Neue, alte Mittelschule

Was von Claudia Schmieds Gesamtschulplänen übrig bleibt.

Es sollte einen Paradigmen-wechsel in Österreichs Schulsystem markieren. Geworden ist es eine großkoalitionäre Einigung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner: die von Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) initiierte "Neue Mittelschule". Nur fünf Prozent aller Schülerinnen und Schüler eines neuen Schuljahrgangs (laut Unterrichtsministerium rund 3.700 Schüler in 155 Klassen an 65 Standorten) werden den Schulversuch durchlaufen. Die Steiermark stellt mit 30 Mittelschul-Standorten das größte Aufgebot, gefolgt von Vorarlberg (23 Standorte), dem Burgenland (9), Kärnten (2) und Oberösterreich (1). In Salzburg sollen 2009 drei Modellregionen folgen, in Niederösterreich plant man, ebenfalls ab 2009 die Schullaufbahnentscheidung um zwei Jahre später anzusetzen, in Tirol laufen Sondierungsgespräche - und in Wien wird streng geheim konzipiert.

Ein näherer Blick auf die bereits 2008 teilnehmenden Schulen sorgt freilich für Ernüchterung: Mit dem BG/BRG Klusemannstraße in Graz hat sich nur eine einzige AHS-Unterstufe am ehrgeizigen Unterfangen beteiligt. Echte Gesamtschul-"Modellregionen" sind deshalb nicht entstanden. Meist werden akademisch ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer von Partnerschulen miteinbezogen.

Für die teilnehmenden Hauptschulen freilich ein echter Gewinn: Schließlich erhalten sie neben neuem pädagogischem Input im Endausbau bei acht Klassen 48 Lehreinheiten pro Woche zusätzlich, die der Bund finanziert.

Doch was, wenn dieses Zuckerl im Regelschulwesen wegfällt? "Das ist tatsächlich ein Problem, das wir aus anderen Schulversuchen kennen", erklärt der ehemalige steirische Landesschulratspräsident Horst Lattinger (siehe Interview), der selbst zehn Jahre lang im Schulversuch "Integrierte Gesamtschule" tätig war. "Wenn diese Ressourcen wegfallen und auch die Motivation der Betroffenen nicht mehr vorhanden ist, dann funktioniert es oft nicht mehr." Im Fall des Schulversuchs "Neue Mittelschule" habe man zudem das "Pferd falsch aufgezäumt", kritisiert Lattinger: In die ministerielle Expertenkommission seien kaum Praktiker eingebunden gewesen. Und man habe es zudem verabsäumt, in der Bevölkerung, vor allem aber bei den betroffenen AHS-Lehrerinnen und -Lehrern, rechtzeitig für Akzeptanz zu sorgen. "So etwas funktioniert ja nur, wenn sich die Teilnehmenden nicht von vornherein als Verlierer fühlen."

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