Konstruktiv bleiben! - Sozialarbeiter Anton Mayer, Direktor Erich Breier und ehrervetreter Thomas Krebs (v.l.n.r.) mit FURCHE-Redakteurin Doris Helmberger in der Schulbibliothek der NMS Aderklaaerstraße. - © Tosca Santangelo
Bildung

"Neue Autorität" für die Schulen?

1945 1960 1980 2000 2020

Was gegen Gewalt im Klassenzimmer hilft. Und was zu mehr Respekt und Wertschätzung gegenüber allen führen könnte: Ein Schuldirektor, ein Sozialarbeiter und ein Lehrervertreter im Gespräch.

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Was gegen Gewalt im Klassenzimmer hilft. Und was zu mehr Respekt und Wertschätzung gegenüber allen führen könnte: Ein Schuldirektor, ein Sozialarbeiter und ein Lehrervertreter im Gespräch.

Dass Unterrichten kein Zuckerschlecken ist, war für die meis-ten klar. Wie verheerend eine Schulstunde ablaufen kann, wurde vielen aber erst durch die verstörenden Videos aus einer Ottakringer HTL bewusst. Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) hat prompt Maßnahmen gegen Gewalt an Schulen angekün­digt (s. u.), doch derweil zerbröselt die Regierung. Was wäre generell nötig, um in den Schulen ein Klima der Wertschätzung zu schaffen, ohne das guter Unterricht nicht möglich ist? Erich Breier, Direktor der Neuen Mittelschule in der Aderklaaerstraße in Wien-Floridsdorf und systemischer Coach, arbeitet an seiner Schule mit dem pädagogischen Konzept der „Neuen Autorität“. Auf Einladung der FURCHE hat er mit dem Wiener Schulsozialarbeiter Anton Mayer und dem Vorsitzenden des Wiener Zentralausschusses in der Pflichtschullehrergewerkschaft, Thomas Krebs (Fraktion Christlicher Gewerkschafter), diskutiert. Dass sich nur Männer austauschten, war übrigens weder geplant noch für den Schulbereich repräsentativ, sondern Folge der kurzfristigen Absage einer Expertin.

Die Furche: Herr Direktor Breier, wären Szenen wie jene aus der Ottakringer HTL an Ihrer Schule theoretisch möglich?
Erich Breier: So eine Szene ist fast an jeder Schule möglich.

Thomas Krebs: Ich glaube auch, dass das überall passieren kann. Ich weiß auch, dass ähnliche Geschichten schon passiert sind, nur sind sie nicht medial so hinausgetragen worden. Mich erreichen wöchentlich Beschwerden von Lehrerinnen und Lehrern, dass sie körperlich, seelisch und medial von Schülern angegriffen werden.

Die Furche: Aber nimmt die Häufigkeit der Übergriffe tatsächlich zu?
Krebs: Ich nehme jedenfalls die Tendenz wahr, dass die Kolleginnen und Kollegen eher bereit sind, offen zu sprechen: Denn wenn ein Lehrer oder eine Lehrerin attackiert wird, ist das ja auch immer mit unheimlicher Scham verbunden. Lange hat man Kollegen, die davon berichtet haben, als Nestbeschmutzer dargestellt. Da ist viel unter den Tisch gekehrt worden. Doch jetzt bemerke ich langsam einen Schulterschluss, sodass die Kolleginnen im Lehrerzimmer, die Direktionen und dann auch die Behörden hinter den Betroffenen stehen.

Anton Mayer: Ich merke auch diese Scham unter betroffenen Lehrkräften. Viele wissen außerdem gar nicht, welche Hilfestellungen es überhaupt gibt, denn die Wiener Bildungsdirektion, bei der ich als Sozialarbeiter angestellt bin, hat hier schon einiges geschafft. Durch die sozialen Medien hat sich die Situation natürlich nochmals zugespitzt. Aber ich würde nicht pauschal sagen, dass die Gewalt zugenommen hat: Die Anzeigen sind sogar zurückgegangen.

Die Furche: Ein wesentlicher Streitpunkt war und ist, inwieweit dieses Video ein systemisches und/oder persönliches Versagen zeigt. Der Sozialarbeiter Reinhard Amminger hat das in einem „Standard“-Gastkommentar so zugespitzt: „Das System Schule begegnet auffälligen Schülerinnen und Schülern mit Hilflosigkeit und Inkompetenz.“ Würden Sie das unterstreichen, Herr Mayer?
Mayer: So würde ich es nicht ausdrücken, es gibt schon viele gute Ideen und Projekte.
Krebs: Also ich nehme diese Aussage der Inkompetenz nicht hin. Ich orte aber Ratlosigkeit in bestimmten Bereichen und habe das Gefühl, dass die Lehrerinnen und Lehrer insofern oft alleingelassen sind, als man heute vieles, was früher im Elternhaus stattgefunden hat, einfach in ihr Aufgabenfeld übertragen hat. Die Schule ist für alles zuständig – vom Essen mit Messer und Gabel bis zur Hochschulreife. Diesen Spagat wird sie nie leisten können. Ich gebe aber zu, dass viele Kolleginnen und Kollegen auch noch nicht wissen, welche Unterstützungsangebote es gäbe. Aber das Problem ist, dass diese Hilfe sehr plötzlich da sein und idealerweise vor Ort sein muss, und das ist großteils nicht gegeben.
Breier: Ich möchte mich auch gegen die obige Aussage verwahren. Wir sind sicher nicht hilflos, aber hin und wieder alleingelassen und auf die eigene Kreativität angewiesen. Auch das Einzelkämpfertum ist noch weit verbreitet – diese Meinung, mit allem persönlich und allein fertigwerden zu müssen, weil es sonst ein Zeichen von Schwäche und Inkompetenz wäre. Hier wirkt die „Neue Autorität“ dagegen.

Die Furche: Dieser pädagogische Ansatz wurde in den 1980er-Jahren vom israelischen Psychologen Haim Omer entwickelt und grenzt sich sowohl von der „alten Autorität“ ab, der es nur um das Durchsetzen von Regeln geht, als auch von der „antiautoritären Erziehung“ (vgl. www.neueautoritaet.at). Herr Breier, Sie sind seit 19 Jahren Direktor an der Schule und haben diesen Ansatz vor etwa vier Jahren implementiert. Wie sieht das konkret aus?
Breier: Es geht um eine generelle Haltungsänderung, eine Stärkung des Wir. Wenn es etwa einen Vorfall gibt, dann sage ich dem betroffenen Lehrer immer, dass das kein Angriff auf die Person ist, sondern maximal auf die Institution und zwar auf die gesamte. Eine Missachtung unserer Vereinbarungen ist ein Angriff auf uns als Schule, und dagegen leisten wir Widerstand. Zentral ist dabei Präsenz. Wir zeigen dem Schüler: Wir sind für dich da und werden nicht weggehen, auch wenn du Schwierigkeiten machst, und wir werden dich dabei unterstützen, dass du dich mit uns gemeinsam an unsere Vereinbarungen halten kannst. Wir schauen auch nicht weg, das ist ganz wichtig: Wenn es negative Dinge gibt, sowohl von Lehrerinnen- als auch von Schülerseite, dann nennen wir die Dinge beim Namen. Aktuell haben wir etwa einen Fall von Cybermobbing, den wir gründlich aufarbeiten: Gemeinsam mit den involvierten Schülern haben wir uns angesehen, wo die Geschichte herkommt, wir haben den Grätzelpolizisten eingeladen und einen Elternbrief verfasst, in dem das Vorgefallene ganz deutlich beschrieben wird. Der Kontakt zu den Eltern ist generell wichtig: Wir kontaktieren schon in den ersten Schulwochen alle telefonisch und bieten ihnen unsere Zusammenarbeit an. Die erste Meldung aus der Schule soll eine positive sein. Denn wir erleben ja auch Eltern, die später nicht mehr abheben, wenn sie die Schulnummer sehen.
Krebs: Es ist natürlich großartig, wenn die ganze Schule an einem Strang zieht. Aber Voraussetzung dafür ist, dass das Lehrerkollegium Geschlossenheit zeigt und es ein stabiles Lehrerteam gibt. An vielen Standorten gibt es aber eine starke Fluktuation, wir haben auch eine massive Abwanderung in andere Bundesländer und eine Pensionierungswelle. Das ist ein großes Problem vieler Schulen.
Breier: Die Fluktuation ist tatsächlich ein Problem, auch bei uns wechseln pro Jahr zwischen drei und sieben Personen, das scheint bei einem Lehrkörper von 70 nicht viel, aber kontinuierlich zu arbeiten, wird dadurch schwieriger.