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„Mein Idealbild ist eine Schule, in der Nachhilfe unnötig ist“

Heute, Donnerstag, präsentiert Bildungsministerin Claudia Schmied die ersten Ergebnisse einer Elternbefragung zur Neuen Mittelschule. Es wurde etwa gefragt, wie sich das neue Unterrichtsmodell darauf auswirkt, wie viel Nachhilfe in Anspruch genommen werden muss. Ergebnisse vorweg wollte die Ministerin im Interview noch keine vorlegen.

Die Furche: Frau Ministerin, Österreichs Eltern geben gemäß einer Studie der Arbeiterkammer jährlich 126 Mio. Euro für Nachhilfe aus. Ist das für Sie ein alarmierendes Zeichen, dass das Bildungssystem versagt?

Claudia Schmied: Das sind sicher Ausgaben, die weit zu hoch sind. Die Belastung der Eltern ist in diesem Maße nicht hinzunehmen. Wir müssen Maßnahmen setzen, damit der Unterricht besser gelingt und Eltern nicht diese Belastungen haben.

Die Furche: Kann man also sagen, das Ausmaß an Nachhilfe zeigt die Schwächen des Schulsystems auf?

Schmied: Es zeigt Defizite auf, an denen wir intensiv arbeiten. Das heißt, dass die begonnenen Reformen fortgesetzt werden müssen.

Die Furche: Streben Sie eine Schule an, in der Nachhilfe nicht mehr notwendig ist?

Schmied: Ja, das ist mein Idealbild von Schule. Lernen soll so gut gelingen, dass Nachhilfe nur punktuell notwendig sein kann, etwa nach längerer Krankheit oder als gezielte Förderung für einen bestimmten Zeitraum, aber es sollte kein Dauerzustand sein.

Die Furche: Die Bildungswissenschaftlerin Christa Koenne meint, dass Nachhilfe in der Pflichtschule nicht notwendig sein dürfe, danach aber unter Bedingungen vorkommen könne.

Schmied: So würde ich es nicht differenzieren. Nachhilfe soll generell die Ausnahme sein. Was die Oberstufe betrifft, müssen wir daran arbeiten, dass in Zukunft viel mehr Schülerinnen und Schüler in der für sie geeigneten Schulart sind. Ich stelle die These auf, dass Bildungsentscheidungen derzeit nicht immer gut gelingen.

Die Furche: Die Arbeiterkammer (AK) fordert aufgrund der vielen Nachhilfe eine Beschleunigung der Bildungsreformen – konkret die gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen und der Ausbau ganztägiger Schulformen sollen rascher umgesetzt werden. Müssen Sie hier zu Geduld mahnen?

Schmied: Nein, ganz im Gegenteil: Ich appelliere an den Mut zur Reform, auch an den Mut, ganz viele Reformen gleichzeitig umzusetzen. Gerade in der Bildungspolitik dürfen wir nicht sagen: Wenn das erledigt ist, dann machen wir dies oder jenes. Es braucht Gleichzeitigkeit. Daher bin ich froh, dass wir das verpflichtende Kindergartenjahr, die Sprachförderung, kleinere Klassen, Bildungsstandards, die neue Matura in die Welt bringen. Für Herbst stehen drei große strategische Felder zur Bearbeitung an: Die neue Lehrerausbildung, das neue Lehrerdienstrecht und weiters müssen wir die Schulen selbst stärken, das heißt, mehr Verantwortung an die Schulstandorte übertragen. Das sind große Reformvorhaben, und ich hoffe sehr, dass der Regierungspartner mit entsprechendem Engagement mitzieht.

Die Furche: Ein weiteres großes Projekt ist die Neue Mittelschule. Sie haben im „Standard“ angekündigt, dass Vorarlberg zur Modellregion werden könnte. Aber noch müssen Sie die AHS ins Boot holen.

Schmied: Vorarlberg ist Pionierland, was die Neue Mittelschule betrifft. In ganz Österreich ist derzeit jede sechste Schule der Zehn- bis 14-Järhigen als Neue Mittelschule etabliert. In Vorarlberg sind es 90 Prozent. Ich höre, dass Lehrerinnen und Lehrer und Eltern in Vorarlberg sehr begeistert vom Projekt Neue Mittelschule sind. Ich könnte mir daher gut vorstellen, dass wir als nächsten Schritt in einem Bundesland komplett umstellen. Die Neue Mittelschule ist ja immer als Zwischenschritt zur gemeinsamen Schule gedacht gewesen.

Die Furche: Aber ziehen die AHS auch mit?

Schmied: Dann wären natürlich auch die AHS-Standorte miterfasst.

Die Furche: Gibt es denn schon Gespräche oder Signale aus Vorarlberg, die in diese Richtung gehen?

Schmied: Ich höre sehr positive Signale von Bildungslandesrat Siegi Stemer.

Die Furche: Sie haben angekündigt, bis 2013 in jedem Bezirk ganztägige Schulformen einzurichten. Was können Sie den Familien bereits ab Herbst anbieten?

Schmied: Wir werden ab Herbst jene Schulen, die erstklassige Tagesbetreuung anbieten, ausbauen. Das sind Schulen mit dem Qualitätsgütesiegel. Aktuell wurden 196 Schulen mit dem Gütesiegel für Tagesbetreuung ausgezeichnet. Das sind doppelt so viel wie zu Beginn der Offensive vor zwei Jahren. Was den großflächigeren Ausbau betrifft, sind wir gerade dabei, mit Vertretern des Städte- und Gemeindebundes sowie der Bundesländer einen Masterplan auszuarbeiten. Das zieht umfassende Investitionen mit sich. Das betrifft Schulerhalter in Bezug auf Gebäudeinvestitionen. Eine deutliche Ausweitung des Angebots geht nur mit mehr Budgetmittel, das ist auch Finanzminister Josef Pröll klar. Er hat sich mehrfach dazu positiv geäußert, das wird Teil der Budgetgespräche im Herbst sein.

Die Furche: Wird es auch ganztägige Schulformen geben, die Unterricht und Freizeit über den ganzen Tag aufteilen, also klassische Ganztagsschulmodelle?

Schmied: Wir werden Mischformen haben. Im ländlichen Raum wird es mehr in Richtung hochqualitativer Nachmittagsbetreuung gehen, da gibt es gute Kooperationen mit Vereinen und Musikschulen. In den Städten eher verschränkte ganztägige Schulformen, also über den Tag verteilte Lern- und Freizeiteinheiten.

Die Furche: Sie sehen weiterhin ganztägige Schulformen als Angebot und nicht als Verpflichtung?

Schmied: Als Angebot für alle Kinder.

Die Furche: Kritiker fürchten in dem Zusammenhang eine Verstaatlichung von Bildung. Welche Aufgabe würde Sie der Familie im Bildungsprozess zuordnen?

Schmied: Eltern sind ganz zentral, sie sind unverzichtbare Bildungspartner für die Schule. Sie sind natürlich ganz wichtig für Kinder, was Werte und Haltungen betrifft. Gleichzeitig müssen wir aber auf sich ändernde gesellschaftliche Rahmenbedingungen reagieren. Es sind immer öfter beide Elternteile berufstätig, wir haben viele Alleinerziehende, die berufstätig sind. Insofern müssen wir Angebote der öffentlichen Schule ausweiten, was ganztägige Formen betrifft.

Die Furche: Aber kommt Ihrer Meinung nach Eltern auch die Rolle zu, mit ihren Kindern zu lernen und Stoff durchzugehen?

Schmied: Schule sollte schon Bestandteil der Familie sein, ein gewisses Miterleben und Mitlernen der Eltern ist sicher von Vorteil. Aber entscheidend ist, dass der Hauptteil des Unterrichts in der Schule gelingt.

* Das Gespräch führte Regine Bogensberger

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