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„ Nachzipf für Rudolf Schölten?

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Die Legislaturperiode geht zu Ende. Bildungspolitisch ist die Übernahme ganztägiger Schulformen in das Regelschulwesen im Herbst der Schlußpunkt.

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Die Legislaturperiode geht zu Ende. Bildungspolitisch ist die Übernahme ganztägiger Schulformen in das Regelschulwesen im Herbst der Schlußpunkt.

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Kein besonders schmeichelhaftes Zeugnis stellt die Union Höherer Schüler (UHS) Unterrichtsminister Rudolf Schölten für seine bildungspolitischen Aktivitäten aus. Sie bezieht sich dabei auf das seinerzeitige Arbeitsübereinkommen von SPÖ und ÖVP für die laufende Gesetzgebungsperiode und urteilt:

„Aus unserer Sicht als Vertreter der Schüler genügt die vorweisbare Leistung des Unterrichtsministers nicht. Zu viele Angelegenheiten aus dem Regierungsübereinkommen sind ungeklärt, zu viele Zusagen nicht eingelöst. So wie in der Schule für die Schüler bei einem negativen Abschluß üblich, soll unserer Meinung nach auch dem Unterrichtsminister bis Mitte September die Möglichkeit offen stehen, ernsthaft unter Beweis zu stellen, daß er die offenen Punkte noch erfüllen will."

Konkret wünschen sich die gestrengen Schüler bis zum Herbst vom Unterrichtsminister „Lösungsvorschläge" zu einer ganzen Reihe von Problemen. Zunächst wird Scholtens bisher gescheiterter Vorschlag, Schüler mit einem „Nicht genügend" aufsteigen zu lassen, in Erinnerung gerufen, da aus Sicht der Schüler die Handhabung der „Aufstiegsklausel" noch immer unterschiedlich und somit ungerecht erfolgt. Weiters verursache die letzte Prüfung vor einem drohenden negativen Abschluß schwerwiegende Probleme, weshalb eine Änderung der Verordnung zur Leistungsbeurteilung dringend notwendig sei.

Angesichts der zunehmenden Radikalisierung und politischen Verdrossenheit unter Jugendlichen drängt die UHS auf eine Verstärkung der politischen Bildung, „zum Beispiel in Form eines eigenen Pflichtgegenstandes".

Daß über die Aufwertung der

Schulpartner auf Schulebene hinaus die Bundesschülervertretung echtes politisches Gewicht bekommt, ist ein verständlicher Wunsch von Schülern, die meinen, dabei auch auf entsprechende Zusagen pochen zu können. Ferner mahnen sie die im Arbeitsübereinkommen vereinbarte Verbesserung der Berufsorientierung durch den Ausbau von Beratungsinstitutionen sowie die vermehrte Schulung von Lehrern ein.

Als „säumig" erscheint der Unterrichtsminister in dem UHS-Papier auch bei der vereinbarten flexiblen Ausweitung der Berufsschulzeit. Außerdem sei auch entgegen allen Vereinbarungen und Ankündigungen im Bereich der Begabtenförderung trotz zahlreicher Vorschläge und Modelle nichts passiert.

Ferner kritisiert die UHS den Platzmangel und die Sanierungsbedürftigkeit an österreichischen Schulen und beanstandet, daß kein umfangreiches Programm zur Erhaltung und zum Ausbau des Schulraumangebotes vorgelegt wurde. Und schließlich habe man entgegen den Vereinbarungen weder das Thema „Objektive und leistungsorientierte Lehrereinstellung" berührt noch die Mitwirkungsmöglichkeiten aller im Schulleben Beteiligten bei der Vergabe von Leitungsfunktionen im Schulbereich ausgebaut, obwohl auch davon im Regierungsabkommen die Rede war.

Die UHS listet aber auch die Plus-

Sunkte der bisherigen Ära Schölten urchaus anerkennend auf — freilich mit dem Hinweis, daß die Vorarbeiten zur 14. und 15.* Novelle des

Schulorganisationsgesetzes (SchOG) noch unter Scholtens Vorgängerin Hilde Hawlicek erfolgten und die Initiative zu den Fachhochschulen und zur Lehrlingsfreifahrt von anderen Ministerien (Wissenschaft und Forschung beziehungsweise Familie, Umweltschutz und Konsumentenschutz) ausgegangen sei.

Die 1993 in Kraft getretene 14. SchOG-Novelle bietet Schulen die Chance, in einem bestimmten Stundenrahmen von der „pädagogischen Autonomie" Gebrauch zu machen, bestimmte Schwerpunkte zu setzen, das Bildungsangebot breiter zu fächern. Entscheidend sind die schulpartnerschaftlichen Gremien -Schul- und Krassenforen (Lehrer und Eltern) an den Pflichtschulen, Schulgemeinschaftsausschüsse (Lehrer, Eltern, Schüler) an den mittleren und höheren Schulen.

Die 15. SchOG-Novelle setzte einen wichtigen Schritt, indem sie seit dem Schuljahr 1993/94 die Schaffung von „Integratiorisklassen" mit maximal 20 Kindern (16 nichtbehinderte und vier behinderte) vorsieht, wobei dem Klassenlehrer eine sonderpädagogisch ausgebildete Lehrkraft zur Seite steht. Zu diesem Thema hat zum Beispiel der Katholische Familienverband Österreichs betont: „Die Integration behinderter Kinder kann und darf nicht mit der Volksschule beziehungsweise im Schul versuch Hauptschule enden."

Zugleich wurde mit Wirksamkeit ab dem Schuljahr 1994/95 die politisch lange Zeit umstrittene Frage der Nachmittagsbetreuung von Kindern in der Schule geregelt. Für die Schulversuche „Ganztagsschule" (SPÖ-Modell) und „Tagesheimschule" (ÖVP-Modell) wurden bei der

Übernahme in das Begelschulwesen neue Namen gefunden.

Ganztägige Schulformen „mit verschränkter Abfolge" (SPÖ-Modell) verteilen den Unterricht - mit Erholungsphasen - auf den ganzen Tag, der Schüler muß, um auf dem laufenden zu bleiben, für die Dauer des Besuches der betreffenden Schule jeden Tag bis zum späten Nachmittag in der Schule verbringen. Ganztägige Schulformen „mit getrennter Abfolge" (ÖVP-Modell) bündeln den Unterricht am Vormittag, die Anmeldung für Betreuung am Nachmittag gilt nur für das betreffende Schuljahr und muß sich nicht auf alle, sondern kann sich auch nur auf einzelne Tage der Woche beziehen.

Die Tarife für die Ganztagsbetreuung an Bundesschulen betragen -nach dem Einkommen der Eltern gestaffelt - maximal 1.000 Schilling pro Monat, hinzu kommen die Kosten für das Mittagessen, die sich beispielsweise in Wien auf 760 Schilling pro Monat belaufen. Wien hat als erstes Bundesland die für den Pflichtschulbereich nötigen Aus-führungsbestimmungen zu diesem Gesetz erlassen und verfügt sicher über das dichteste Angebot an ganztägigen Schulformen, das auch noch weiter ausgebaut werden soll.

Weitere Dauerbrenner der Schuldiskussion - die Schule der Zehn- bis Vierzehnjährigen, Fünf- und Sechstagewoche, Schulbuchaktion, Ferienregelung, Ausbau des Fremdsprachenangebotes - werden mit Sicherheit noch die nächste Gesetzgebungsperiode beschäftigen.

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