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Bildung

"Möchte um keinen Preis wieder zurück"

1945 1960 1980 2000 2020

Die letzte Ausgabe der FURCHE warf einen kritischen Blick auf die Ökonomisierung an den Universitäten. Doch der Kurs von einer "Diktatur der Ordinarien" zum heutigen Uni-Betrieb war schon richtig, erwidert der Biologe Kurt Kotrschal. Ein Gastkommentar.

1945 1960 1980 2000 2020

Die letzte Ausgabe der FURCHE warf einen kritischen Blick auf die Ökonomisierung an den Universitäten. Doch der Kurs von einer "Diktatur der Ordinarien" zum heutigen Uni-Betrieb war schon richtig, erwidert der Biologe Kurt Kotrschal. Ein Gastkommentar.

Da in Österreich der Diskurs über die Universitäten traditionell höchst spärlich läuft, habe ich mich sehr gefreut, dass die FURCHE dem Thema ihre letzte Ausgabe widmete. Die Freude währte allerdings nicht lange; es dominierte eine dürftige, oberflächliche und klischeehaftlinke Sicht, welche mit der Realität kaum etwas zu tun hat. So wurde keinerlei Rahmen zur momentanen Struktur der Unis geboten, nichts zu "Bologna", immerhin die größte Universitätsreform aller Zeiten; nichts darüber, dass sich die Unis über die Reformen 1975,1993 und 2002 von einer Diktatur der Ordinarien über eine Diktatur der Gremien zu vollrechtsfähigen, von den Rektoraten verwalteten Betrieben entwickelten. Das alles ist beileibe nicht nur negativ, wie es der larmoyant-rückwärtsgewandte Beitrag von Josef Christian Aigner suggeriert.

Als Jungforscher habe ich etwa die Auswirkungen der "Firnbergschen Räterepublik" nach 1975 selber erdulden müssen, als beamtete Kollegen mit offenbar viel Muße ihre Zeit mit allem Möglichen, nicht aber damit verbrachten, die Bedingungen für Forschung und Lehre zu verbessern. Dorthin möchte ich um keinen Preis wieder zurück. Schrullig, dass sich Kollege Aigner über Bibliometrie und Drittmittelfinanzierung beschwert: Wenn er meint, dass Spitzenunis wie Harvard keinen Wert auf die Drittmittelkompetenz ihrer Professoren legen würden, ist das einfach falsch.

Viel ist im Zuge des Universitätsgesetzes 2002 und der damit verbundenen Vollrechtsfähigkeit besser geworden. Allerdings ist der Kritik zuzustimmen, dass der Bologna-Prozess seine Ziele nicht erreichte, zu weniger denn mehr Mobilität der europäischen Studierenden führte, zu Verschulung und Bürokratisierung, dass er das trügerische Ideal der "Employability" hoch hält und unseren jungen Kollegen und Kolleginnen das selbständig-kritische Denken abgewöhnt. Um dies zu korrigieren, fehlt es unseren Unis an Ressourcen und (noch) an kritischer Selbsterkenntnis. Ihre Budgets stiegen zwar seit Jahrzehnten kräftig, was aber durch die Aufblähung der Bürokratie und die Flut an Studierenden mehr als aufgezehrt wurde. Da wir aber mit Bologna leben müssen - Aigners Vorschlag, aus dem europäischen Prozess auszusteigen, ist aus mehreren Gründen unrealistisch -, sollte man sich auf eine permanente Reparatur und Weiterentwicklung des Prozesses einstellen.

Zwischen Kritik und Utopie

Schade, dass eines der wenigen Werke der letzten Jahre nicht erwähnt wurde, welches zu einem differenzierten Diskurs über die heutigen Universitäten beiträgt: den gerade im Mandelbaum Verlag erschienen, von Paul Kellermann und Kollegen von der Uni Klagenfurt herausgegebenen Band zur "Universität nach Bologna: Hochschulkonzepte zwischen Kritik und Utopie" mit zahlreichen Beiträgen, etwa von Oliver Vitouch, Michael Daxner, Ulrich Teichler, Heinrich Neisser, Karl Weber, Helga Brandes, Pier Paolo Pasqualoni, Egbert de Weert und anderen - kompetente Kommentare von Autoren, die eine Vielfalt erhellender Blickwinkel einbringen.

Der kanadische Wissenschaftshistoriker Yves Gingras hat natürlich weitgehend recht mit seiner Kritik am Ranking-Wahn. Aber mit der heimischen Uni-Szene scheint er wenig vertraut zu sein, wenn er etwa meint, die Unis würden aus finanziellen Gründen um Studierende aus dem Ausland buhlen. Ich bin sehr froh über diese Studierenden, denn sie tragen wesentlich zur Qualität auf den Unis bei. Aber ein Geschäft sind sie nicht. Ihre Beiträge decken die Kosten, die sie verursachen, bei weitem nicht.

Was nach der Lektüre dieses Themenschwerpunktes bleibt, ist der negative Eindruck, dass die Universitäten "den Bach runtergehen", was trotz aller Kritikwürdigkeiten und Reparaturbedürfnisse völlig falsch ist. Das haben sich die - trotz aller immer noch existierenden politischen Hemmnisse - einigermaßen dynamisch entwickelnden Unis einfach nicht verdient.

Der Autor ist Professor an der Univ. Wien und u.a. wiss. Leiter des Biologicum Almtal und der Konrad Lorenz Forschungsstelle

Da in Österreich der Diskurs über die Universitäten traditionell höchst spärlich läuft, habe ich mich sehr gefreut, dass die FURCHE dem Thema ihre letzte Ausgabe widmete. Die Freude währte allerdings nicht lange; es dominierte eine dürftige, oberflächliche und klischeehaftlinke Sicht, welche mit der Realität kaum etwas zu tun hat. So wurde keinerlei Rahmen zur momentanen Struktur der Unis geboten, nichts zu "Bologna", immerhin die größte Universitätsreform aller Zeiten; nichts darüber, dass sich die Unis über die Reformen 1975,1993 und 2002 von einer Diktatur der Ordinarien über eine Diktatur der Gremien zu vollrechtsfähigen, von den Rektoraten verwalteten Betrieben entwickelten. Das alles ist beileibe nicht nur negativ, wie es der larmoyant-rückwärtsgewandte Beitrag von Josef Christian Aigner suggeriert.

Als Jungforscher habe ich etwa die Auswirkungen der "Firnbergschen Räterepublik" nach 1975 selber erdulden müssen, als beamtete Kollegen mit offenbar viel Muße ihre Zeit mit allem Möglichen, nicht aber damit verbrachten, die Bedingungen für Forschung und Lehre zu verbessern. Dorthin möchte ich um keinen Preis wieder zurück. Schrullig, dass sich Kollege Aigner über Bibliometrie und Drittmittelfinanzierung beschwert: Wenn er meint, dass Spitzenunis wie Harvard keinen Wert auf die Drittmittelkompetenz ihrer Professoren legen würden, ist das einfach falsch.

Viel ist im Zuge des Universitätsgesetzes 2002 und der damit verbundenen Vollrechtsfähigkeit besser geworden. Allerdings ist der Kritik zuzustimmen, dass der Bologna-Prozess seine Ziele nicht erreichte, zu weniger denn mehr Mobilität der europäischen Studierenden führte, zu Verschulung und Bürokratisierung, dass er das trügerische Ideal der "Employability" hoch hält und unseren jungen Kollegen und Kolleginnen das selbständig-kritische Denken abgewöhnt. Um dies zu korrigieren, fehlt es unseren Unis an Ressourcen und (noch) an kritischer Selbsterkenntnis. Ihre Budgets stiegen zwar seit Jahrzehnten kräftig, was aber durch die Aufblähung der Bürokratie und die Flut an Studierenden mehr als aufgezehrt wurde. Da wir aber mit Bologna leben müssen - Aigners Vorschlag, aus dem europäischen Prozess auszusteigen, ist aus mehreren Gründen unrealistisch -, sollte man sich auf eine permanente Reparatur und Weiterentwicklung des Prozesses einstellen.

Zwischen Kritik und Utopie

Schade, dass eines der wenigen Werke der letzten Jahre nicht erwähnt wurde, welches zu einem differenzierten Diskurs über die heutigen Universitäten beiträgt: den gerade im Mandelbaum Verlag erschienen, von Paul Kellermann und Kollegen von der Uni Klagenfurt herausgegebenen Band zur "Universität nach Bologna: Hochschulkonzepte zwischen Kritik und Utopie" mit zahlreichen Beiträgen, etwa von Oliver Vitouch, Michael Daxner, Ulrich Teichler, Heinrich Neisser, Karl Weber, Helga Brandes, Pier Paolo Pasqualoni, Egbert de Weert und anderen - kompetente Kommentare von Autoren, die eine Vielfalt erhellender Blickwinkel einbringen.

Der kanadische Wissenschaftshistoriker Yves Gingras hat natürlich weitgehend recht mit seiner Kritik am Ranking-Wahn. Aber mit der heimischen Uni-Szene scheint er wenig vertraut zu sein, wenn er etwa meint, die Unis würden aus finanziellen Gründen um Studierende aus dem Ausland buhlen. Ich bin sehr froh über diese Studierenden, denn sie tragen wesentlich zur Qualität auf den Unis bei. Aber ein Geschäft sind sie nicht. Ihre Beiträge decken die Kosten, die sie verursachen, bei weitem nicht.

Was nach der Lektüre dieses Themenschwerpunktes bleibt, ist der negative Eindruck, dass die Universitäten "den Bach runtergehen", was trotz aller Kritikwürdigkeiten und Reparaturbedürfnisse völlig falsch ist. Das haben sich die - trotz aller immer noch existierenden politischen Hemmnisse - einigermaßen dynamisch entwickelnden Unis einfach nicht verdient.

Der Autor ist Professor an der Univ. Wien und u.a. wiss. Leiter des Biologicum Almtal und der Konrad Lorenz Forschungsstelle