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Lehrer auf dem Prüfstand

Pünktlich zum Schulstart und vor Beginn der Beamtengehaltsrunde kritisiert der Rechnungshof steigende Kosten im Schulbereich. Das Bildungsministerium verweist auf Erhebungsfehler - und die hohe Kompetenz der Lehrer. Ob dem so ist, soll eine OECD-Studie klären.

Wo genau der Feind lauert, war nicht leicht auszumachen. "Unser Feind ist die Regierung und nicht anders organisierte Lehrerinnen und Lehrer", beteuerte eine Teilnehmerin der Initiative "Heißer Herbst" vergangene Woche bei einer Pressekonferenz. Glaubte man den Worten ihres Nachbarn am Podium, dürften die feindlichsten Kräfte jedoch im eigenen Kollegenkreis zu finden sein: "Die Gewerkschaft öffentlicher Dienst hat uns im Stich gelassen", wetterte er. "Wir haben einen Reallohnverlust von 25 Prozent". Um dieser "schleichenden Verarmung einer ganzen Berufsgruppe" Einhalt zu gebieten, fordert die "Unabhängige Bildungsgewerkschaft" in den nächsten Jahren eine Gehaltserhöhung von drei Mal zehn Prozent. Ansonsten trete man ab 15. Oktober in einen unbefristeten Streik.

Derartige Muskelspiele stoßen bei den GÖD-Vertretern auf wenig Gegenliebe, zumal man derzeit selbst mit Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer um die nachträgliche Abgeltung der Inflation für das Jahr 2002 streitet - und ebenso einen Streik in Aussicht stellt. Mit ihrer "blödsinnigen bis unverschämten" Gehaltsforderung ziehe die "Unabhängige Bildungsgewerkschaft" einen "ganzen Berufsstand in den Dreck", ätzt Pflichtschulgewerkschafter Walter Riegler. Ähnlich harsch kommentiert Bildungsministerin Elisabeth Gehrer die Wünsche der in ihrem Heimatland Vorarlberg gegründeten Lehrervereinigung: "Es schadet den Lehrern ganz enorm, wenn irgendwelche Utopisten irreale Forderungen stellen", erklärt sie im Furche-Gespräch.

Höhere Anfangsgehälter

Dabei scheint sich einer der größten Wünsche der Lehrerschaft gerade zu erfüllen: So wurde im Bildungsministerium eine Novelle zum Besoldungsrecht ausgearbeitet, wonach Neueintretende und Jüngere mit höheren Anfangsbezügen und größeren Steigerungsraten in den ersten Jahren rechnen können. Statt bisher monatlich 1.750 Euro sollen Lehrer an höheren Schulen künftig 2.000 Euro erhalten, Pflichtschullehrer statt derzeit 1.580 immerhin 1.900 Euro. Auch wenn die Gehaltskurve dann abflache, bleibe die Lebensverdienstsumme gleich, so Gehrer. Mit 1. September 2003 soll die Reform in Kraft treten.

Wie sie finanziert werden kann, ist allerdings noch fraglich, zumal die flachere Gehaltskurve erst nach rund 20 Jahren für das Budget wirksam wird. Zudem stellen im Bildungsministerium 90 Prozent des Budgets fixe Personalkosten dar. Dass es unter diesem Kostendruck zu einer Reduktion der Lehrerposten kommen könnte, wie in der Presse berichtet, stellt Gehrer gegenüber der Furche jedoch in Abrede: "Wir haben ganz klare Verhältniszahlen, die im Finanzausgleich paktiert sind." Für 14,5 Volksschüler bzw. zehn Hauptschüler sei jeweils ein Dienstposten vorgesehen. Ebenso gebe es klare Zuweisungen von Werteinheiten in den Bundesschulen. "Es wird nichts an den Ressourcen verändert", versichert Gehrer.

Millionen Sparpotenzial

Gerade die Kostensituation an Österreichs Schulen geriet aber vergangene Woche durch einen (vorzeitig veröffentlichten) Rohbericht des Rechnungshofes in die Kritik. In seinem "Ergebnis der Überprüfung der Besoldung der Landeslehrer" (Volks-, Haupt- und Sonderschulen) finden sich zwar noch keine Anschuldigungen, wohl aber Anregungen, wie im Pflichtschulbereich Kosten in Millionenhöhe einzusparen wären. Im internationalen Vergleich hätten etwa Volks- und Hauptschullehrer rund zehn Prozent weniger Unterrichtsstunden zu absolvieren als der Durchschnitt vergleichbarer Lehrer in den OECD-Staaten. Mehrkosten: rund 300 Millionen Euro. Zudem würden den stetig sinkenden Kinderzahlen stetig steigende Lehrerzahlen gegenüberstehen, kritisiert der Rechnungshof. So sei der Aufwand für Landeslehrer von einer Milliarde Euro im Jahr 1980 auf 2,7 Milliarden Euro im Jahr 2000 angewachsen. Als Ursache für die Kostenexplosion ortet man vor allem die unklare Kompetenzverteilung im Pflichtschulbereich: Während der Bund die Gesetze macht und die Bezahlung der Lehrer besorgt, sind die Landesschulräte für den Vollzug zuständig.

Der Protest gegen den geharnischten Rohbericht ließ nicht lange auf sich warten: Er enthalte "missverständliche Daten", erklärte Bildungsministerin Gehrer prompt. Tatsächlich wurden im Bericht zur Ermittlung des Lehrer-Schüler-Verhältnisses die Lehrerköpfe herangezogen, nicht aber die tatsächlichen Dienstposten. Gerade in den vergangenen Jahren sei es aber zu einer stärkeren Inanspruchnahme von Teilzeitbeschäftigungen gekommen, so Gehrer. Eine entsprechende Vergleichsrechnung mit ganzen Lehrerposten komme demzufolge zu einem anderen Ergebnis: So habe es an Österreichs Pflichtschulen im Schuljahr 1995/96 686.000 Schüler und 65.500 Dienstposten gegeben. Im Schuljahr 2001/02 wurden dagegen nur mehr 65.000 Dienstposten für die gleiche Schülerzahl verzeichnet. Gehrers Konklusio: Ein "sehr gutes Schulsystem" wie das österreichische mit manchen bewusst lehrerintensiven Zielsetzungen - etwa der Integration geistig behinderter Kinder bis zur achten Schulstufe - habe eben seinen Preis.

Auch Pflichtschullehrer-Gewerkschafter Walter Riegler stößt - ausnahmsweise - ins selbe Horn wie die Ministerin und warnt vor oberflächlichen Vergleichen: "Deutschlands Lehrer unterrichten ein paar Stunden mehr und bekommen auch mehr Gehalt", erklärt er gegenüber der Furche. "Aber sie produzieren auch Kinder, die in öffentlichen Untersuchungen dramatisch schlecht abschneiden."

Lehrer im Vergleich

Und wieder wird "Pisa" zum Ausgangs- und Endpunkt aller Bildungsdebatten: Im viel zitierten "Programme for International Students Assessment", ausgerichtet von der OECD, hatte Deutschland bekanntlich nur den 21. Platz belegt, während Österreich auf Platz zehn rangierte.

Nach einem Bericht der deutschen Wochenzeitung Die Zeit von der Vorwoche will die Organisation nun in einer weiteren Studie die Lehrerschaft unter die Lupe nehmen. Anders als im Hamburger Blatt angedeutet, sei darunter aber keine "Pisa"-Studie für Lehrer zu verstehen, stellt Paulo Santiago von der Abteilung für Erziehung und Bildung in der OECD gegenüber der Furche klar: "Es wird nicht das Wissen der Lehrer abgefragt. Vielmehr wollen wir die Qualität des Unterrichts im Primär- und Sekundärschulbereich vergleichen und den teilnehmenden Ländern eine Handreichung geben, ihre Lehrerausbildung zu verbessern." Ziel sei es letztlich, den Lehrberuf zu professionalisieren, damit tatsächlich "die Besten" angezogen werden.

24 Länder, darunter auch Deutschland und Österreich, nehmen an der ersten Phase ab 2003 teil, in der die Verantwortlichen der jeweiligen Bildungssysteme Fragebögen zur Lehrerausbildung und zum Berufsfeld Lehrer beantworten müssen. In einer zweiten Phase besuchen Experten die einzelnen Länder, um spezielle qualitative Studien zu erstellen. Hierbei könnte es, wie schon im Rahmen der "Timss"-Studie von 1995 ("Third International Mathematics and Science Study"), auch zu Videoaufnahmen während des Unterrichts kommen, meint "Pisa"-Koordinator Andreas Schleicher auf Anfrage der Furche. Acht Länder, darunter Österreich, stellen sich auch diesem intensiveren Test. Das vom "Pisa"-Schock gebeutelte Deutschland wurde freilich (offiziell) von den Studien-Kosten in der Höhe von rund 35.000 Euro abgeschreckt. Zu teuer, meinte die deutsche Kultusministerkonferenz.

In Österreich will man sich dagegen diesen - noch nicht näher bezifferten - Luxus leisten. Mit gutem Grund, wie Elisabeth Gehrer beteuert: "Ich finde eine solche Untersuchung sehr wichtig, denn wie gerade auch der Rechnungshofbericht zeigt, werden ständig irgend welche Vergleiche gemacht, ohne in die Tiefe zu gehen." Selbst Pflichtschullehrer-Gewerkschafter Riegler und sein Kollege Helmut Jantschitsch von der AHS-Lehrergewerkschaft sehen der Studie gelassen entgegen: "Ich glaube, dass wir uns mit unserem Ausbildungssystem nicht verstecken müssen", meint Jantschitsch selbstbewusst, "und punktuelle Schwächen sind keine Schande."

Kein Wissen über Unterricht

Bis Österreichs Lehrerschaft weiß, ob ihre Gelassenheit berechtigt war, muss sie jedoch noch ein paar Jahre warten: Mit ersten Ergebnissen der noch namenlosen OECD-Studie sei erst 2006 zu rechnen, mahnt Andreas Schleicher zur Geduld. Bis dahin werde er sich weiterhin darüber wundern, dass über Lehrerkompetenz und Unterrichtsqualität kaum vergleichbare Informationen verfügbar sind. "Wir wissen, dass international riesige Leistungsunterschiede zwischen den Schülern bestehen", gibt der "Pisa"-Koordinator zu bedenken. "Andererseits fehlt den Staaten jegliches zuverlässiges Wissen, wie dieser Unterschied zu Stande kommt."

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