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Kinder senken das Pro-Kopf-Einkommen ganz erheblich

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Viel wird in der aktuellen „Sparpaket-Diskussion” über Ungerechtigkeit, Besserverdienende und solche, die „es gerade besonders brauchten”, gesprochen. Who is Who?

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Viel wird in der aktuellen „Sparpaket-Diskussion” über Ungerechtigkeit, Besserverdienende und solche, die „es gerade besonders brauchten”, gesprochen. Who is Who?

Zunächst: Es gibt viele und verschiedene Vorgangsweisen in der Statistik, um den einzelnen Bürger, seine Brieftasche und deren Inhalt näher kennenzulernen. Es gibt ebenso viele verschiedene Ergebnisse. Wer wird „arm” und wer wird „reich” genannt?

Die Anzahl jener, die von Armut bedroht sind, wird zwischen einer halben und eineinhalb Millionen Österreichern geschätzt. „Arm” bedeutet für die Sozialwissenschaft heute nicht mehr, keinen Kühlschrank zu besitzen, sondern übermäßig arbeiten zu müssen, um ihn füllen zu können. Soviel arbeiten zu müssen, daß eine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben kaum mehr möglich ist und ein Prozeß sozialer Ausgrenzung einsetzt.

Auch für „Reichtum” ist die Re-griffsdefinition alles andere als einheitlich. Sind „Resserverdiener” jene, die alleinstehend 50.000 Schilling brutto pro Monat verdienen oder jene, die 70.000 Schilling bekommen, aber in einer großen Wohnung drei Kinder versorgen? Und was ist mit jenen, die relativ viel verdienen, aber fast genausoviel für Kredite zurückzahlen?

Wenn in der Frage der „Solidarabgabe” (nach dem Muster des Gewerkschafts-Vorschlags) von einer 50.000 Schilling-Grenze gesprochen wird, muß wohl ein Rrutto-Bezug gemeint sein. Der würde sehr unkritisch umgerechnet (ohne Absetzbeträge, ohne Familienbeihilfe), vielleicht etwa 30.000 Schilling Nettolohn bedeuten. Wer müßte nun nach solchen Kriterien in die Solidar-Kasse einzahlen?

Nach Schätzung des Österreichischen Statistischen Zentralamtes (ÖSTAT) wären etwa 120.000 Dienstnehmer - rund vier Prozent aller unselbständig Erwerbstätigen -zu einem solchen Akt kollektiver Budgetverschönerung aufgerufen. Betroffen: die sieben Prozent bestverdienenden Angestellten (rund 70.000), fünf Prozent aller Beamten (rund 20.000) und 4,5 Prozent aller Vertragsbediensteten im öffentlichen Dienst. Zu dieser Gruppe von „Besserverdienern” würde freilich nicht einmal ein Prozent aller Arbeiter gehören. Unter den besonders gut verdienenden 120.000 Österreichern gibt es wiederum etwa 40.000, die brutto über eine Million pro Jahr beziehungsweise 70.000 Schilling pro Monat verdienen.

Bei den fleißigen „Geld-schefflern” findet sich natürlich auch ein großer Teil der Einkom-mensteuerpflichtigen. So nehmen zum Beispiel immerhin zehn Prozent der im Gesundheitswesen tätigen Selbständigen - niedergelassene Arzte - mindestens 2,5 Millionen Schilling im Jahr ein. Das wären nach Abzug der Steuern immer noch 100.000 Schilling im Monat. Leider ist die Gruppe der etwa 250.000 Selbständigen (Bauern und ihre Angehörigen ausgenommen) statistisch kaum erfaßt.

Während die Statistiker bei Angestellten genaue Unterscheidungen nach Branchen, Tätigkeit und so weiter vornehmen, gibt es bei den Selbständigen beispielsweise recht global die Gruppe „Geld- und Kreditwesen; Privatversicherungen; Wirtschaftsdienste”; hier sind auch Rechtsanwälte erfaßt. Jedenfalls haben die Zahlen-Jongleure vom Statistischen Zentralamt herausgefunden, daß es auch in dieser Gruppe vielen recht gut geht. Jeder Zehnte streift mehr als 2,3 Millionen Schilling brutto pro Jahr ein.

Interessant im Zusammenhang mit dem Sparpaket sind auch Angaben über Kinder, Familien und ProKopf-Einkommen. Generell steht außer Frage, daß Kinder das ProKopf-Einkommen einer Familie erheblich senken. So hat eine alleinerziehende Angestellte mit einem Kind um 40 Prozent weniger Geld zur Verfügung, als es dem durchschnittlichen Familieneinkommen ihrer Rerufskollegen entsprechen würde.

Auch Bildung ist - allen politischen Beteuerungen zum Trotz -stark von sozialer Schicht und Einkommen abhängig. So findet sich in 34 Prozent aller Haushalte mit über 100.000 Schilling Monatseinkommen durchschnittlich ein Student. Bei den mittleren Einkommen von 10.000 Schilling sind es ganze 1,2 Prozent. Selbstverständlich sind solche Zahlenspiele stets mit größter Vorsicht zu genießen. Verschiedene Erhebungsmethoden, Auswertungen und Interpretationen bringen bisweilen sehr unterschiedliche Ergebnisse. Aussagekräftig sind höchstens Trends - aber auch die haben es gelegentlich in sich.

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