Motivation! - Das Bild vom „geborenen Lehrer“, der von vornherein weiß, wie guter Unterricht funktioniert, ist überholt. Es geht auch um Kompetenzen wie Classroom-Management, die man lernen kann. - © iStock/seb_ra
Bildung

Lehrer sein: Kann ich das?

1945 1960 1980 2000 2020

Michael Schratz, Innsbrucker Lehrerbildner und Jury-Sprecher beim soeben verliehenen „Deutschen Schulpreis“, über das Geheimnis guter Schulen und die Lehrerpersönlichkeit als zentralen Faktor.

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Michael Schratz, Innsbrucker Lehrerbildner und Jury-Sprecher beim soeben verliehenen „Deutschen Schulpreis“, über das Geheimnis guter Schulen und die Lehrerpersönlichkeit als zentralen Faktor.

Die Gebrüder-Grimm-Schule im nord-rhein-westfälischen Hamm galt als klassische „Brennpunktschule“: Viele Kinder aus sozio-ökonomisch benachteiligten Familien, viele Kinder mit Migrationshintergrund und zwei Privatschulen, die Schüler aus bildungsaffinen Elternhäusern abzogen. Heute, zehn Jahre später, gilt die Einrichtung als exemplarisch dafür, wie der „Turn-around“ gelingen kann. Vor wenigen Tagen wurde die Volksschule von der deutschen Robert-Bosch-Stiftung zur „Schule des Jahres 2019“ gekürt – und mit 100.000 Euro für weitere Projekte bedacht. Jury-Sprecher des seit 14 Jahren bestehenden „Deutschen Schulpreises“ ist der österreichische Erziehungswissenschafter Michael Schratz, Gründungsdekan der School of Education an der Universität Innsbruck und Leiter der Leadership-Academy für Schulleiter (vgl. www.michaelschratz.com). Im FURCHE-Interview spricht er darüber, was gute Schulen auszeichnet, was zu Eskalationen wie jener an einer Ottakringer HTL führen kann – und was das alles für die Lehrerausbildung bedeutet.

DIE FURCHE: Herr Professor Schratz, was hat die einst vor der Schließung stehende Gebrüder-Grimm-Schule im deutschen Ruhrgebiet richtig gemacht?
Michael Schratz: Ich habe die Schule selbst besucht – und mir hat die wertschätzende Haltung den Schülerinnen und Schülern gegenüber sehr imponiert! Zunächst hat man begonnen, die Schule so zu gestalten, dass sich alle wohlfühlen: Es gibt keine Klassenräume, sondern „Kaleidoskope“, in denen mit Selbstaktivierung gearbeitet wird. Dazu gibt es Epochenunterricht und eine Eltern-Lounge, in denen sich Mütter und Väter austauschen können. Auch viele Einzelelemente gehören dazu: Der Morgentanz, durch den die Schüler frischer an die Arbeit gehen; Lobbriefe oder Rückmeldekarten, auf denen steht „Es ist gut, dass du da bist“; und Aufarbeitungsgespräche, wenn es zu Konflikten kommt. Dadurch lernen schon Sechsjährige, wie sie mit schwierigen Situationen umgehen können.

DIE FURCHE: Wie kann ein solches Klima an einer Schule entstehen? Hängt das nur am Leiter – der in diesem Fall Frank Wagner heißt?
Schratz: Wir machen im Rahmen des Deutschen Schulpreises gerade eine Studie über die Rolle der Leiter. Es zeigt sich, dass die Schulleiter – bei all ihren unterschiedlichen Persönlichkeiten – eine ganz zentrale Rolle spielen. Aber eine Person schafft das natürlich auch nicht allein. Es braucht einen positiven Geist an der gesamten Schule, ein Zutrauen an die Schülerinnen und Schüler, dass sie etwas leisten können. Und dann muss man das wirklich gemeinsam durchplanen.

Michael Schratz - © Wikipedia/Bernhard Aichner
© Wikipedia/Bernhard Aichner

DIE FURCHE: In Österreich wird derweil über die dunkelsten Seiten von Schule diskutiert: physische und psychische Gewalt. Anlass waren Videos aus einer Ottakringer HTL. Wie kann man sich das Entstehen solch toxischer Dynamiken erklären?
Schratz: Ein wesentlicher Punkt ist wohl, dass es sich bei diesem Lehrer um einen Quereinsteiger handelt. Es ist eben nicht möglich, binnen drei Monaten Classroom-Management zu lernen, etwas, wofür andere ein ganzes Studium brauchen. Hier scheint die Vorstellung des „geborenen Pädagogen“ durch, der von außen kommt und alles meistert, doch der Lehrberuf ist eine Profession! Wenn ich einen Medizinstudenten gleich operieren lassen würde, gäbe es einen Aufschrei! Aber generell gibt es in der Forschung immer auch bestimmte Gründe, warum es zur Gewalttätigkeit von Lehrenden kommt.