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Operation Schubumkehr

Der Paradigmenwechsel in Österreichs Bildungspolitik findet im Herbst seinen bisher deutlichsten Niederschlag.

Vorbei die Zeit des sommerlichen Müßiggangs: Der Ernst des Lebens hat uns eingeholt - und erstmals auch rund 100.000 Taferlklass-ler in ganz Österreich. Mit großen Augen und SchulAccessoires im Wert von bis zu 3.000 Schilling pro Kopf harren sie dem, was da kommen soll.

Und das ist nicht wenig, waren doch Österreichs Bildungspolitiker in den letzten Monaten jeglichem Müßiggang abhold. Die Bildungssprecher Werner Amon (ÖVP) und Karl Schweitzer (FPÖ) ließen kaum eine Gelegenheit ungenutzt, den heimischen Schulen einen ordentlichen Reformschub zu verpassen: Die Diskussion um ein AHS-Aufnahmeverfahren platzte ebenso in die sommerliche Siesta wie die von Wirtschaftskammerchef Christoph Leitl angedachte und von Amon aufgegriffene Idee, in städtischen Ballungszentren Hauptschule und Polytechnikum durch eine sechsjährige Realschule zu ersetzen, die mit der Mittleren Reife enden soll.

Würde die Hauptschulreform eine grundsätzliche sein - also auch den ländlichen Bereich umfassen - ihr wäre nur zuzustimmen. Dies hat auch die SPÖ erkannt und signalisiert - ungewohnte - Gesprächsbereitschaft.

Indes begnügen sich die Bildungsexperten der Volkspartei nicht mit Kinkerlitzchen: In einer parlamentarischen Enquete soll im Herbst eine umfassende Debatte über Reformen im Schulsystem Platz greifen. Sorgfältiges Nachdenken ist tatsächlich angebracht, nicht zuletzt über jene Studie, die Österreichs 12- bis 14-Jährigen im internationalen Vergleich - ausgenommen Mexiko - die längsten Unterrichtszeiten bescheinigt.

Österreichs 1,2 Millionen Schüler dürfen sich also auf einiges gefasst machen. Als Folge schwarz-blauen Reformeifers stehen ihnen nicht wenige Neuerungen ins Haus: die umstrittenen Verhaltensvereinbarungen gehören ebenso dazu wie Schülervertreterstunden und das Fach "Geschichte und Politische Bildung" in der 7. und 8. Klasse AHS.

Ernst wird es ab nächster Woche auch mit dem neuen Dienstrecht für die Lehrerschaft. Während jedoch die Landeslehrer mit ihrem neuen "Jahresnormmodell" durchaus leben können, steigen die AHS-Lehrer wegen befürchteter Gehaltseinbußen auf die Barrikaden. Zumindest theoretisch. Und zumindest jeder zehnte, glaubt Azevedo Weißmann, stellvertretender Vorsitzender der Sektion Höhere Schule in der Gewerkschaft öffentlicher Dienst. Grund für den Lehrergrimm sind Änderungen bei der Bewertung von Klassenvorstands- und Kustodiatstätigkeiten. Da man jedoch bei der Urabstimmung im Frühjahr die erforderliche Mehrheit knapp verpasste, ist es nun den Schulen freigestellt, ob sie Skikurse oder Projektwochen boykottieren.

Der angedrohte heiße Herbst an Österreichs Schulen hat sich demnach vorerst abgekühlt. Dass der Lehrerzorn nicht auf völlig unfruchtbaren Boden fällt, dafür sorgt indes Finanzstaatssekretär Alfred Finz (VP). Mit seinem Vorstoß für ein Ende der Lehrerpragmatisierung hat Finz Öl in das erloschen geglaubte Zornesfeuer gegossen und das Faible der schwarz-blauen Regierung für das Schlachten heiliger Kühe einmal mehr bewiesen.

Heilige Kühe

Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Sinn macht die Entsorgung des Beamtenstatus jedoch erst mit einer zweiten "Schlachtung", nämlich der heillos veralteten Lehrerbesoldung. Für gelernte Österreicher überraschend hat Bildungsministerin Elisabeth Gehrer nun ab dem Schuljahr 2003/04 ein neues Schema mit höheren Einstiegsgehältern und flacheren Gehaltskurven in Aussicht gestellt. Da die Rechte älterer Lehrer gewahrt bleiben müssen, kommt die Reform teuer. Noch steht der Segen des Finanzministers aus ...

Die schwarz-blaue Zukunft hat nicht nur an Österreichs Schulen, sondern auch an den heimischen Universitäten längst begonnen. Auf sie rollt eine wahre Reformflut zu: Als Folge der Studiengebühren von 5.000 Schilling (363 Euro) erwartet man einen statistischen Hörerschwund von 70.000; neue Bakkalaureatsstudien sollen die Studienzeiten verkürzen helfen; und das neue Unilehrer-Dienstrecht soll mit seinem Pragmatisierungs-Stopp neue Chancen für junge Wissenschafter eröffnen.

Zu diesen umstrittenen Änderungen hat sich nun ein weiterer Aufreger hinzugesellt: die Pläne der Bildungsministerin zur Autonomie der Universitäten. Zwar wird deren Langfassung erst am 31. August ins Netz gestellt. Für Sprengstoff sorgte jedoch schon jenes sechsseitige Papier, das Gehrer am 13. August dem Ministerrat präsentierte. Demnach seien straffere Leitungsstrukturen gewünscht - und weniger Mitbestimmung.

Unis im Umbau

Zugegeben: "Vorauseilende Aufregung", wie sie Sektionschef Sigurd Höllinger gegen-über der furche ortet, ist fehl am Platz. Zugegeben: Die Konsequenz, mit der Gehrer den Umbau der (zweifellos reformbedürftigen) Hochschulen vornimmt, verdient Respekt.

Freilich besteht bei derart umfangreichen Verschubarbeiten die Gefahr, dass so manches Ziel unbedacht aufs Abstellgleis gerät. Gefahr besteht für die tatsächliche Autonomie der 18 hohen Schulen. So soll ab Oktober 2003 ein fünfköpfiger Universitätsrat an ihrer Spitze stehen: zwei Mitglieder werden vom Ministerium beschickt, zwei vom 12- bis 24-köpfigen Senat (in dem die Professorenschaft noch stärker als bisher das Sagen hat). Gemeinsam wählen sie das fünfte Mitglied. Der Universitätsrat schließlich wählt den Rektor. Angesichts der Macht eines solchen Rates und seiner Beschickung vom Rückzug des Ministeriums auf "strategisches Controlling" zu sprechen, scheint fehl am Platz.

Ebenso bedenklich ist die Einschränkung der studentischen Mitbestimmung: So sollen Studierende nur noch zu einem Viertel im Senat, nicht aber in Habilitationskommissionen vertreten sein. Dies sei "nicht zielführend" gewesen. Bisher hatten Studierende in diesem Gremium die didaktische Qualifikation zu bewerten. Auf diese Beurteilung potenzieller Universitäts-Lehrer sollte man nicht leichtfertig verzichten.

Was also sei Österreichs Bildungsverantwortlichen ans Herz gelegt? Dann und wann weniger Hast, damit im bildungspolitischen Verschiebebahnhof keine brauchbaren Waggons verschwinden.

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