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Leisten sich immer mehr immer weniger?

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Immer wieder taucht in der politischen Auseinandersetzung eine griffige Formel auf: „Die Armen werden ärmer, die Reichen immer reicher”. Leeres Schlagwort oder nachweisbare Realität?

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Immer wieder taucht in der politischen Auseinandersetzung eine griffige Formel auf: „Die Armen werden ärmer, die Reichen immer reicher”. Leeres Schlagwort oder nachweisbare Realität?

Der Widerspruch zu der Tatsache, daß Österreich zu den reichsten Ländern der Welt zählt, ist augenfällig. Das zwingt zur Frage, was heißt eigentlich „arm”? Ist Armut rein materiell - ausgedrückt in Schilling/Monat - zu messen, gilt die Armutsgrenze international oder reih national? Und ist diese Armutsgrenze ein für allemal fix, zum Beispiel Ausgleichszulage (derzeit zirka 8.000 Schilling), die in Österreich als Armutsgrenze gilt? Oder ist Armut eine Relation, zum Beispiel das Verhältnis zum durchschnittlichen Familieneinkommen? Oder eine andere Definition, die Armut an Hand mangelnder Zivilisationsgüter mißt, wie zum Beispiel kein Kühlschrank, kein Farbfernseher, kein Bad, kein Auto?

Armutsgrenzen kann man also weitgehend willkürlich ziehen und sind daher ideal für politisch-ideologische Agitation geeignet. Nimmt man die Relation zum durchschnittlichen Familieneinkommen als Basis, dann kommt man in ein Dilemma: In den letzten Jahrzehnten ist dieses Familieneinkommen durch die zunehmende Berufstätigkeit der Frau wesentlich stärker gestiegen als das Pro-Kopf-Einkommen und weit stärker als das Preisniveau. Das führt zum paradoxen Ergebnis, je wohlhabender wir werden, desto stärker nimmt die Armut zu. Dann heißt es, in Österreich (oder sonstwo) leben zehn Prozent, ja 20 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze, wobei die Prozentzahlen vollkommen willkürlich gezogen werden können.

Bezieht man aber die heutigen Armutskriterien auf die Verhältnisse von 1960, dann war damals fast ein Drittel aller Österreicher arm, und 1950 sogar drei Viertel, ohne daß das damals jemand festgestellt oder politisch ausgewertet hätte. Wirft man aber einen Blick über die Grenze, nach Ungarn oder Tschechien, dann kann man -wenn man will - feststellen, daß 50 oder sogar 75 Prozent der Bevölkerung „arm” sind, ohne daß sie sich so fühlen.

Man will eben nicht die materielle Armut anprangern, sondern das Maß an Ungleichheit, ausgehend vom Ideal einer anzustrebenden Gesellschaft, in der die Einkommens- und Vermögensunterschiede möglichst gering sein sollen. Ungleichheit in jeder Hinsicht ist aber der Motor für jede wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Entwicklung, wie das die extreme Ungleichheit bei unseren gefährlichsten Konkurrenten in der Zukunft, nämlich Südostasien, beweist. Taiwan, Singapur, waren vor 30 Jahren noch bettelarm; dank extrem ungleicher Verdienstchancen sind sie heute fast schon wohlhabend. Die österreichischen Werte haben sie (noch) nicht erreicht, aber sie werden uns in naher Zukunft überholen.

Gerade in der letzten Zeit steht Armut und ihr Zusammenhang mit Arbeitslosigkeit wieder im Mittelpunkt der politischen Diskussion; vor allem vor dem Hintergrund „Jobwunder” in USA (siehe Seite 10, Anm. d. Red.). Bekanntlich ist die Arbeitslosenrate in den USA auf den tiefsten Stand seit 1973 (mit 4,8 Prozent) abgesunken, zu einem Zeitpunkt einer inflationär überhitzten Konjunktur mit relativ hoher Inflationsrate.

Diffamierungen

Aber selbst jetzt, wo in Europa die Arbeitslosigkeit Zentralthema der Polit-diskussion ist und sich alle Politiker die Köpfe zerbrechen, wie man diesem Phänomen beikommen könnte, kommt „selbstverständlich” der „amerikanische Weg” nicht in Frage. Im Erfinden von diffamierenden Ausreden ist man nicht wählerisch, und wenn man ideologisch bestimmte Aussagen plakativ immer wieder wiederholt, dann werden sie letzten Endes auch geglaubt. Wenn einer sie vom andern abschreibt, dann gelten sie als erwiesen.

„Die Armen werden immer ärmer” wurde in den USA in den achtziger Jahren von den Gewerkschaften zur Durchsetzung einer protektionisti-schen Wirtschaftspolitik als Polit-slogan wieder entdeckt. Der Sprung nach Europa ist nicht weit, und es paßt so gut zum vorherrschenden antiamerikanischen Ressentiment, das immer bei Rechts und Links antikapitalistisch bestimmt ist. Jedenfalls nehmen selbst in der Wirtschaft Tätige es als gegeben an, daß

■ in den USA die Löhne der unteren Kategorien seit 20 Jahren real laufend abgesunken sind und

■ man zwei oder sogar drei Jobs braucht, um als ungelernter Hilfsarbeiter überleben zu können (working poor),

■das amerikanische „Jobwunder” nur dadurch zustande kommen konnte, daß ausschließlich „Mc-Jobs”, also schlecht bezahlte, geschaffen wurden. Daß diese Argumente in Europa gerne verwendet werden, ist einfach zu erklären: Man will das Versagen der europäischen Politik mit der Arbeits-losenproblematik fertig zu werden irgendwie bemänteln, ja entschuldigen. Dahinter steht die Botschaft, daß das amerikanische Jobwunder für europäische Verhältnisse vollkommen ungeeignet und nicht akzeptabel sei. Daß hohe Arbeitslosenraten der Preis für den ausgeuferten Wohlfahrtsstaat seien, darf einfach nicht wahr sein, i Natürlich hat der bewußt abgewertete Dollar - in Schilling ausgedrückt, aber bei unveränderter Kaufkraft! - die Löhne sinken lassen. Nun ist aber der Dollar wieder gestiegen, die Löhne - und gerade die niederen Kategorien stiegen dank einer (fast) Vollbeschäftigung nominell und dank niedriger Inflationsrate auch real.

Richtig ist, daß Jobs für Ungelernte no minell weit weniger steigen, ein Reallohnverlust tritt aber trotzdem nicht ein; damit sind wir bei einem Kernproblem, das auch für uns nicht ohne Bedeutung ist: Was heißt eigentlich Reallohnverlust?

Nun, nach allgemeiner Ansicht, heißt Reallohnverlust: Die nominelle Steigerung der Löhne bleibt unter der Inflationsrate. Und wie mißt man die Inflationsrate? Natürlich mit dem Verbraucherpreisindex (VPI in Österreich und CPI in den USA).

Dieser CPI wird ermittelt, in dem laufend 95.000 (!) Preise nach einem Warenkorb - wie in Österreich - erhoben und die Wertänderung in Prozent als Index ausgedrückt wird. Nun ist schon seit langem aufgefallen, daß gerade die Bevölkerungsschichten, die nach diesem CPI einen Beallohn-verlust hinnehmen hätten müssen, allem Anschein nach, das heißt, nach ihrem tatsächlichem Kaufverhalten, nicht ärmer geworden sind. Sie erwerben immer höherwertige Konsumgüter, haben größere Wohnungen, alles Anzeichen, daß ihre Kaufkraft nicht abgenommen haben konnte.

Welche Berechnung?

Damit sind wir bei dem in Expertenkreisen immer wieder und schon seit langem diskutierten Problem, daß der Verbraucherpreisindex die Inflation überzeichnet. Natürlich wird das -nicht nur in den USA, sondern genauso in Österreich von den Verbrauchern heftigst bestritten; im Gegenteil, lange Zeit, vor allem in den Zeiten der hohen Inflationsraten in den sechziger und siebziger Jahren war ja gängige Volksmeinung, der Index untertriebe

- bewußt und politisch manipuliert(!)

- die Inflationsrate. Diese Überzeichnung tritt ein, weil

■ der Warenkorb nur alle zehn Jahre an das geänderte Kaufverhalten angepaßt wird,

■ dieses Kaufverhalten andererseits aber auch durch den Index, das heißt, die Preisentwicklung gesteuert wird. Wenn die im Index enthaltenen typischen Warengruppen teurer werden, weicht der Konsument eben auf billigere, nicht im Warenkorb enthaltene Substitute aus,

■ die ständig wirksame Qualitätsverbesserung im Index nicht erfaßt 1 werden kann. Als Beispiel sei hier angeführt: Im Index sind - natürlich gewichtet V - auch enthalten: Preise für Auto, Foto, Videokamera, aber immer erst dann, wenn sie in einem solchen Ausmaß erworben werden, das die Aufnahme in den Index rechtfertigt. Dann aber sind sie schon zumindest in der zweiten 1 Iälf-te ihres Produktzyklus. Den enormen Preisverfall seit ihrem Auftauchen auf dem Markt haben sie schon hinter sich und diese Verbilligungen können daher nicht mehr im Index aufscheinen. Genauso wenig erscheint die Qualitätsverbesserung in der ersten Hälfte des Produktzyklus auf; das Auto, das Videogerät wurde erst dann in den Index aufgenommen; als bei höherer Qualität der Preis auf einen Bruchteil des Einführungspreises abgesunken war.

Ein weiteres Beispiel: Das Handy ist in Österreich ein ganz neuer Hit auf dem Markt. Bis es aber in einigen Jahren in den Index - sicherlich einmal -aufgenommen wird, wird es wesentlich billiger sein als heute.

Dieser Gewinn an Kaufkraft geht natürlich am Index vorbei, obwohl er als erhöhter Lebensstandard voll dem Konsumenten zugute kommt.

In den USA jedenfalls ist ein von Präsident Clinton initiiertes Expertenteam zum Schluß gekommen, daß der CPI die Inflation um 0,8 bis 1,5 Prozent überzeichnet, statt 3 Prozent also nur 1,5 bis 2,2 Prozent (!). Zugleich kamen die Experten zum Schluß, es sei unmöglich, das Ausmaß der Unterzeichnung genau festzulegen. Sie schlugen vor, einfach durch Gesetz festzulegen, die nach dem CPT Index festgestellte Inflationsrate um einen fixen Wert oder Prozentsatz abzusenken, konkret auf 80 Prozent.

Wenn man weiß, daß in den USA nicht nur die Pensionserhöhung, sondern auch die Steuersätze ah diesen Index gebunden sind, kann man das Explosionspotential dieser Empfehlung abschätzen: Nicht nur alle Sozialleistungen würden mit Milliardeneinsparungen für das Budget weniger stark steigen, auch die Steuern würden um diesen Satz stärker angehoben, wieder verbunden mit Milliardengewinnen für den Staat.

Hätten nun die Experten festgestellt, der Index überzeichne die Inflation, wäre das sofort in Gesetzesform dekretiert worden; in diesem Fall hat die Politik das Ergebnis einfach ignoriert - um nicht Millionen von Wählern zu vergrämen.

„Ederer-Tausender”

Aber was für die USA gilt, gilt natürlich auch für Österreich. Schon einmal war dieses Thema in Österreich - anläßlich des EU-Beitritts - brisant, als der versprochene „Ederer-Tausender” angeblich (!) nicht in den Taschen der Verbraucher gelandet sei. Hier haben wir die gleiche Problematik. Nach unserem VPI waren es nur 600 Schilling Einsparung für die 4-köpfige Familie. Übersehen wird aber, daß die Österreicher natürlich auf ihre Weist reagierten: Sie kauften, wo sie es konnten, im Ausland ein. Zirka zehn Milliarden sollen diese - natürlich entsprechend billigen - Auslandseinkäufe erreichen, die nicht im Index erfaßt werden können. Genausowenig wie die Qualitätsverbesserung, vom Rindfleisch angefangen bis zu den Milchprodukten, die die verschärfte Konkurrrenz den österreichischen Erzeugern aufzwang.

Wer aber behauptet, die Österreicher und gerade die ärmeren Schichten haben eben doch den „Ederer-Tausendern” lukriert, setzt sich dem Volkszorn aus. Genauso wenn man behauptet, auch in den USA seien die Armen eben nicht ärmer geworden.

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