, es gibt Integrationsprobleme, Universitäten berichten über Erstsemestrige, die sich mit dem Zahlenraum 100 plagen. Ist die viel zitierte Normalität angesichts dieser Probleme nicht längst überholt?
aßmann:
Hier stellt sich die Frage: Welchen Bildungsbegriff verwendet man? Ich würde sagen, dass Heranwachsende in den vergangenen Monaten viel gelernt haben. Etwa über gesellschaftliche Solidarität oder Nicht-Solidarität, über selbstorganisiertes Lernen, Pandemie, Krankheit und Gesundheit. Auch über die Macht oder Ohnmacht des Politischen. Es haben Lernprozesse stattgefunden, die vielleicht nicht im klassischen Bildungskanon verankert, aber dennoch wertvoll sind. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass man versäumten Stoff auch aufholen kann. Es gibt viele Erwachsene, die in ihrer Bildungsbiografie Lücken haben. Etwa durch Krankheiten oder Auslandsaufenthalte.

Ich freue mich, dass der Ethikunterricht kommt. Aber es ist natürlich nur ein erster Schritt. Wir werden nach und nach weitere Schulstufen integrieren.

DIE FURCHE: Die Schülerinnen und Schüler haben aber auch gelernt, dass es viele Ungleichheiten gibt: Es gab Kinder, die daheim Unterstützung erhielten – und jene, die sie nicht bekamen oder auf sich allein gestellt waren. Oder es gab Lehrer, die abgetaucht sind – und jene, die sich außerordentlich engagiert haben.
Faßmann: Auch das ist klar geworden: Corona hat wie ein Scheinwerferlicht fungiert. Man hat gesehen, dass die Motivation oder die Flexibilität der Lehrenden ganz unterschiedlich sein kann. Und auch, welche Möglichkeiten elterliche Haushalte zu bieten vermögen. Die bürgerliche Mittelschicht hat diese Zeit sicherlich leichter überstanden als jene Haushalte, die ihren Kindern wenig Förderung zuteil werden lassen. Manchmal, weil sie es nicht können. Aber manchmal auch, weil sie zu wenig Augenmerk darauf legen. Ich möchte den Eltern ausdrücklich keine carte blanche ausstellen. Sie haben nach wie vor Mitverantwortung an den Bildungsfortschritten ihrer Kinder.

DIE FURCHE: Aber nochmals zu den Lehrkräften: Sie übertragen den Schulleitern in der Krise viel Verantwortung. Doch welche Handhabe haben sie, wenn etwa Kolleginnen und Kollegen keine digitalen Weiterbildungsangebote absolvieren? Gibt es in puncto Personalhoheit nicht auch Reformbedarf?
Faßmann:
Ein wichtiger Schritt war, dass die Schuldirektionen seit ein oder zwei Jahren ihr Personal selbst auswählen. Wenn eine Lehrkraft aus Sicht der Schuldirektionen nicht die erforderliche Leistung bringt, dann kann das in einem Jahresgespräch geklärt werden. Einen Vertrag tatsächlich zu kündigen, obliegt jetzt noch immer den Bildungsdirektionen. Und natürlich werden Lehrer entlassen oder gehen von sich aus.

DIE FURCHE: Das kommt aber äußerst selten vor. Anders als in der Privatwirtschaft können sich Schulleiter von offensichtlich ungeeigneten Mitarbeitern kaum trennen.
Faßmann:
Ja, das ist nicht so einfach. Vielleicht ist es aber auch gar nicht so sinnvoll. Hire and Fire im Bildungssystem wünsche ich mir nicht. Das Trennen ist immer eine sensible Angelegenheit.

Heinz Faßmann  - FURCHE-Interview im Bildungsministerium am Minoritenplatz. Chefredakteurin Doris Helmberger (re.) und Bildungsredakteurin Brigitte Quint befragen Heinz Faßmann zu seinen Plänen. - © Fotos: Gianmaria Gava
© Fotos: Gianmaria Gava

FURCHE-Interview im Bildungsministerium am Minoritenplatz. Chefredakteurin Doris Helmberger (re.) und Bildungsredakteurin Brigitte Quint befragen Heinz Faßmann zu seinen Plänen.

DIE FURCHE: Kommen wir zum Fall, dass coronabedingt wieder Distance Learning notwendig wird: Wurde festgelegt, wie es konkret ablaufen soll?
Faßmann:
Wir haben klarere Vorschriften formuliert. Etwa, wieviel Feedback ein Schüler braucht. Oder welcher Hausübungsumfang an welchem Wochentag sinnvoll ist. Manche Lehrenden haben den Kindern unglaublich viel aufgetragen, manche haben sich bei ihnen gar nicht gemeldet.

DIE FURCHE: Es gibt also konkrete Vorgaben, in welcher Frequenz sich eine Lehrperson bei den Schülern zu melden hat?
Faßmann:
Wir haben gesagt, die Lehrerkollegen müssen das Ausmaß der Aufgaben, die man weitergibt, miteinander besprechen. Es gibt die Aufforderung, Feedback über Lernfortschritte zu geben. Wir haben aber nicht definiert, wie oft. Ich will die Lehrenden schließlich nicht entmündigen. Wir haben auch gesagt, im Falle des Falles muss ein normaler Schulalltag simuliert werden – inklusive Stundenplan: Also in der ersten Stunde ist Deutsch, in der zweiten Mathematik usw. Es geht um die Aufrechterhaltung der Struktur.

DIE FURCHE: Tatsache ist, dass mit dem Herbst auch die Zeit der häufigen Verkühlungen und Infekte kommt. Jede Schnupfennase einzuordnen und notfalls Betreuung zu organisieren, wird eine Herausforderung – zumal viele Player involviert sind: In puncto Diagnostik, also ab wann welche Symptome problematisch sind, ist das Gesundheitsministerium zuständig; Familienministerin Aschbacher muss eine neue Verordnung zum Pflegeurlaub ausarbeiten; und die Kommunen haben die alleinige Handhabe, welche Freiflächen sie Schulen zur Verfügung stellen. Hätte man nicht eine eigene Task-Force installieren sollen?
Faßmann: Mit der Familienministerin bin ich im regen Austausch. Und für die Eltern werden Lösungen erarbeitet. Zudem werde ich einen Brief an alle Eltern von schulpflichtigen Kindern verfassen. Es geht darin um Klarheit, wie man in Bezug auf die Symptomatik umzugehen hat. Diesbezüglich werde ich mit Virologen sprechen und mit dem Gesundheitsministerium. Nichtsdestotrotz sage ich: Kranke Kinder, egal, um welche Krankheit es sich handelt, sollte man nicht in die Schule geben. Und von fehlender Zusammenarbeit kann also keine Rede sein.

DIE FURCHE: Gilt das auch für die Kommunen?
Faßmann:
Ich bin mit dem Präsidenten Alfred Riedl in Kontakt – der spricht mit seinen Gemeinden. Ja, und die sind stolz, dass sie die Verantwortung für ihre Schulen tragen.

Fakt

Fahrplan für den Schulstart

Vergangenen Montag präsentierte Bildungsminister Heinz Faßmann seinen Fahrplan für den Schulstart im Herbst. Lesen Sie hier die Zusammenfassung.

DIE FURCHE: Sie lassen durchblicken, dass es an diesem Punkt Verbesserungsbedarf gibt...
Faßmann:
Wir haben ein differenziertes Entscheidungssystem und es ist auch gar nicht schlecht, dass nicht einer alles entscheiden kann und soll. In einem politischen Mehrebenensystem braucht man eben die anderen Ebenen dazu. Aber dieses Problem drängt derzeit am wenigsten.

DIE FURCHE: Welches dann?
Faßmann:
Wie man Schule generell in Zeiten einer Pandemie, von der wir nicht wissen, wie sie sich entwickelt, gestalten kann.

DIE FURCHE: Wie groß sind Ihre Sorgen, dass sich die Pandemie nachhaltig auf die Bildungs- und Lebenschancen der Jungen auswirkt? Müssten Sie nicht als eine Art Zukunftsminister auch gegenüber dem Bundeskanzler noch stärker aufzeigen und à la „Koste es, was es wolle!“ Ressourcen fordern? Muss nicht das, was für die Wirtschaft gilt, noch mehr für die Bildung von Kindern und Jugendlichen gelten?
Faßmann:
Ich sehe unsere Heranwachsenden nicht als Bildungsverlierer und ich spreche auch nicht von einer „Generation Corona“. Real gesehen ist noch nicht so viel Zeit unter diesen veränderten Bedingungen ins Land gegangen.

DIE FURCHE: Es war immerhin ein Semester.
Faßmann:
Ja, aber unsere Bildungsbiografie dauert zumindest neun Jahre. Meist länger. Wenn ich die duale Ausbildung dazurechne, dann zwölf Jahre. Plus Studium bin ich schnell bei 16 Jahren. Wir haben gerade einmal ein Semester unter veränderten Bedingungen absolviert – und es wurde dabei auch viel gearbeitet und gelernt. Mich beschäftigt viel mehr, wie lange der Ausnahmezustand noch anhalten wird. Vermutlich so lange, bis ein geeignetes Therapeutikum oder eine Impfung entwickelt wurden.

Soziales Lernen geht letztlich nur über Face-to-Face-Kontakt. Für mich ist das eine der zentralsten Erkenntnisse aus der Pandemie.

Heinz Faßmann

DIE FURCHE: So lange wird uns wohl auch der Mund-Nasen-Schutz begleiten. Die Lehrergewerkschaft fordert vehement ein, dass dieser auch im Klassenzimmer verpflichtend getragen werden muss. Auch zum Selbstschutz. Sie dagegen gelten als leidenschaftlicher Maskengegner, wenn es um Schule geht. Warum eigentlich?
Faßmann: Ich bin kein leidenschaftlicher Maskengegner. Ich frage mich nur, wo man sie gut einsetzen kann. In der Schule sind das der Eingangsbereich, der Gangbereich und Kommunikationssituationen, wo man keine fixen Plätze hat. Aber in dem Moment, in dem man einen fixen Platz eingenommen hat, also in der Klasse, hätte ich gerne eine ganz normale Interaktion zwischen den Lehrenden und den Lernenden. Kommunikation beinhaltet immer auch eine nonverbale Komponente. Das sehe ich als Grundvoraussetzung für einen gut funktionierenden Unterricht.

DIE FURCHE: Wie bereits erwähnt sehen Sie eine Klasse als epidemiologische Einheit – und setzen auf das Abgrenzen der Klassen. Gerade im Religionsunterricht, insbesondere bei Konfessionen mit geringer Schülerzahl, gibt es aber häufig klassenübergreifenden Unterricht. Was bedeuten die neuen Vorgaben für diese Unterrichtsstunden?
Faßmann:
Der Religionsunterricht findet natürlich weiterhin in dieser Form statt – kein bisher bestehender klassenübergreifender Unterricht wird eingeschränkt. Wir wollen nur keinen zusätzlichen einführen.

DIE FURCHE: Zusätzlich kommen soll aber endlich der Ethikunterricht: Nach 20 Jahren Schulversuch wird er die Regel werden – als Alternativer Pflichtgegenstand. Allerdings erst 2021 und auch nicht in den Polytechnischen sowie Berufsschulen. Sind Sie mit dieser Lösung zufrieden?
Faßmann:
Ja, ich freue mich, dass der Ethikunterricht kommt. Aber es ist natürlich nur ein erster Schritt: Wir werden nach und nach weitere Schulstufen integrieren. Dafür, dass sich die Einführung um ein Jahr verzögert hat, bin außerdem nicht ich verantwortlich, sondern das hatte mit den Neuwahlen zu tun. Was mich besonders freut, ist, dass die Religionsgemeinschaften bereit sind, in ihrem jeweiligen Lehrplan einen gemeinsamen Unterrichtskern mit ethischen Inhalten zu formulieren. Hier sollen Begriffe wie Freiheit, Abhängigkeit, Nachhaltigkeit, Solidarität und andere ethisch relevante Fragestellungen besprochen werden. Dadurch wird noch klarer, dass es im Religionsunterricht ethische Bildung gibt. Letztlich haben wir also neben Religionsunterricht auch einen Ethikunterricht für alle.

Heinz Faßmann  - Den Begriff „Generation Corona“ lehnt Bildungsminister Heinz Faßmann ab. Ein verlorenes Semester würde seiner Meinung nach keine Bildungsbiografie gefährden. - © Fotos: Gianmaria Gava
© Fotos: Gianmaria Gava

Den Begriff „Generation Corona“ lehnt Bildungsminister Heinz Faßmann ab. Ein verlorenes Semester würde seiner Meinung nach keine Bildungsbiografie gefährden.

DIE FURCHE: Die Initiative „Ethik für alle“ versteht darunter aber, dass alle Kinder einer Klasse gemeinsam unterrichtet werden. Bei der derzeitigen Regelung ist zwar vorgesehen, dass Ethik- und Religionsunterricht zeitlich parallel geführt werden, damit Kooperationen möglich sind. Aber werden die Lehrkräfte auch angehalten, dass dies tatsächlich geschieht?
Faßmann:
Natürlich. Ich möchte auch dieses Interview dafür nutzen, diese Anregung noch einmal zu bekräftigen. Ein gemeinsamer Unterricht ist durchaus erwünscht. Sicher nicht die ganze Zeit, aber bei bestimmten Fragestellungen.

DIE FURCHE: Hätten Sie sich eigentlich persönlich für das Projekt „Ethik für alle“ oder ein Fach „Ethik und Religionen“ erwärmen können?
Faßmann:
Ich finde, dass das österreichische Konzept der Kooperation mit den Religionsgemeinschaften einen Weg darstellt, der wenig konfliktär ist und auch zum Religionsfrieden beigetragen hat. Und ich sehe keine Notwendigkeit, diesen Weg zu verlassen.

DIE FURCHE: Kommen wir am Schluss nochmal zum künftigen Weg durch die Coronakrise. Eine wesentliche Neuerung im Lockdown war der plötzliche Zwang zur Digitalisierung. Wie hat das Ihre Sicht auf das digitale Lernen verändert – wie viel Segen und wie viel Fluch geht damit für das Lernen und die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen einher?
Faßmann:
Meine Einstellung dazu ist: Das Digitale ist ein großartiges Instrument, um Raum und Zeit zu überwinden. Ich kann ortsungebunden kommunizieren und über Lernplattformen einen selbstbestimmten Lernprozess führen. Aber innerhalb der digitalen Kommunikation fehlt natürlich das, was zwischenmenschlichen Kontakt ausmacht: Wie man etwa Sympathie ausdrückt oder Konflikte löst. Soziales Lernen gelingt meiner Meinung nach letztlich nur über Face-to-Face-Kontakt. Und das eine kann das andere nicht ersetzen. Das ist für mich auch eine der zentralen Erkenntnisse aus der Pandemie.

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