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Hilfe für Benjamin?

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Was Scheidungskonflikte für Eheleute und vor allem Kinder vermindern soll, wird auch in Osterreich nun erprobt: Mediation.

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Was Scheidungskonflikte für Eheleute und vor allem Kinder vermindern soll, wird auch in Osterreich nun erprobt: Mediation.

Seine Eltern streiten wieder lautstark, der kleine Benjamin sitzt am Boden und hält sich die Ohren zu. Soeben zerbrechen einige Teller und Benjamins Familie. Einige Monate später sind Mama und Papa getrennt. Nach der einvernehmlichen Scheidung gibt es Papa nur mehr am Samstag und Mama nur noch zwischen den stundenlangen Telefonaten, die sie mit Freundinnen führt. Papa sei ein „mieses S...” sagt Mama am Telefon. Nun zerbrechen keine Teller mehr. Nur Benjamins Kinderwelt - die ist vollends zerstört.

Bund 12.000 Kinder unter 14 Jahre sind davon betroffen, wenn sich in Österreich etwa 16.000 Paare pro Jahr scheiden lassen. 90 Prozent dieser Ehen werden „im gegenseitigen Einvernehmen” geschieden, doch hinter der rechtlichen Fassade einer Einigung von Gericht toben oft noch Jahre nach der Trennung emotionale Grabenkämpfe, Opfer dieser Rosenkriege sind sehr häufig die Kinder.

*In den USA begannen daher bereits Anfang der siebziger Jahre Anwälte, bei Scheidungsverfahren „nicht-gegnerschaftliche Scheidungsberatung” für beide Eheleute anzubieten. Sie begnügten sich nicht mehr damit, durch juristisch-taktische Schachzüge vor Gericht ein möglichst günstiges Urteil für den eigenen Klienten auszuhandeln. Ziel war es vielmehr, eine tragfähige Lösung im Gespräch zwischen den Ehepartnern über Vermittlung -Mediation - des Anwaltes zu finden. Wesentlich dabei: Die Ehepartner müssen selbst und aus freien Stücken eine Einigung erreichen, der Vermittler - Mediator - ist nur neutraler Schiedsrichter, der die Spielregeln einer menschlichen und fairen Auseinandersetzung überwacht.

Die ersten Erfahrungen auf diesem Weg der Konfliktlösung in den USA waren so gut, daß zum Beispiel der Bundesstaat Kalifornien 1980 ein Gesetz verabschiedete, wonach alle streitigen Sorge- und Besuchsrechtssachen vor dem Beginn eines Gerichtsverfahrens zunächst einem Vermittlungs-Verfahren zugeführt werden müssen. 1989 hatte bereits die Hälfte aller US-Bundesstaaten Gesetze erlassen, die Mediation in Familiensachen teils obligatorisch, teils optional vorsehen.

Österreichische Familienrichter forderten anläßlich einer Tagung 1992, daß auch bei uns moderne Methoden der Konfliktbereinigung in das Scheidungsrecht einbezogen werden. Die Erfahrung mit oft sehr traurigen Begleiterscheinungen von Scheidungen haben ergeben, daß Gerichtsverfahren kein geeignetes Instrument für die emotionale Konfliktbereinigung darstellen. Im Gegenteil, die nachehelichen Auseinandersetzungen können in der Folge eines Verfahrens sogar zunehmen.

Im Sommer 1994 präsentierten das Justizministerium und das Bundesministerium für Umwelt, Jugend und Familie einen gemeinsamen Modellversuch, der für Österreich neue Wege in der selbstbestimmten Konfliktregelung erproben soll. Der Versuch läuft an den Bezirksgerichten Wien-Floridsdorf und Salzburg.

Die Mediation wird als außergerichtliches Service angeboten, das freiwillig in Anspruch genommen werden kann. Allerdings ist die Zuweisung durch einen Bichter erforderlich, die erst nach Antrag auf Ehescheidung möglich ist. Außerdem sollten die Mediations-Interessenten bereit sein, die wissenschaftliche Begleitforschung des Versuchs durch Information - natürlich unter Wahrung ihrer Anonymität - zu unterstützen.

Die Durchführung der Mediation wurde Institutionen mit einschlägiger Erfahrung in Ehe- und Familienberatung übertragen. So ist am Modellversuch in Floridsdorf die „Beratungsstelle 21” des Katholischen Familienverbandes beteiligt. Deren Leiterin, Gretl Pilz, ist Psycho- und Familientherapeutin und als Mediatorin mit Begeisterung im Modellversuch tätig: „Wir wollen den Paaren jene Kompetenzen zurückgeben, die sie im Falle eines Bechtsstreites vor Gericht aus der Hand geben. Die Mediation ist der Versuch, trennungswillige Paare in einem sehr späten Stadium des Streits noch von der Schiene des Bechtskonflikts wegzukriegen. Denn im Bahmen der Mediation haben sie die Chance, ihre höchst persönlichen Probleme auch autonom zu lösen.”

Im Versuch leitet die Mediation jeweils ein Mediatorenteam. Ein Psychologe oder Psychotherapeut und ein Jurist sollen einander sinnvoll ergänzen. Beide haben in Kursen oder durch ihre bisherige Tätigkeit Grundkenntnisse in der Technik der Mediation erworben. Diese Technik ist allerdings - zumindest bei uns - bisher nur sehr vage definiert, Standards sollen im Rahmen des Modells erarbeitet werden.

Partner von Gretl Pilz im Team ist der Richter Eberhard Krommer. Er ist seit 18 Jahren als Familien - richter tätig und arbeitet seit zehn Jahren mit Frau Pilz in der Familienberatung. Krommer hält die Mediation für gesellschaftspolitisch wichtig: „Ich weiß aus meiner richterlichen Erfahrung, daß der Streit um die Kinder nach einer Scheidung oft noch jahrelang auf deren Rücken ausgetragen wird, die Schäden sind bekannt. Jenes Energiepotential, das im Konflikt steckt, wollen wir nutzbar für Neues machen. Wir versuchen den Paaren bewußt zu machen, daß sie trotz der Trennung als Partner weiterhin als Eltern eine gemeinsame Aufgabe haben. Daher holen wir oft auch die betroffenen Kinder zu unseren Sitzungen.”

Reide Partner können sich mit so getroffenen Vereinbarungen weitgehend identifizieren, fühlen sich auch später noch zur Einhaltung - nicht nur rechtlich sondern auch moralisch! ~ verpflichtet. Viele Streitpunkte können in der Mediation emotionell aufgearbeitet werden.

Der österreichische Modellversuch läuft noch bis Herbst 1995, konkrete Zwischenergebnisse gibt es nicht. „Wir haben aber bisher nur positive Rückmeldungen”, berichtet Christa Pelikan, die für die wissenschaftliche Begleitforschung des Projekts zuständig ist. Ihren Schlußbericht wird sie im Mai 1996 präsentieren - dann besteht auch die Chance, daß aufgrund entsprechenden Erfolges die Mediation flächendeckend angeboten wird.

Einige in Deutschland ausgebildete Mediatoren offerieren auch heute schon außerhalb des Modellversuchs und ohne Zuweisung durch einen Richter ihre Dienste. Für eine verstärkte Nutzung der Mediation wären wohl Tausende Kinder dankbar. Die Leidgenossen jenes Benjamin, der heute einfach nicht verstehen kann, warum seine Mama und sein Papa miteinander nicht einmal mehr reden wollen ...

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