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Menschenwürde ist angeboren

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Werbung für Euthanasie betreibt schon seit Jahren der australische Ethiker Peter Singer. Im folgenden eine Auseinandersetzung mit seinen Thesen.

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Werbung für Euthanasie betreibt schon seit Jahren der australische Ethiker Peter Singer. Im folgenden eine Auseinandersetzung mit seinen Thesen.

Das Leben eines Neugeborenen hat weniger Wert als das Leben eines Schweines, eines Hundes oder eines Schimpansen.” So schreibt der australische Ethiker Peter Singer in seinem Buch „Praktische Ethik”

Unser normales Empfinden entrüstet sich bei solch einem Satz. Tatsächlich aber ist er philosophisch konsequent begründet - und er entspricht häufig der Praxis in unserer Gesellschaft, die Hunde- und Abtreibungskliniken nebeneinander betreibt, die das Sterbenlassen behinderter Neugeborener ebenso diskutiert wie die volkswirtschaftlichen Kosten eines behinderten Menschen und die immer mehr Sympathie für Euthanasie für Kranke und Alte entwickelt. Steht hinter der Entrüstung auch ein schlechtes Gewissen?

Jedenfalls sind Singers Vortragsreisen, die ihn oft in den deutschen Sprach-räum führen, von heftigen Protesten begleitet. Es sind vor allem Behinderte, die ihr Lebensrecht in Gefahr sehen. Bisweilen mußte er wieder ausgeladen werden (Fl'RCHK 23/1996). Inzwischen präsentiert sich Singer als Kämpfer für Tier-Bechte und Öko-Ethik. Denn in dem Maß, wie er menschliche Föten, Neugeborene und geistig Behinderte abwertet, wertet er intelligente Tiere auf. Norbert Hoerster, Bechtsphilosoph in Mainz und andere denken in dieselbe Bichtung

Die Argumentation wirkt für viele zunächst überzeugend. Wenn wir Fleisch essen wollen, töten wir Tiere zu diesem Zweck oder auch, wenn wir ihr Fell benötigen. Warum nehmen wir an, wir dürften dies tun? Und gewähren Menschen demgegenüber besondere Schutzrechte, geben uns selbst Vorrechte vor allen anderen Lebewesen? Offensichtlich haben Menschen Eigenschaften, die Tiere nicht besitzen: Sie sprechen, denken, haben vielfältige Interessen.

Wenn ein Mensch sieht, wie ein anderer getötet und vielleicht gefressen wird, bekommt er Angst um sein eigenes Leben und seine Lebensqualität vermindert sich erheblich. Auch Katzen, Hunde, Delphine, Schweine, Affen haben eine gewisse Intelligenz - aber die angeführten Fähigkeiten des Menschen haben sie nicht in derselben Weise. Denn diese gehören zu dem, was wir mit dem Begriff des Personseins verbinden. Menschenrechte schützen also offenbar die „Personalitat” des Menschen.

Es gab die These, daß nur den Weißen oder nur den Ariern Menschenwürde und -rechte zukämen. Die demokratische Kultur lehnt diesen Bassismus ab. Wie aber rechtfertigt sie es, fragt Singer, daß Menschen, die keine personalen Eigenschaften besitzen, wie schwerbehinderte Neugeborene, die oft kaum lebensfähig sind, unbedingt zu schützen sind, während man gesunde, intelligente Schweine einfach ißt? Passiert da nicht eine andere Art von Bassismus - nach dem Kriterium der Spezies?

Faktisch praktizierten wir einen „Speziesismus”, argumentiert Singer. Es sei Zeit, alle Lebewesen nach gleichen, gerechten Grundsätzen jeweils so zu behandeln, wie es ihren realen Eigenschaften entspricht.

Denn „ob ein Wesen ein Mitglied unserer Spezies ist oder nicht, ist für sich genommen für die Verwerflichkeit des Tötens ebenso unerheblich wie die Frage, ob es ein Mitglied unserer Basse ist oder nicht.” Folglich müßten wir eine Bangordnung des Lebenswertes aufstellen: Ein Becht auf Leben im strengen Sinn hätten nur „Personen”. Und sie definiert Singer als Wesen, die ReAvußtsein haben, Rationalität und eine Vorstellung ihrer Zukunft. Nur sie hätten schützenswerte Lebensinteressen. Wesen, die nicht so begabt sind, aber Schmerz und Lust zeigen, hätten einen geringeren Lebenswert. Wo nicht einmal Leidensfähigkeit gegeben ist, „gibt es nichts zu berücksichtigen.” (Singer).

Nun haben menschliche Föten, aber auch Neugeborene, geistig schwer Rehinderte und Todkranke im

Koma zAvar Empfindsamkeit für Freude und

Schmerz - aber kein zeitübergreifendes ReAvußtsein: Sie hätten (noch) keine personalen Qualitäten entwickelt, seien „vorpersonal” - sogar unterhalb der Affen oder Hunde, die immerhin bei weitem nicht so hilflos sind. Sie hätten relati\'e Rechte wie Tiere der entsprechenden Stufe aber keine Personrechte. Wenn gute Gründe dafür sprechen, könnten sie getötet werden. Wenn man einen stark behinderten Neugeborenen töte, entferne man Leiden aus der Welt, und wenn die Eltern statt seiner ein gesundes Kind bekämen, werde dadurch die Summe des Glücks in der Welt erhöht.

Angesichts der Konsequenz in Singers Argumentation fällt es schwer, sich seinen Schlußfolgerungen zu entziehen. Dennoch lehnen wir sie instinktiv ab.

Wieso? Singer behauptet, das wäre nur das Erbe religiöser Vorstellungen, nämlich jüdisch-christlicher Ideologien. Ist unsere Vorstellung, daß jedem Menschen personale Rechte zukommen müssen, wirklich philosophisch unhaltbar?

Der entscheidende Punkt, an dem die skizzierte

Argumentation wie an pifiefh” seidenen Faden hängt-so folgerichtig sie im weiteren auch sein mag - ist die Frage: Was heißt Personalität?

Singer und Hoerster verstehen sie als „empirische Eigenschaft”. Die klassische Philosophie A'ersteht Personsein hingegen als eine Wesensverfassung.

Als eine Weise zu sein, kann sie nicht erworben werden. Auch wenn sie von Merkmalen wie Selbstbewußtsein, Denkfähigkeit, Sprache charakterisiert ist, besteht sie nicht in empirisch feststellbaren Qualitäten.

Denn diese entwickeln sich zwar, aber nur deshalb, weil das betreffende Wesen schon Person ist: mit der Potenz zur Ausprägung jener Fähigkeiten -und mit Menschen\\rürde und Menschenrechten. Singers aktuälistisches und positivistisches Verständnis von Person verfehlt diese Dimension.

Er meint, Menschenrechte zusprechen oder einräumen zu können - dabei können sie von ihrer Struktur her immer nur anerkannt werden. Und die Gesellschaft muß von jedem Wesen, das von Menschen stammt, diese Würde annehmen, auch wenn es we-gen einer Rehinderung vielleicht nicht in der Lage sein wird zu sprechen und seine NGAiviNHi Interessen zu äußern. An-- dernfalls wird sie totalitaristisch.

Die Entwicklungstendenz ist mörderisch, ihre Richtung eindeutig zu erkennen: Die Legalisierung von Abtreibung ist vorausgesetzt, dann wird das dahinterstehende Verständnis von Menschsein und Personalität strin-gent angeAvendet: „Wenn der Fötus nicht denselben Anspruch auf Leben wie eine Person hat, dann hat ihn das Neugeborene offensichtlich auch nicht”, schreibt Singer. Damit fällt das Tabu der bewußten Tötung und schließlich werden auch Kindestötung und Euthanasie hoffähig. Nicht nur in Holland ist diese Entwicklung erkennbar.

Wenn auf diese Weise fundamentale, demokratische Prinzipien aufgegeben werden, entsteht eine neue Zweiklassengesellschaft: Die Klasse derjenigen, die noch von Natur sind und jene Menschen, deren Existenz von der Gnade der anderen abhängt. Wenn die Gesellschaft sich aussucht, welche Menschenkinder sie aufnimmt, welche nicht, gibt es keine Gleichheit mehr. Die Grundvoraussetzung von Demokratie wird zerstört und Freiheit mutiert zum Recht des Stärkeren, also dessen, der seine Interessen artikulieren und durchsetzen kann. Wollen wir so eine totalitäre Machergesellschaft? Der Autor ist

Theologe und Sludienreiseleiter.

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