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Letztlich eine Vernunft

Obwohl zum Teil sehr verschieden, weisen die Wissenschaften dennoch eine Familienähnlichkeit auf.

Der Wissenschaftstheoretiker Herbert Schnädelbach kritisiert die Zweiteilung der Fächer in Geistes- und Naturwissenschaften - und hält zugleich an der Einheit der Wissenschaften fest.

Die Furche: Herr Professor, vielfach wird von den Geistes- und den Naturwissenschaften gesprochen. Sie hingegen würden am liebsten die Rede von den zwei Kulturen ganz aus dem Sprachgebrauch verbannen. Warum?

Herbert Schnädelbach: Weil das Begriffspaar politisch instrumentalisiert wird, um Zäune zwischen den Wissenschaften aufzurichten. Dabei schwingt gleichzeitig eine Einschätzung von Wichtigkeit mit: Die Naturwissenschaften werden als notwendig und nützlich erachtet. Die Kultivierung der Geisteswissenschaften hingegen gleicht einer Art Orchideen-Pflege - sie sind zwar schmucker Luxus, gehören auch zur Bildung, sind aber letztlich doch entbehrlich.

Die Furche: Abgesehen von der wissenschaftspolitischen Seite scheint die Einteilung zunächst recht plausibel. Einzelne Wissenschaften lassen sich tatsächlich entweder den Geistes-oder den Naturwissenschaften zuordnen.

Schnädelbach: Bereits im 19. Jahrhundert hat man gemerkt, dass sich die Psychologie, die Soziologie oder auch die Geografie nur sehr schwer in dieses Schema pressen lassen.

Die Furche: Wilhelm Dilthey hat dennoch versucht, die Zweiteilung philosophisch zu legitimieren.

Schnädelbach: Ja, er meinte, typisch für die Geisteswissenschaften sei das (sinnhafte) Verstehen; die Naturwissenschaften hingegen zeichneten sich durch (kausales) Erklären aus.

Die Furche: Die Naturwissenschaften erklären doch kausale Zusammenhänge - etwa die Chemie: die Moleküle X und Y werden zusammengekocht und es entsteht Molekül Z.

Schnädelbach: Natürlich gibt es kausale Erklärungen in der Chemie. Aber wenn es darum geht, diesen Vorgang zu begreifen, müssen wir auf größere Theoriezusammenhänge zurückgreifen - wir müssen verstehen. Durch eine intensive philosophische Debatte wissen wir heute, dass viele Typen von Erklären und viele Formen von Verstehen existieren. Schließlich hat ein dritter Begriff - das narrative Erzählen - die Diskussion noch komplexer werden lassen. Das Ergebnis: Erklären und Verstehen sind jedenfalls nicht geeignet, um die zwei Welten gegeneinander abzugrenzen.

Die Furche: Wenn "die" Naturwissenschaften und "die" Geisteswissenschaften schon nicht existieren, gibt es dann so etwas wie "die" Wissenschaften?

Schnädelbach: Es gibt vielleicht nicht ein Merkmal, das auf jede Wissenschaft zutrifft, aber die Wissenschaften weisen untereinander eine gewisse Familienähnlichkeit auf. Verschiedene Merkmale tauchen immer wieder auf. In diesem Sinne kann man auch von einer Einheit der Wissenschaften sprechen.

Die Furche: Und wenn eine Wissenschaft keines dieser Merkmale besitzt und trotzdem behauptet, eine Wissenschaft zu sein?

Schnädelbach: Dann handelt es sich höchstwahrscheinlich um eine Pseudowissenschaft. Die Unterscheidung zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft ist leider oft nicht sehr trennscharf.

Die Furche: Wie lässt sich Wissenschaftlichkeit denn charakterisieren?

Schnädelbach: Verständlichkeit etwa ist ein Merkmal guter Wissenschaft. Guruhaftes Auftreten ist hingegen keines; Wissenschaft funktioniert losgelöst von einer Personenbindung. Dann muss Wissenschaft nachvollziehbar sein - auch im experimentellen Handeln. Logische Konsistenz im Set der Experimente mag ein weiteres Kriterium sein. Schließlich kann vielleicht auch die Unterscheidung von Karl Popper herangezogen werden: Der Entdeckungszusammenhang darf frei sein; der Rechtfertigungszusammenhang soll reglementiert sein.

Die Furche: Die Wissenschaften sind heute sehr facettenreich. Dabei sind auch verschiedene Rationalitäten entstanden. Gibt es noch die eine Vernunft, die die vielen Rationalitäten bündelt?

Schnädelbach: Das ist mir ein bisschen zu stark formuliert. Aber ich denke, dass wir so eine Intuition haben, dass letztlich nur eine Vernunft existiert - das ist wohl ganz vernünftig. Gleichzeitig gilt es festzuhalten, dass nicht nur die Wissenschaften ihre Rationalitäten haben, sondern etwa auch die Kunst.

Die Furche: Die Religion doch hoffentlich auch, oder?

Schnädelbach: Ja, wobei eine elementare Forderung bleibt, dass das Lehrgebäude verständlich sein soll. Und wenn die Religion - wie im Falle des Christentums - gar eine eigene Wissenschaft, nämlich die Theologie, ausgebildet hat, dann werden Fragen nach der Konsistenz und Beweisbarkeit natürlich wichtiger.

Die Furche: In der Wirtschaftsphilosophie werden wirtschaftliche Prozesse reflektiert; in der Neurophilosophie neue Erkenntnisse der Biowissenschaften rezipiert. Ist die Philosophie für interdisziplinäre Forschung irgendwie besonders geeignet?

Schnädelbach: Tatsächlich haben sich in den letzten Jahren neue Betätigungsfelder für Philosophen aufgetan. Dabei sollte man den Lernaufwand nicht unterschätzen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Medizinethik lässt sich ohne entsprechendes Fachwissen nicht ernsthaft betreiben.

Die Furche: Was meinen Sie, welche Rolle wird die Philosophie in Zukunft einnehmen?

Schnädelbach: Wir sind sicher keine Superwissenschaft. Doch wir pflegen eine Kultur der Nachdenklichkeit: Die Philosophie ist immer dann gefragt, wenn man nicht mehr weiterkommt. Grundsätzliche Fragen kann im Prinzip jeder Fachwissenschaftler auch stellen, aber die Philosophie hat den Umgang mit solchen Fragen professionalisiert. Das legitimiert eine eigene Ausbildung für Philosophie.

Das Gespräch führte Thomas Mündle.

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