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Leseförderung heißt: Interesse am Kind

Über die individuelle Begeisterung für Schriftlichkeit wird meist schon lange vor dem Schuleintritt entschieden, sagt die Leseforscherin Margit Böck.

Seit PISA 2000 widmet sich die Salzburger Sozialwissenschaftlerin in einer nationalen Zusatzerhebung der Entwicklung von Lesegewohnheiten der österreichischen Jugend .

Die Furche: Haben Sie die aktuellen PISA-Ergebnisse überrascht?

Margit Böck: Ja. Ich hatte nicht erwartet, dass wir in der Lesekompetenz aufsteigen, aber zumindest gleich bleiben. Zynisch gesagt ist es ein gutes Ergebnis, weil jetzt ein Umdenken stattfinden muss. Ein guter Schritt war das verpflichtende Kindergartenjahr. Aber man muss auch das Personal unterstützen und zeigen, wie Kinder auf die Schriftvermittlung in der Schule vorbereitet werden. Meine Schwester ist als Kindergärtnerin für eine akademische Ausbildung. Oft fällt auf, wenn etwas nicht stimmt, aber man weiß nicht, was zu tun ist bzw. braucht Beratung von außen.

Die Furche: In den Schulen ist man auch oft ratlos. Was fehlt in der Lehrerausbildung?

Böck: Wichtig wäre, Leseprobleme rechtzeitig zu erkennen - das müsste ein Schwerpunkt in Pädagogischen Hochschulen und damit im Bildungsministerium sein. Zentral ist auch die Lesemotivation: Wie kann man vermitteln, dass der Umgang mit Schrift Mehrwert bringt? Kinder müssen verstehen, dass sie nicht für eine Note lernen, sondern dass ohne Lesen und Schreiben vieles im Leben nicht möglich ist. Es braucht eine Dekontextualisierung des Lernens. Das Gelernte ist zu wenig an den Alltag der Kinder angebunden.

Die Furche: Wie sieht der aus?

Böck: Anders als vor 20 oder 30 Jahren, als die Lehrenden selbst Kinder waren. Die Leseumwelten haben sich verändert, es gibt neue Lesemedien. Man könnte bei den SMS beginnen und feststellen, was außerhalb der Schule an Schriftlichkeit vorhanden ist. Daran anzuknüpfen bedarf einiger Kreativität. Man sollte auch nicht nur auf Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur zurückgreifen, sondern Neuerscheinungen wahrnehmen. Da gibt es Texte, die sich an den Erzählformen des Fernsehens orientieren. Diese Sprache ist vielen Kindern oft vertrauter.

Die Furche: Was können Eltern für die erfolgreiche Lesekarriere tun?

Böck: Zentral ist die Selbstverständlichkeit von Schrift im Alltag, sowohl was das Lesen als auch das Schreiben betrifft. Je größer die Bandbreite, desto besser: Kinder sollten miterleben, dass ihre Eltern Freude haben. Oder zumindest, dass es Nutzen bringt. Wenn auf Produkten etwas steht, kann man dem Kind vorlesen: Schau, so heißt dieses Ding. Schrift muss als etwas Alltägliches und als etwas Besonderes vermittelt werden. Nichts, womit man Zeit verplempert. Sinnvoll ist z. B., gemeinsam Zeitungen anzuschauen, Überschriften und Bildtexte zu lesen.

Die Furche: Wie setzt sich das Vorgelesene am besten im Gehirn ab?

Böck: Das ist gar nicht unbedingt das Anliegen. Wichtiger ist, Motivation zu schaffen und Lesekompetenz zu vermitteln. Die Handlung oder die Figuren des vorgelesenen Textes müssen das Kind interessieren, über Sprachspielereien kann es bei der Stange gehalten werden. Etwa indem man es Sätze vervollständigen lässt - daran haben Kinder große Freude. Die Berliner Pädagogin Petra Wieler hat erforscht, wie sich Eltern aus unterschiedlichen sozialen Kontexten bei der Bilderbuchrezeption verhalten. Leute aus einer mittleren und höheren Bildungsschicht orientieren sich stark am Kind. Sie lesen vor und wenn das Kind unterbricht, gehen sie darauf ein. Leute aus niederen Bildungsschichten wollen "wirklich" vorlesen. Das Kind soll zuhören, nicht stören und dazwischen fragen. Vorlesen ist nicht gleich Vorlesen.

Die Furche: Wie steht es generell um den jugendlichen Medienkonsum? Spielkonsolen beinhalten ja auch Schriftlichkeit.

Böck: Aber wenn das die einzigen Texte sind, ist es zu wenig. Wenn Eltern nicht wissen, dass es interessante Zeitschriften für Kinder gibt, wird es für Mädchen nur "Wendy" und für Burschen Comics geben. Dabei sind auch Institutionen gefragt, und da tut sich etwa der Buchklub der Jugend hervor. Aber es sollte z. B. auch in den Wartezimmern der Ärzte Infomaterial für die Eltern sowie attraktiver und anspruchsvoller Lesestoff aufliegen. Wichtig ist, bei den Interessen und Erfahrungen der Kinder anzusetzen und sie von dort weiterzuführen. Dazu braucht man aber viel Wissen über den aktuellen Kinder- und Jugendbuchmarkt, über Zeitschriften, über Webseiten. Hier sind wieder die Medien ganz allgemein gefragt, entsprechend zu informieren.

Die Furche: Eine amerikanische Studie zeigt, dass Kinder aus Haushalten mit vielen Büchern eher einen Hochschulabschluss erreichen. Liegt das auf der Hand?

Böck: Viele Bücher zu haben ist ein besonderes kulturelles Kapital. Es kommt aber drauf an, ob die auch gelesen werden oder nur Erbe der Großeltern sind. Dass Kinder in solchen Familien gefördert werden - dass sie selbst Bücher geschenkt bekommen, dass man mit ihnen gemeinsam liest -, ist jedoch nahe liegend. Mir ist eine Studie bekannt, wonach leseferne Kinder Bücher dann aus der Bibliothek mitnehmen, wenn die Bibliothekarin sagt: "Das könnte dir gefallen." Wenn also ein Erwachsener Interesse am Kind zeigt.

Die Furche: Durch den Erfolg elektronischer Lesegeräte werden klassische Bücherregale wohl seltener werden - könnte das negative Folgen für Pisa 2030 verheißen?

Böck: Dieser Aspekt ist hochinteressant. Ich war vor Jahren zu Besuch bei einer Familie, wo es statt Bücherwänden DVD-Wände gab. Deren Erlebenswelt war stark an das Medium Film gebunden. Aber ich weiß nicht, was das für die Kinder bedeutet. Unsere Umwelten verändern sich laufend, aber es muss nicht heißen, dass ein Modus verschwindet, wenn ein Medium nicht mehr vorhanden ist. Den Modus der Schrift werden wir immer brauchen. Das Bild, die visuellen Medien, haben andere Stärken. Wenn ich jüngere Kolleginnen und Kollegen beobachte, stelle ich fest, dass die vieles am Bildschirm lesen, was ich ausdrucke. Wir alle verstehen die Texte - hier ist die Frage, womit man vertraut ist. Gegen neue Medien bzw. Inhaltsträger zu arbeiten, ist nicht sinnvoll. Auch hier geht es um die Vielfalt von Traditionellem und Neuem. Wir werden sehen, ob Kinder mit dem "Kindle" oder ähnlichen Geräten genau so gut lesen lernen.

* Das Gespräch führte Bernhard Madlener

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