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Mut zur Elite

Obwohl er in der politischen Debatte regelmäßig wiederkehrt, bleibt der Begriff unklar und blass. Von gesellschaftlicher Spitze wird kaum gesprochen. Die Rede von Elite ist ein rhetorischer Kniff.

An der grundsätzlichen Auslegung des Begriffs gibt es wohl nichts auszusetzen: Laut Duden handelt es sich bei der "Elite“ um eine "Auslese der Besten“ - und genau die schwebte Vizekanzler Josef Pröll vor, als er am 7. Jänner das Bildungsprogramm seiner Partei präsentierte. "Mut zur Elite“, lautete das Motto, mit dem der ÖVP-Chef sein Bekenntnis zum Gymnasium darlegte. Dessen Unterstufe solle neben der Neuen Mittelschule bestehen bleiben, die künftig die Hauptschule ersetzen wird. Besonders begabten Schülerinnen und Schülern solle damit jene Betreuung und Förderung zukommen, die sie brauchen - separiert vom Leistungsdurchschnitt.

Wenig begriffliche Tiefe

Dass die Politik sich immer wieder um eine Elite bemüht, belegt der Blick ins Nachrichtenarchiv, wobei die Gewichtung auf das Bildungsthema deutlich wird. Eine moralisch-intellektuelle, für die Entwicklung der Gesellschaft Verantwortung zeigende Elite, wie sie die FURCHE-Kolumnisten Walter Homolka, Rainer Bucher und Mouhanad Khorchide (siehe Seite 18) zurzeit thematisieren, spielt dabei keine Rolle. Ebenso wenig wie zum Beispiel Platons Überlegungen zur besten Staatsführung, wonach entweder die Philosophen Könige oder die Könige Philosophen werden sollten.

Anfang 1989 wandte sich die SPÖ gegen den (seither regelmäßig eingebrachten) Vorschlag der ÖVP zur Wiedereinführung von AHS-Aufnahmeprüfungen, weil damit eine "Pseudo-Elite“ geschaffen würde: keine leistungsfähigere, sondern eine "stromlinienförmig genormte Jugend“, wie die APA den damaligen SPÖ-Klubobmann in Niederösterreich, Franz Slawik, zitierte.

Die heutige Volksanwältin Gertrude Brinek wünschte sich 1993, als Wiener Landtagsabgeordnete der ÖVP, für hochbegabte Menschen "eine über das normale Maß hinaus gehende optimale Ausbildung“ ab dem Kindergarten. In anderen Ländern werde "über Elite und Genies untabuisierter geschrieben und gedacht“ als in Österreich, meinte sie damals.

Das Land müsse Interesse daran haben, eine "österreichisch-europäische Elite“ zu fördern, stellte wiederum der heute - neben anderen Funktionen - als Rektor der FH Salzburg tätige Erhard Busek als ÖVP-Chef und Vizekanzler 1993 fest. Zwei Jahre später bekannte sich Andreas Khol als ÖVP-Klubobmann zur Heranbildung von Eliten und befand neben Studiengebühren auch ein Schulgeld für den Eltern zumutbar.

Elitäre Hochschule?

Einen Höhepunkt gab es mit der Diskussion über die Einrichtung einer "Elite-Uni“, die noch unter der ÖVP-Bildungsministerin Elisabeth Gehrer 2002 entbrannte. Gehrer nahm die Idee des Quantenphysikers Anton Zeilinger auf, der sich im Laufe der Projektentwicklung jedoch deutlich davon distanzierte. Die Einrichtung sollte so gut werden, dass sich Leute aus aller Welt "darum reißen, dort studieren oder lehren zu dürfen“ - ein Anspruch, dessen Erfüllung Zeilinger dem zwischenzeitlich im niederösterreichischen Maria Gugging angesiedelten Institute of Science and Technology (IST) Austria nicht zutraute.

Der Begriff der Elite sei "vielfältig und widersprüchlich“, sagt Thomas A. Henzinger, erster Präsident des IST Austria, das 2009 eröffnet wurde. Damit sei eine "gesellschaftlich privilegierte Schicht“ gemeint, die es in dieser Form an seiner Institution nicht gebe. "Aufnahmekriterien für Doktoratsstudierende sind ausschließlich deren wissenschaftliche Leistungen und Potenziale“, erklärt Henzinger. "Sie zahlen keine Studiengebühren, sondern werden als Jungforscherinnen und -forscher angestellt.“ Wenn aber "eine Elite im Sinne wissenschaftlicher Exzellenz“ gemeint sei, könne er sich wohl damit anfreunden, denn: "Wir wollen zur Weltspitze in der Grundlagenforschung gehören.“

Die deutsche Psychologin Sabine Rohrmann beschäftigt sich seit Langem mit dem Bereich der Intelligenzdiagnostik. An der Wiener Popper-Schule, die als eine Art "Best Practice“-Beispiel für eine Eliten-Förderung nach Prölls Lesart gelten kann (siehe Artikel unten), ist sie als externe Expertin zur Stelle, wenn über die Hochbegabung potenzieller Schüler entschieden wird. Im Selbstbild hochbegabter Jugendlicher bzw. für deren Eltern spiele die Frage, ob man einer Elite angehöre, allerdings keine Rolle.

Begabung durch alle Schichten

Bei den "Besten der Besten“ schwingt für Rohrmann - wie auch für andere Kritiker - bereits eine "Herkunftselite“ mit, weshalb sie von dem Begriff generell Abstand nimmt: "Da spielt immer auch ein sozialer Aspekt mit rein“, der sich aber bei den Hochbegabten nicht verifizieren lasse: Diese fänden sich in allen Schichten. Rohrmann nehme die Diskussion, die auch in Deutschland geführt wurde, so wahr, dass es "vor allem um die sozial Mächtigen“ geht.

Gegen eine solcherart verstandene Elite sprach sich auch Bundeskanzler Werner Faymann unlängst aus. Er sagte hinsichtlich der ÖVP-Vorschläge und anlässlich der Feierlichkeiten zu Bruno Kreiskys 100. Geburtstag im Jänner, man dürfe nicht zusehen, "wie sich eine selbst ernannte Elite abspalten will“. 40 Jahre "nachdem Kreisky die Tore für alle weit geöffnet hat“, gelte es dem Wiederaufbau sozialer Barrieren in der Bildung entgegenzutreten. Kreiskys Erbe "muss täglich verteidigt und weiterentwickelt werden“.

Während die Regierungsparteien sich bei der Elitenfrage also weitgehend in einer Bildungsdebatte ergehen, wagt sich die Opposition - wenngleich die Bildungssprecher vorgeschickt werden - an eine etwas breitere Begriffsklärung. Und teilweise sogar an eine personelle Zuordnung. So ist FPÖ-Bildungssprecher Walter Rosenkranz "überzeugt, dass Eliten für ein erfolgreiches Staatswesen notwendig sind“.

Mit dem Verweis auf "Wissenschaftler, Künstler, Sportler, erfolgreiche und verantwortungsbewusste Unternehmer sowie einige wenige Politiker“ kommt er sogar in die Nähe der Beschreibung des deutschen Soziologen Michael Hartmann (siehe Interview rechts). Der definiert eine gesellschaftliche "Kernelite“, die sich überwiegend aus Wirtschaft, Verwaltung, Justiz und Politik speist.

"Ungerechtfertigte Privilegien“

"Jede Gesellschaft braucht Funktionseliten“, sagt Grünen-Bildungssprecher Harald Walser. In einigen Bereichen sei Bildung sicher "ein wesentliches Element, um in diese Funktionseliten aufzusteigen“. Hingegen komme der "von den Konservativen oft beschworene Leistungsbegriff“ gar nicht zum Tragen, "weil viele Kinder und Jugendliche bei uns praktisch keine Chance bekommen, zu höherer Bildung zu gelangen“.

Wenn die Elite ideologisch begriffen werde "und ihre Verfechter ungerechtfertigte Privilegien für sich in Anspruch nehmen“, dann drohe Gefahr, so Walser. Für sich genommen sei der Begriff aber weder positiv noch negativ besetzt.

Zwar würde er führende Politiker und Wirtschaftsbosse zur heimischen Elite zählen; genau so will Walser aber auch Systemerhalter wie beispielsweise Kindergartenpädagoginnen und -pädagogen, Krankenpflegepersonal und Sterbebegleiter erwähnt haben. Absolut Eliten-würdig seien außerdem "die nordischen Gold-Kombinierer, Daniela Iraschko als Skisprungweltmeisterin und Torfrau von Wacker Innsbruck, sowie Elfriede Jelinek und Ute Bock“.

Begabungsförderung "kein Luxus“

Der ehemalige deutsche Banker Alfred Herrhausen stellte fest, dass es "kein Luxus ist, Begabte zu fördern“, erinnert sich BZÖ-Chef Josef Bucher. Es sei jedoch "ein sträflicher Luxus, dies nicht zu tun“. Dem BZÖ gehe es darum, "das Prinzip Leistung und Talent in den Vordergrund zu stellen“.

Die "Kernelite“ lehnt Bucher ab, da sie "an Nietzsches Prinzip des Übermenschen“ erinnere: "Hitparaden der elitären Österreicher sehe ich sehr skeptisch, sie sollten besser den Boulevardmagazinen vorbehalten bleiben.“ Wenn schon eine Elite zu beschreiben sei, dann treffe der Begriff all jene "Leistungsträger unserer Gesellschaft, die noch Einkommens- oder Lohnsteuer zahlen“, so Bucher.

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