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Kein neues System in Sicht

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Wird die Hauptschule zur „Nebenschule“, in Ballungsräumen gar zur „Restschule“, die AHS- , Unterstufe aber zur De-facto-Gesamtschule?

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Wird die Hauptschule zur „Nebenschule“, in Ballungsräumen gar zur „Restschule“, die AHS- , Unterstufe aber zur De-facto-Gesamtschule?

REDAKTIONELLE GESTALTUNG: HEINER BOBERSKI

Heißt eine Schule, die nur mehr zwanzig Prozent der Schüler einer Region besuchen, noch zu Recht „Hauptschule“? Ist sie nicht in jenen städtischen Gebieten, wo 80 und mehr Prozent der Volksschüler in die Unterstufe einer Allgemeinbildenden Höheren Schule (AHS) übertreten, bestenfalls eine „Nebenschule“? Und zeigt das Faktum, daß es in manchen ländlichen Regionen noch genau umgekehrt ist, nicht ein Dilemma, das mit „Chancengleichheit“ kaum vereinbar scheint?

Für Kurt Scholz, den Amtsführen- den Präsidenten des Wiener Stadtschulrates, bestehen heute „zwei Hauptschulen: die auf dem Land und die in allen städtischen Ballungszentren, die von der Konkurrenz der AHS erdrückt wird“. Scholz sieht darin eine „Abstimmung der Eltern, die nichts mit der Qualität des Geleisteten zu tun hat, sondern mit den Hoffnungen der Eltern“. Dabei habe er selbst selten irgendwo „so viele innovative Ansätze und so viel Idealismus“ gesehen wie in Wiener Hauptschulen, wo es zum Beispiel Schwerpunkte für Informatik, Sport, Fremdsprachen oder Ökologie gibt. Trotzdem verliere die Hauptschule in Wien „mit beängstigender Regelmäßigkeit“ von ihren potentiellen Schülern pro Jahr etwa 1,5 Prozent mehr an die AHS.

Keinesfalls handle es sich nur um ein Wiener Problem, betont Scholz, denn die Wiener Übertrittsrate in die AHS (61 Prozent, je nach Bezirk zwischen 40 und 85 Prozent) werde von anderen Städten (Graz 65 Prozent, Perchtoldsdorf 70 Prozent) noch übertroffen. Wo die Hauptschule auf dem Land als „noch gesund“ gelte, sei einfach die nächste AHS schwerer erreichbar.

Ist nun die Existenz von „zwei Hauptschulen“ (Stadt, Land) auf die Dauer haltbar? Scholz: „Wir kommen mit sturen bundesweiten Lösungen nicht mehr durch. Das Schulgesetz darf kein Hut sein, der auf alle Köpfe zu passen hat, egal wie diese Köpfe aussehen. Wir brau-

chen in städtischen Ballungszentren andere schulorganisatorische Lösungen als auf dem Land.“

Kein einheitlicher Hut - bedeutet das ein Abgehen des Sozialdemokraten Scholz vom Ziel der Integrierten Gesamtschule, an der sich bildungs- politische Debatten über die Schule der Zehn- bis Vierzehnjährigen (die Sekundarstufe I, wie die Experten sagen) in den letzten Jahren festgefahren haben?

Politisch sei die Gesamtschule derzeit keine realistische Perspektive, meint Scholz, praktisch existiere sie aber in weiten Teilen Wiens bereits auf der Unterstufe der AHS. Das sei aber die „ungünstigste Form“, denn es fehlen die differenzierenden Leistungsgruppen, die dafür in der Hauptschule vorhanden sind, was Scholz dort als „ziemlich sinnlose Übung“ ansieht.

Daß manchmal auch der drohende Druck der Leistungsgruppen (die auch wegen des mit ihnen verbundenen Zerreißens des Klassenverbandes umstritten sind) Schüler in die AHS statt in die Hauptschule treibt, steht auf einem anderen Blatt. In der Praxis hat sich auch gezeigt, daß der vorgesehene Wechsel von Leistungsgruppen ab der siebenten Schulstufe nur noch selten und dann fast nur nach unten erfolgt.

Johannes Riedl, Amtsführender Präsident des Landesschulrates für Oberösterreich aus den Reihen der ÖVP, hat nicht zuletzt deshalb unlängst vorgeschlagen, die fünfte und sechste Schulstufe als gemeinsame „Orientierungsstufe“ zu betrachten, denn eine „Gabelung“ der Bildungs

wege im Alter von zehn Jahren sei zu früh. Alternativen zürn heutigen System seien die Integrierte Gesamtschule aller Zehn- bis Vierzehnjährigen, das räumliche Probleme aufwerfende Modell einer Sechs-Jahre- Grundschule, wie es die meisten Schweizer Kantone haben, oder eine zweijährige Orientierungsstufe. Sie könnte typenunabhängig in den Räumen der nächstgelegenen Hauptschule oder AHS eingerichtet werden. Riedl, um Ausgleich zwischen den Polen Integration und Differenzierung bemüht, bekennt sich aber auch klar zu Differenzierung: „Meiner Meinung nach muß die Schule vom sechsten Lebensjahr an ein hochdifferenziertes Fördersystem sein, weil sie sonst ihre Aufgabe verfehlt, zur Verschiedenheit beizutragen. Es ist ein Irrtum, zu meinen, es sei Aufgabe der Schule,

Gleichheit zu bewirken.1

„Ich rechne, daß die Schülen der Zehn- bis Fünfzehnjährigen in zehn Jahren anders aussehen werden“, meint Riedl, der schon durch die 14. Novelle zum Schulorganisationsgesetz, die den Schulen die Entwicklung eines eigenen Profils erlaubt, Veränderungen erwartet. Die Viel-

falt der Schulen werde noch größer werden. „Ich denke, daß die standortbezogene Schulentwicklung die Entwicklung der Zukunft sein wird, nicht ein Systemsprung. Die Eltern werden wahrscheinlich weniger darauf schauen, wie die Schule heißt, sondern was die Schule leistet.“ Laut Riedl ziehen Eltern zunehmend dem „Auspendeln“ ihrer Kinder eine wohnortnahe Schule vor, wobei sie gleichzeitig „ihre Vorstellungen über Schule deutlicher artikulieren“.

Das höhere Image der AHS hängt auch mit ihrem universitär ausgebildeten Lehrpersonal zusammen, dem meist, vor allem bei Fremdsprachen, mehr Kompetenz eingeräumt wird. Anderseits halten viele die pädagogische Ausbildung an Pädagogischen Akademien für besser als an Universitäten. Faktum ist, daß für Reformen neben anderen Gründen auch die unterschiedliche Lehrerausbildung (samt dem daraus folgenden verschiedenen Gehaltsschema) ein großes Hindernis ist, weshalb man auch hier ansetzen müßte.

Die Zukunftsüberlegungen von Kurt Scholz für die Sekundarstufe I gelten dem in Wien und Graz erprobten Modell „Schulverbünd“, das als Schulversuch „Mittelschule“ läuft, für Walter Maitz, Pressesprecher des Wiener Stadtschulrates, eine „flexible gesamtschulartige Form mit Zwei-Lehrer-Einsatz, mit einer Begabungs- und Neigungsförderung“, wobei Scholz hervorhebt: „Das ist keine verkappte Einführung einer Gesamtschule, sondern einfach der Versuch, im Zuge einer inneren

Schulreform die Lehrinhalte der Hauptschule und der AHS-Unterstu- fe durchgängiger zu machen.“ Guten Hauptschülem soll der problemlose Wechsel in die AHS ermöglicht werden, ein an AHS unbekanntes Angeböt an Lehrern, auch Bera- tungs- und Stützlehrern (sowohl Hauptschullehrer als auch - sonst teik von Arbeitslosigkeit bedrohte — AHS-Lehrer) wertet die Hauptschule auf.

„Konvergenz von Hauptschule und AHS-Unterstufe im Sinn eines sinnvollen Verbundes“ lautet die Devise von Scholz: „Heute flächendeckend die Gesamtschule einzuführen, entspricht nicht der Bewußtseinslage der Eltern dieses Landes.“

SCHULVERBUND ZU TEUER?

Während Scholz für eine Ausweitung des Schulversuches eintritt, der nach derzeitiger Gesetzeslage auf fünf Prozent der Schüler beschränkt bleiben muß, sieht Johannes Riedl den Haken beim aufwendigen Schulverbund-Versuch in den Kosten, seine Übernahme in das Regelschulwesen sei nicht finanzierbar.

Eine neue äußere Schulreform (Gesamtschule oder wieder klare Abgrenzung von Hauptschule und Gymnasium) ist ako nicht in Sicht. Es müßten jeweik regionale Lösungen gesucht werden, meint Scholz und weiß sich darin mit seinen Kollegen Riedl oder Bernd Schilcher (Steiermark) eines Sinnes.

Ist das Schulsystem wirklich durchlässig, kommt es nicht darauf an, ob „Hauptschule“, „AHS“, „Realschule“ (so heißt ein interessanter Versuch in der Steiermark) oder „Mittelschule“ auf einem Schulgebäude steht, sondern welchen Wert die dort vermittelte Bildung hat und was man danach damit anfangen kann. Eine österreichische Lösung?

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