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Mythos Studentenflut

Die aesopische Fabel von den Fröschen, die in das Milchfaß fielen, gehört zum Pflichtprogramm lateinbeschlagener AHS-Schüler. Tips zum Überleben auf der Uni nicht. Trotzdem - oder gerade deswegen - streben die vom Geiste Aesops beseelten Maturanten mangels anderer Möglichkeiten schnurstracks an die heimischen Hochschulen. Erst dort erkennen sie den praktischen Wert der Geschichte des griechischen Sklaven, schließlich sind die Universitäten jenes Butterfaß voll Milch, in das die Studierenden wie Frösche fallen. Die Erkenntnis ist aktueller denn je: Wer lang genug strampelt, kommt auch wieder heraus, alle anderen gehen unter. Griechisch-Römisch bewährt sich nicht als linguistische Schule, sondern als Ring-Stil im Kampf um Seziertische und Laborplätze.

Nüchtern betrachtet sind die Studierenden von heute weder fauler noch dümmer als ihre akademischen Ahnen, im Gegenteil. Rund die Hälfte arbeitet neben dem Studium, um sich die wissenschaftlichen Weihen und ein Leben oberhalb der Armutsgrenze finanzieren zu können. Wenn jedes fünfte Studium satte null Absolventen hervorbringt, dann sollten die Rahmenbedingungen einer genaueren Betrachtung unterzogen werden, anstatt den Studierenden die Schuld am Malheur in die Schuhe schieben zu wollen.

Es wird Zeit, mit der Fabel vom Studentenberg aufzuräumen. Wir haben nicht zuviele Studierende, wir haben zuviele ürop-outs. In einer Zeit rascher technologischer Entwicklung und gesellschaftlichen Wandels kann sich weder der „Standort" noch die Republik Osterreich ein kleines, elitäres Uni-Biotop leisten. Wir brauchen mehr und besser qualifizierte Absolventen. Selbst wenn die „Karriere mit Lehre" tatsächlich Realität werden sollte -und die Fachhochschulen einen Su-perboom erleben würden - an einem Aus- und Umbau des Hoch-schulsystems führt kein Weg vorbei.

Der Studentenberg ist jener moderne Mythos, von dem die Idee der „Knockout-Prüfung" zehrt. Qui bono? Natürlich bejubeln viele Professoren und Rektoren den Vorschlag, sich „ihre" Studierenden handverlesen aussuchen zu dürfen, denn schließlich ist dies die beste Garantie für einen Unibetrieb, der von Studierenden möglichst wenig gestört wird. Es gibt kaum ein besseres Medien-Virus, mit dem Leistung und Qualität ohne das Aufbrechen verkrusteter Strukturen eingefordert werden können. Doch statt Leistung und Qualität sichert die Knockout-Prüfung höchstens den strukturellen Status quo. Wenn Professoren von Studierenden sprechen, die sich für „ihr" Studium „eignen", dann schwingt dabei nicht selten ein überholtes, ideologisches Konzept mit, in dem kritische Studenten, Studierende aus bildungsferneren Schichten und solche aus ländlichen Gebieten keinen Platz haben. Schließlich sind nicht Eignung und Einsatz, sondern Orientierungsfähigkeit in zu Tode administrierten Strukturen und Anpassung an herrschende Lehrmeinungen die Überlebenskriterien der Studieneingangsphase.

Auch volkswirtschaftlich betrachtet steht die Knockout-Prüfung in Widerspruch zu einer Mehrzahl der Beteuerungen. Schikanen und Warteschleifen in der Studieneingangsphase haben in allen praktizierten Modellen zu einer Verlängerung der Studiendauer geführt. Gleichzeitig würden bei umfassenden Knockout-Prüfungen weitaus mehr Maturanten auf den Arbeitsmarkt drängen, um dort mit der steigenden Zahl arbeitsloser Akademiker zu konkurrenzieren. Arbeitslose ohne soziale Absicherung und Lohndruck wären die unmittelbaren Folgewirkungen, „per aspera ad Arbeitslosigkeit" die studentische Losung des 21. Jahrhunderts.

Deswegen sollten keine politischen Energien in die Konzeption einer Prüfung investiert werden, die ideologischer Willkür, sozialer Selektion und Kostenerhöhungen Tür und Tor öffnen würde. Vielmehr brauchen wir ein Ausbildungssystem, das Möglichkeiten eröffnet, anstatt diese einzuschränken. Die Beratungs- und Informationsarbeit in den Schulen muß intensiviert werden. Die Hochschulbürokratie muß auf ein Minimum reduziert werden, um das gesamte System kostengünstiger, rascher und flexibler zu gestalten. So brauchen wir zum Beispiel eine 'Raumnutzungsplanung, die verhindert, daß sich-1.000 Studierende in einen Hörsaal für 500 Personen quetschen müssen, während zehn Gehminuten entfernt größere Bäumlichkeiten von einer Handvoll Menschen genutzt werden. Wir brauchen auch mm.jj.iium e'ne Entlohnung des Lehrpersonals nach Leistungskriterien, denn was für Studierende schon längst gilt, sollte wohl auch für ihre wissenschaftlichen Vorbilder gelten.

Vor allem brauchen wir eine stärkere öffentliche und kritische Diskussion über Aufgaben und Zukunft unserer Hochschulen. Denn Mythen und Legenden - wie jene des Studentenberges - gehören in den beschaulichen Latein-Unterricht.

Der Autor ist

Bundessekretär des Verbandes Sozialistischer Studentinnen Österreichs.

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