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Klassenzimmer all-inclusive?

Die Bildungspolitik ist blockiert. Die "Katholische Aktion" legte kürzlich ihre Vorstellung von einer gerechten Schule vor. Kann das Konzept etwas bewegen?

Pünktlich zum letzten Ringen um Zeugnisnoten kommt die für viele Eltern wenig überraschende Meldung: Die Kosten für Nachhilfeunterricht sind laut einem AK-Test geradezu "explodiert". Der naheliegende Grund, so die Arbeiterkammer: Die Nachfrage ist entsprechend hoch.

Der enorme Bedarf von Nachhilfeunterricht zeigt aber auch erneut, was bekannte Vergleichsstudien wie Pisa oder Pirls längst an Land befördert haben: Die Leistungen unseres Schulsystems sind schlichtweg nicht "genügend". Aber nicht nur das: Das Schulsystem ist ungerecht, lautet die Analyse vieler Bildungsexperten: Wer "oben" ist, also aus bildungsnahen und sozial bessergestellten Gruppen stammt, bleibt eher oben, wer "unten" ist, steigt schwer auf.

Die katholische Laienorganisation "Katholische Aktion Österreich" wollte sich mit dieser Ungerechtigkeit nicht abfinden, wie sie selbst betont. Die Konsequenz war eine Arbeitsgruppe unter der Führung von Gerald Faschingeder; das Resultat des Nachdenkprozesses waren Vorschläge für eine gerechtere Schule (siehe unten).

Wie schwierig das Terrain ist, machte allein die Festlegung eines Präsentationstermins deutlich: Eigentlich wollte man die Vorschläge schon im vergangenen Herbst vorstellen. Doch zuerst waren Neuwahlen, dann kam der Streit um eine mögliche Mehrarbeit der Lehrerinnen und Lehrer. Und zuletzt sind die politischen Akteure wieder zur blockierten Tagesordnung übergegangen, Aufbruchstimmung in der Schulpolitik verspürte man selten weniger. Ist es nun der beste oder der schlechteste Moment für die "Katholische Aktion", um ihre Vorschläge zu präsentieren? Sie könnten sang- und klanglos untergehen, sie könnten aber auch die festgefahrene Diskussion wiederbeleben.

Klopfen gegen eine Betonwand?

Die Chancen für Letzteres stehen nicht schlecht: Denn das Positionspapier enthält neben einer differenzierten und abgesicherten Analyse vor allem eines: klare Positionen. Gefordert wird eine gemeinsame "inklusive" Schule der 6- bis 15-Jährigen - nach dem Motto "Vielfalt als Normalität". Alle Bevölkerungsgruppen sollten sich in den Klassen widerspiegeln: diverse ethnische Gruppen und Kinder mit Behinderungen, erklärt Faschingeder. Die gemeinsame Schule müsste an neue pädagogische Konzepte der individuellen Förderung geknüpft sein. Diese sollte im Kindergarten einsetzen. Die Schultage müssten länger dauern (Richtung Ganztagsschule), das Notengeben überdacht, Schulgebäude umgebaut werden. Kein Stein sollte also auf dem anderen bleiben. Aber womit anfangen? Bei der gemeinsamen Sozialisierung und Besoldung aller Lehrer und Lehrerinnen, ist Faschingeder überzeugt.

Die Vorschläge decken sich weitgehend mit dem, was viele Bildungsexperten und -expertinnen seit Jahren predigen. Sie seien zudem ein wichtiges Signal, betont der Bildungswissenschafter Rupert Vierlinger: Es sei wichtig, dass aus kirchlichen Kreisen dieser Vorstoß unternommen wurde. Der Befürworter einer "echten Geamtschule" und Autor des Buches "Steckbrief Gesamtschule" (Böhlau Verlag, 2008) begrüßt erwartungsgemäß die Positionen des Papiers, kritisiert aber, dass sich die "Katholische Aktion" hinter dem Begriff "inklusive Schule" versteckt und nicht klar sagt, was sie will: eine Gesamtschule. Faschingeder meint dazu: "Beim Begriff Gesamtschule gehen bei vielen sofort die Rollläden runter."

Substanziell wird die Kritik des Bildungswissenschafters Stefan Hopmann von der Uni Wien: Er nennt mindestens zwei "empirisch fragwürdige Vorannahmen", wie er gegenüber der FURCHE ausführt: Zunächst gebe es bereits Erfahrungen mit der "inklusiven Schule", etwa in Norwegen. Diese Erfahrungen zeigen laut Hopmann eines deutlich: dass sich auch dadurch soziale Segregation nicht verhindern ließe. Zwar werde sie dort nicht durch Schulstrukturen verursacht, sondern durch die Wohnsituation oder besondere pädagogische Programme. Bildungsnahe Familien würden eben in "besseren" Gegenden leben und wissen, wo sie die "richtigen Schulen" finden. Dagegen helfen würde der umstrittene Schulortzwang. Nur: "Welche Eltern aus besseren Kreisen in Mödling würden zulassen, dass ihre Kinder aus Gründen der sozialen Ausgewogenheit in eine Schule in Favoriten zwangsversetzt werden?", wirft Hopmann ein.

Er bezweifelt, dass soziale Ungleichheit durch eine einheitliche Schulstruktur und "geschickte" Pädagogik abgebaut werden kann, ohne dass dies zu Lasten von irgendjemandem gehen würde. Das ginge nur in einer Gesellschaft mit unbegrenzten Ressourcen. "Wer will, dass öffentliche Schulen Chancengerechtigkeit fördern, muss sich dafür einsetzen, dass sich diese Schulen primär an den Bedürfnissen und Möglichkeiten derjenigen orientieren, die der Hilfe am meisten bedürfen." Die Konsequenz daraus wäre eine Stärkung des privaten Schulsektors.

Gefahren und Tücken

Die Gefahr sieht auch Faschingeder: Wenn eine gemeinsame Schule, dann müsse diese gut gemacht sein. Sonst bestehe tatsächlich die Gefahr, dass die Teilung dann nicht mehr entlang Hauptschule und AHS, sondern entlang privater und öffentlicher Schulen verlaufen würde.

Wie reagierten politische Akteure auf die Vorschläge? Volle Zustimmung kommt wie zu erwarten vom grünen Bildungssprecher Harald Walser, der hinzufügt, dass alles, was aus dem ÖVP-affinen Bereich kommt, sehr wichtig sei, um Bewegung in die Volkspartei zu bekommen, die eine gemeinsame Schule bekanntlich ablehnt.

Von dortiger Bewegung ist noch wenig zu spüren, und wenn, dann in eine andere Richtung: Bildungssprecher Werner Amon meint, die Analyse der "Katholischen Aktion" zu teilen: Ja, wir sortieren zu stark nach sozialem Hintergrund. Seine Antwort wäre freilich eine völlig konträre: ein neues Aufnahmeverfahren für die AHS, "um wirklich nach Leistung und Begabung" zu sortieren. Mit dem Vorschlag eines dreistufigen Aufnahmeverfahrens - es sollte sich an den Noten, an Bildungsstandards und an einem Eltern-Kind-Lehrer-Gespräch orientieren - stieß Amon bereits auf starke Ablehnung, etwa bei den Grünen und der SPÖ. Er verweist lieber auf Internet-Umfragen: Dort soll sein Vorschlag große Zustimmung erfahren haben.

Denn eines ist laut Amon klar: Es gebe "akuten Handlungsbedarf", die AHS-Unterstufen, vor allem in Ballungsräumen, würden sich immer mehr zu "undifferenzierten Gesamtschulen" entwickeln. "Die Hauptschulen sind dort nahe daran zu kollabieren." Zumindest darin sind sich wohl alle einig.

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