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Hinarbeiten auf den Tag X

Mit welchen erlaubten und unerlaubten Mitteln bereiten sich heutzutage Athleten auf den Kampf um olympischen Lorbeer vor? Einer, der darüber genau Bescheid weiß, ist Hans Holdhaus, Direktor des Instituts für medizinische und sportwissenschaftliche Beratung in Maria Enzersdorf bei Wien. An seinem - auch Breitensportler beratenden - Institut werden rund 80 Prozent der heimischen Olympiateilnehmer (das oft falsch verwendete Wort „Olympionike” trifft wörtlich nur auf Olympiasieger zu) umfassend betreut.

Zu dieser Betreuung gehört laut Holdhaus:

„Feststellung des Gesundheitsstatus, wenn erforderlich, entsprechende Maßnahmen,

Beurteilung der Belastungsfähigkeit, um Kontraindikationen bei bestimmten Trainingsmaßnahmen auszuschließen, Steuerung der Begeneration, die heute im Spitzensport extrem wichtig ist, um eine sinnvolle Balance zwischen Belastung und Entlastung zu bekommen,

Steuerung der

Ernährung mit Schwerpunkt Zufuhr von Substanzen, die im Bahmen der normalen Ernährung zu wenig aufgenommen werden können, alles natürlich erlaubte Substanzen, das genaue Gegenteil, die Alternative zum Doping,

Leistungsdiagnostik als ein Instrument zur Bestimmung bestimmter sportartspezifischer Leistungsfaktoren, als Basis zur Feinsteuerung des Trainings und Trainingsberatung, Kooperation mit dem Trainer.”

Ist man in Österreich damit auf höchstem internationalen Niveau? Holdhaus bejaht und verweist auf Aussagen ausländischer Gäste, wesentlich sei am Institut der sehr starke Konnex zwischen wissenschaftlicher Theorie und Praxis. In der Theorie sieht er kein Problem darin, einen

Doping ist ein Problem, aber von allem im Breitensport, meint der Experte

Hans Holdhaus: „Der Spitzensport ist dagegen ein harmloser Sängerknabe.” bestimmten Saisonhöhepunkt genau anzupeilen und am Wettkampftag X in Höchstform zu sein, verschiedene Faktoren können dies allerdings in der Praxis negativ beeinflussen, etwa die Limitjagd bis zum letzten Augenblick oder eine Krankheit oder Verletzung.

Daß die Psyche eine riesengroße Rolle spielt, darüber sind sich alle einig. Manche sind nervenstarke Wettkampfathleten, andere unter Druck zum Versagen neigende „Trainingsweltmeister”. Holdhaus: „Teils ist das genetisch vorgegeben, man muß damit leben, teils kann man das durch Trainingsmaßnahmen in den Griff bekommen, aber das braucht viel Zeit. Prozentmäßig ist die Beteiligung der Psyche je nach Sportart unterschiedlich. Bei einem Schützen würde ich das auf über 70 Prozent ansetzen, in einer Sportart, wo die Kondition dominant ist, nur auf etwa 10 bis 20 Prozent. Aber eine Sportart, wo die Psyche keine Rolle spielt, gibt es ganz bestimmt nicht.”

Daß Hochleistungssport, wo man den Körper extrem belastet, nicht unbedingt gesundheitsfördernd ist, bestreitet Holdhaus nicht, differenziert aber: „Es hängt von der Sportart ab, es gibt welche, die sind wirklich gesundheitsgefährdend und solche, wo das weniger dramatisch ist. Generell gilt: Wenn ich an die Grenze der Leistungsfähigkeit gehe, dann ist der beschreitbare Weg sehr schmal geworden. Und bei dieser Gratwanderung kommen natürlich Abstürze vor. In unserem Wirkungsbereich ist eine wichtige Aufgabe, diese Abstürze zu vermeiden, damit einer seine sportliche Karriere möglichst unbeschadet übersteht, daß einer über längere Zeit Hochleistungssport betreiben kann und nachher kein Sportkrüppel ist.” Ein ganz wichtiger Punkt im Spitzensport sei die genetische Voraussetzung, betont Holdhaus: „Jeder bringt etwas anderes mit. Es gibt Leute, die sind für Spitzensport prädestiniert, und Leute, die wollen Spitzensportler werden, haben aber die Voraussetzungen nicht, versuchen das mit gewaltigem Aufwand zu kompensieren, erreichen vielleicht auch recht ansehnliche Leistungen, aber mit einem wesentlich größeren Risiko.”

Manche versuchen dann mit unerlaubten Mitteln, sprich Doping, ihre Grenzen hinauszuschieben. In Atlanta sollen heuer besonders verfeinerte Methoden zum Aufspüren von lei-stungssteigernden Hormonen, insbesondere Anabolika, angewendet werden, weshalb das Antreten einiger Spitzenathleten dort als fraglich gilt. Holdhaus sagt zu diesem Thema:

„Doping ist ein Problem des Sports, aber nicht nur des Spitzensports. Der Spitzensport hat sogar den Vorteil, daß es dort Kontrollen gibt. Wenn man den Breitensport ansieht, vor allem die Body-building-Szene, so ist der Spitzensport ein harmloser Sängerknabe dagegen. Man sollte _ sich keinen Illusionen hingeben: Es wird nie möglich sein, Doping auszuräumen, und zwar deshalb, weil es immer in allen Lebensbereichen Menschen gegeben hat und geben wird, die betrügen, auch im Sport. Die Kontrollen sind ein Versuch, den Sportler davon abzuhalten, ihn zu warnen, weil die Konsequenzen nicht lustig sind. Es stimmt zwar, daß die, die dopen, gegenüber den Kontrolloren einen Schritt weiter sind, nur ist der Schritt nicht sehr groß und wird bei weitem überschätzt. Manche glauben, da sind Meilen dazwischen, und dann fallen sie kräftig auf die Nase. Die Analytiker sind den Gedopten schon knapp auf den Fersen. Daß sich nun einige Sportler dank der fairerweise vom Olympischen Comite gemachten Mitteilung, daß man die Einnahme von Anabolika jetzt noch nach mehreren Monate nachweisen kann, darüber Gedanken machen, ob sie überhaupt noch hingehen sollen oder nicht, verstehe ich.”

Weil man sonst nirgends an die jetzt in Atlanta eingesetzten Instrumente herankommt, könne auch niemand „vortesten” und danach sicher sein, durch die Olympia-Kontrollen durchzurutschen. Außer den Anabolika macht auch das Wachstumshormon von sich reden, dessen Anwendern man noch nicht so leicht das ^_^__p-^^_ Handwerk legen kann, denn, so Holdhaus: „Die Problematik sind die Referenzwerte, weil der Orga-_ nismus selbst

Wachstumshormone produziert. Wenn man nach dem Training bei einem Sportler Wachstumshormon mißt, wird man merken, daß der Wert erhöht ist, das ist eine normale Reaktion. Die Schwierigkeit besteht darin, daß man noch nicht genau sagen kann, was natürlich ist und was nicht. Man könnte jemanden zum Dopingsünder erheben, der gar keiner ist, und das ist eine Gangart, die niemand will. Das heißt, man versucht Referenzwerte zu bekommen, und hat man die einmal, dann wird es laufen. Nur, die Leute, die mit Wachstumshormon arbeiten, sind für mich sowieso grenzwertige Personen. Wenn jemand liest, welche Nebeneffekte dabei eintreten können, und dann noch Wachstumshormone

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