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"Jammern hilft uns wenig"

Gerald Netzl ist seit Juni neuer Vorsitzender des Dachverbandes der Elternvereine an öffentlichen Pflichtschulen. Der Vater dreier schulpflichtiger Töchter und erfahrene Elternvertreter plädiert für mehr individuelle Förderung der Kinder, für weniger Faktenwissen und mehr soziale Kompetenzen. Die Schulpartnerschaft soll ausgebaut werden.

Die Furche: Wie zufrieden sind Sie mit den Schulen und Lehrern Ihrer drei Töchter?

Gerald Netzl: Meine beiden älteren Kinder gehen ins Gymnasium, die jüngste in eine öffentliche Volksschule mit reformpädagogischem Ansatz, in die auch die älteren gegangen sind. Mit Schuleintritt meiner ältesten Tochter startete in dieser Volksschule die Form der Mehrstufenklasse. Das bedeutet, dass vier bis fünf Jahrgänge in einer Klasse unterrichtet werden. Kinder mit Behinderung sind ebenso integriert. Ich bin mit beiden Schulen sehr zufrieden. Wir haben das Glück, dass sich die Kinder wohl fühlen und dass sie engagierte Lehrer haben. Die Direktoren beider Schulen sind sehr aufgeschlossene Menschen, die sich gegenüber den Eltern und Elternvereinen kooperativ und kommunikationsfreudig zeigen, und die Kinder wie gleichwertige Menschen behandeln.

Die Furche: Welche Vor-oder Nachteile hat Ihrer Erfahrung nach diese Mehrstufenklasse?

Netzl: Das soziale Lernen ist verstärkt. Die Großen nehmen sich der Kleineren an, die Kleinen können von den Großen lernen. Die Kinder können entsprechend ihres Niveaus und Fortschrittes das machen, was sie machen wollen und müssen.

Die Furche: Wie kann man sich das etwa konkret im Fach Rechnen vorstellen?

Netzl: Es werden Kleingruppen gebildet. Stellt eine Lehrerin oder ein Lehrer fest, dass ein Kind nicht dort ist, wo es sein soll, dann wird es gezielt gefördert. Es ist ein sehr liberales System, was teilweise dazu führen kann, dass die Kinder das, was ihnen nicht Spaß macht, ein bisschen auf die Seite schieben. Aber darin liegt die Verantwortung der Lehrer, das festzustellen und die Kinder zu ermuntern, auch das zu lernen, was weniger Spaß macht. Und das funktioniert. Ich sehe darin keinen Vorteil, dass alle Kinder zur selben Zeit dasselbe lernen und können müssen. Unser Bildungssystem schert alle über einen Kamm. Da setzt unsere Kritik als Elternvertretung an: Es wird viel zu wenig auf die individuellen Fähigkeiten, Bedürfnisse und Defizite der Kinder eingegangen. Das hat sich durch die Kürzungsmaßnahmen der letzten Jahre noch intensiviert. Dort, wo ich Ressourcen zur Verfügung stelle und individuell fördere, da geht viel mehr weiter als wenn ich stur nach Lehrbuch unterrichte.

Die Furche: Wie ist dann Ihre persönliche Meinung zur Neuen Mittelschule bzw. Gesamtschule?

Netzl: Für mich ist nicht erklärbar, warum etwas, nämlich die gemeinsame Schule von sechs bis zehn Jahren, das so gut funktioniert, die höchste Akzeptanz in der Bevölkerung und hohe Beliebtheitswerte bei den Kindern aufweist, nicht auch bis 14 oder 15 Jahren funktionieren sollte. Viele Kinder werden durch Selektion an den Rand gedrängt und fallen aus dem Bildungsprozess heraus. Das können wir uns als Gesellschaft nicht leisten. Alle Kinder sind gleich viel wert und sollen ähnliche Lebenschancen erhalten. Da ist großer Reformbedarf gegeben.

Die Furche: Wie wird das innerhalb der Elternvertreter diskutiert?

Netzl: Das ist ein Thema, bei dem wir innerhalb der Elternvertreter dieselbe Bandbreite an Meinungen haben wie innerhalb der Eltern und Bevölkerung selbst.

Die Furche: Gibt es da ein Forum, um darüber zu diskutieren?

Netzl: Elternvertreter sind eher mit Fragen vor Ort konfrontiert, etwa wenn es Probleme mit einem Lehrer um die Finanzierung von Schulveranstaltungen und zusätzlichen Schulbüchern geht oder um Fragen der Betreuung der Kinder am Nachmittag oder bei Ausfall einer Unterrichtsstunde. Das sind die lebensnahen Fragen. Die Zukunft des Schulsystems wird in den Elternvereinen kaum diskutiert, denn bis das reformiert ist, gehen die jeweiligen Kinder nicht mehr in diese Schule. Nichtsdestotrotz sind wir als Dachverband mehr als gefragt und wollen in die Diskussion mit dem Ministerium einbezogen werden und unsere Elternsicht und-erfahrung einbringen. Die Frage, wie die Elternmitbestimmung in der Neuen Mittelschule geregelt wird, ist eine sehr wichtige Frage. Wir fordern, dass sich die Neue Mittelschule an die schulpartnerschaftliche Form der Pflichtschulen hält, in der im Unterschied zur AHS quantitativ mehr Mitsprache der Eltern gegeben ist.

Die Furche: Ist es schwierig, Elternvertreter zu finden?

Netzl: Es wird immer schwieriger, weil die Anforderungen in den Familien steigen. Die Veränderungen in der Berufswelt sind evident. Am Abend sind die Eltern oft ausgelaugt und können sich nicht mehr zu Elternabenden aufraffen. Ich kann das verstehen, aber für die Demokratie ist diese Mitbestimmung sehr wichtig.

Die Furche: Die Lehrer klagen wiederum, dass sie immer mehr Erziehungsarbeit übernehmen müssen.

Netzl: Es wird zum Teil stimmen, aber zum Teil reden sich das die Lehrer ein. Sicherlich war es leichter, in den 50er Jahren Lehrer zu sein: Die Kinder mussten ruhig sitzen, waren extrem diszipliniert und am Nachmittag waren die Mütter daheim, um mit den Kindern zu lernen. Das habe ich heute nicht mehr. Aber dieser Einsicht muss ich mich stellen, darüber kann ich nicht jammern, das hilft wenig. Wir müssen auf die Probleme zugehen und Lösungen finden. Wenn es heißt, die ganztägige Schulform - auf freiwilliger Basis - könnte eine Lösungsmöglichkeit sein, dann kann ich mich dem stellen. Als Elternvertreter erwarte ich mir, dass mein Kind in der Schule so viel lernt, wie es lernen soll. Das ist die Verantwortung des Lehrers. 140 Millionen Euro, die jährlich für Nachhilfe ausgegeben werden, sind eine bedenkliche Summe. Warum soll ich privat etwas zahlen, was eigentlich die öffentliche Hand finanzieren müsste?

Die Furche: Steckt da aber nicht auch schlechtes Gewissen der Eltern (weil sie zu wenig zum Lernerfolg beitragen) oder übertriebener Ehrgeiz hinter dem großen Nachhilfebedarf?

Netzl: Schlechtes Gewissen? Das weiß ich nicht. Der Erfolgsdruck ist überall groß, den macht sich die Gesellschaft selbst. Die Eltern sollen entspannter an die Sache herangehen und den Kindern nicht so viel Druck machen, die Hauptschulen sind nicht so schlecht wie ihr Ruf - auch in Wien.

Die Furche: Gibt es Handlungsbedarf in der Lehrerausbildung?

Netzl: Absolut. Da gilt dasselbe wie für die Schülerausbildung: mehr Pädagogik und soziales Lernern, weniger reines Stoff- und Fachwissen. Es geht heute doch eher darum, zu wissen, woher man die Information und das Wissen bekommt. Die Lehrerausbildung soll auf hohem Niveau mit großem Praxisbezug passieren. Zugleich wären Umstiegsmöglichkeiten für Lehrer wichtig. Es findet auch viel zu wenig Austausch der Pädagogen mit der Welt außerhalb der Schule statt. Anstelle von Eignungstests wäre mehr Lebenserfahrung vor der Entscheidung zum Lehrberuf wünschenswert.

Das Gespräch führte Regine Bogensberger.

Familienmensch im Viermäderl-Haus

Nicht einmal im besten Management-Seminar könnte man sich jene Kompetenzen aneignen, die ein junger Vater spielerisch erwirbt, wenn er in Karenz geht. Diese Sicht würde Gerald Netzl sofort unterschreiben, war doch der 39-jährige Wiener mehr als zwei Jahre mit der Betreuung seiner Töchter als Hausmann beschäftigt, während seine Frau wieder arbeitete. Sein Eltern-Engagement setzte der studierte Politikwissenschafter auch außerhalb der Familie fort. Schon als die jüngste der drei Töchter (13, 12 und 8 Jahre) in die Volksschule kam, wurde Netzl Klassenelternvertreter, ab 2001 war er im Vorstand des Verbandes, später stellvertretender Vorsitzender des Wiener Landesverbandes, bis er im Juni für vorerst zwei Jahre zum Leiter des Dachverbandes gewählt wurde. Zugleich ist er aber immer noch Elternvertreter in den Klassen seiner Töchter. Es sei sehr wichtig, den Draht zur Basis zu haben, betont Netzl, der beruflich für das Kinder- und Jugendprogramm der Stadt Wien (wienXtra) tätig ist. Der Dachverband der Elternvereine der Pflichtschulen, der die Überparteilichkeit hervorstreicht, besteht aus den Vertretern der neun Landesverbände, die wiederum die einzelnen Elternvertreter pro Schule zusammenfasst, die zu Beginn des Schuljahres gewählt werden und wofür sich oft schwer Kandidaten finden. Netzl bedauert in diesem Zusammenhang, dass "die Gesellschaft das Engagement der ehrenamtlichen Elternvertreter viel zu wenig lohnt und dankt". ( www.elternverein.at)

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