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Digital In Arbeit

Notwendige Beseitigung von Spitzfindigkeiten

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Bei der Reform wurde äußerst behutsam vorgegangen. Vielen werden die Änderungen beim Lesen gar nicht auffallen.

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Bei der Reform wurde äußerst behutsam vorgegangen. Vielen werden die Änderungen beim Lesen gar nicht auffallen.

Die noch heute gültigen Begeln der deutschen Bechtschrei-bung gehen im Wesentlichen auf die „2. Orthographische Konferenz” in Berlin im Jahre 1901 zurück. Inzwischen hat sich die Sprache weiterentwickelt. Die Regelung von 1901 wurde im Zuge ihrer Bearbeitung in den Bechtschreib-büchern über die Jahrzehnte hin in allen Teilbereichen ständig komplizierter und im Aufbau unübersichtlich, unsystematisch und widersprüchlich. Die 19. Auflage des Duden von 1986 enthält nicht weniger als 212 Begeln, die meist zahlreiche Unter-, Sonderregeln und Ausnahmen aufweisen. , Im Herbst 1992 hat nunmehr der internationale Arbeitskreis für Or-thografie, eine Gruppe von Sprachwissenschaftern und Sprachdidakti-kern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die von den jeweiligen Begierungen mit der Beform beauftragt wurden, das Gesamtregelwerk „Deutsche Bechtschrei-bung, Vorschläge zu ihrer Neuregelung” herausgegeben. Dieser Neuregelungsvorschlag ist in jahrelanger Arbeit entstanden und ist sicher der gründlichste Entwurf seit 1901. Er wurde in der Folge in Deutschland, Österreich und in der Schweiz eingehend begutachtet, diskutiert und aufgrund der Ergebnisse mehrfach überarbeitet. In Österreich waren in die Begutachtung die Germanistischen Institute der Universitäten, Landesschulräte und Lehrerarbeits-gemeinschaften, Kammern und Verbände aber auch die Autorenvereinigungen eingebunden. Von der überwiegenden Zahl der Verbände und Organisationen wurde die Absicht der Verfasser, das Begelwerk, das im Laufe der Zeit unübersichtlich geworden war neu zu fassen, begrüßt. Die Autorenvereinigungen (Pen-Club und IG-Autoren) haben sich im Bahmen dieser Begutachtung inhaltlich nicht geäußert.

Allen Beteiligten ist bewusst, dass die Bechtschreibreform ein Thema ist, das erhebliche Emotionen auslösen kann. Einerseits ist sie für viele Bürger die langweiligste Angelegenheit der Welt, mit der man sich nur so ungern befasst, wie mit einer Steuererklärung, andererseits zeigen die Beaktionen, dass etwas kaum so leidenschaftlich und irrational in Erregung versetzt wie eine Änderung der Begeln. Ausdiesem Grund ist es verständlich, dass Änderungen nur mit größter Behutsamkeit und nach langer Diskussion vorgenommen werden konnten. Andererseits war es aber notwendig, jene Unsinnigkeiten, Merkwürdigkeiten und nicht mehr nachvollziehbaren Begelungen früherer Zeiten zu beseitigen, die das Schreiben unnötig belasten. Kein Leser verliert eine Information, wenn zum Beispiel „mit Bezug auf” und „in bezug auf” gleich geschrieben werden. Die Schreibenden ersparen sich allerdings die höchst komplizierte Überlegung, ob in einem der beiden Fälle „Bezug” vielleicht doch nicht mehr als Hauptwort angesehen werden könnte. Die neue Regelung beseitigt diese und viele ähnliche Spitzfindigkeiten. Sie bemüht sich um eine behutsame Vereinfachung der Rechtschreibung. Sie erreicht das vor allem durch die Reseitigung von Ausnahmen und Besonderhei-ten. Die deutsche Rechtschreibung wird dadurch leichter erlernbar und einfacher handhabbar sein, ohne dass die Tradition der deutschen Schreibkultur beeinträchtigt wird. Die Lesbarkeit von Texten in der bisherigen Orthografie bleibt erhalten. Die Neuformulierung nach klaren einheitlichen Gesichtspunkten macht die Regeln insgesamt verständlicher und durchsichtiger.

Das Regelwerk wird in Österreich mit 1. September 1998 in Kraft treten. Die verbindliche Einführung sollte bis zum Jahre 2005 abgeschlossen sein. Dieser Zeitplan wurde mit der Unterzeichnung der internationalen Absichtserklärung am 1. Juli 1996 in Wien international abgestimmt. Seit dem Zeitpunkt der Unterzeichnung dieser Wiener Absichtserklärung kann jeder Staat in seinem Rereich bereits mit der Einführung beginnen. Das Bundesministerium für Unterricht und kulturelle Angelegenheiten hat es in einem Bundschreiben den Lahrern freigestellt, bereits vorher die neue Becht-schreibung in den Schulen einzuführen. Vor allem für die Volksschulen wurde die frühzeitige Einführung empfohlen, um die Zahl der Umlerner so gering wie möglich zu halten. Viele Pflichtschulen in ganz Österreich haben bereits in diesem Schuljahr mit der Einführung begonnen und viele Lehrer haben ihre Zustimmung zu der neuen Becht-schreibung geäußert.

Wie das Regelwerk von 1901 wird auch die neue amtliche Rechtschreibung lediglich für diejenigen Institutionen, für die der Staat in dieser Hinsicht Regelungskompetenz besitzt, verbindlich sein. Das sind einerseits die Schulen und andererseits die Rehörden. Darüber hinaus wird niemand von Staats wegen verpflichtet sein, nach den neuen Regeln zu schreiben. Allerdings werden sie Vorbildcharakter für die Rereiche haben, in denen sich die Sprachteilhaber an einer möglichst allgemein gültigen Rechtschreibung orientieren möchten. Das gilt speziell für Druckereien, Verlage und Redaktionen, aber auch für Privatpersonen. Die Austria Presse Agentur hat erklärt, mit 1. August 1998 ebenso wie die Deutsche Presse Agentur auf die neue Rechtschreibung umzustellen. Auch hier gilt, dass auf Grund der langen Übergangszeit die Umstellung ohne große Kosten erfolgen kann.

Den Schulanfängern, die bereits heuer nach den neuen Regeln unterrichtet werden, wird die Rechtschreibung in Zukunft etwas leichter fallen. Allerdings kann vor allem für ältere Personen, die die alten Regeln verinnerlicht haben, eine gewisse Zeit der Verunsicherung eintreten. Umfragen haben gezeigt, dass die Ablehnung der Reform mit dem Alter der Refragten zunimmt. Die beschlossene Reform ist jedoch keine Zäsur der dramatischen Art. Ihre vorsichtigen Retuschen werden keinen vorreformatorischen Text plötzlich schwer lesbar sein und alt aussehen lassen. Man wird sie kaum bemerken, so wie vielen Lesern wahrscheinlich kaum aufgefallen sein wird, dass dieser Text in der neuen Orthografie abgefasst ist. Auffallen wird am ehesten noch das häufigere „ss”, wo vorher ein „ß” war, obwohl gerade diese Regelung für den Schreiber eine deutliche Vereinfachung bringen wird („ss” immer nach kurzem Selbstlaut). Die wirklichen Vereinfachungen liegen jedoch in den Bereichen, die dem durchschnittlichen Schreiber gar nicht als Fehlerquellen bewusst waren - in Bandbereichen der Groß- und Kleinschreibung, der Getrennt- und Zusammenschreibung sowie der Beistrichsetzung.

So betrachtet werden die Vorteile bei den „Neulernern” überwiegen und die seelischen Schmerzen der „Umlemer” sich in Grenzen halten. Oder hat das Lesen dieses Textes weh getan?

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