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Organisierte Nachbarschaftshilfe in vier Mühlviertler Gemeinden

Nachbarschaftshilfe ist auch auf dem Land nicht mehr selbstverständlich. Vier Mühlviertler Gemeinden haben nun einen „Altenbetreuungs-, Kranken- und Nachbarschaftshilfsdienst“ geschaffen.

Von den 4.300 Einwohnern der Mühlviertler Gemeinde Pre-garten sind 350 über 70 Jahre alt. Immer weniger können im Bedarfsfall mit ständiger Betreuung durch Familienangehörige rechnen. Mit nur 20 Wochenstunden für den gesamten Sprengel (10.000 Einwohner) richtet die einzige „mobile“ Caritas-Altenhelferin nicht viel aus. Die durchschnittliche Wartezeit auf einen Platz in einem der drei Altenbeziehungsweise Pflegeheime im Bezirk beträgt drei bis vier Jahre. Ein Seniorenheim ist in Pregarten erst im Bau. Der Sozialausschuß der Pfarre fand diese Situation alarmierend und wurde aktiv.

Dte Pregartner haben die Sache selbst in die Hand genommen. Seit vier Monaten kümmert sich ein gemeinnütziger, überparteilicher und weltanschaulich ungebundener Verein um alle, die Hilfe brauchen. Und zwar nicht nur in Pregarten, sondern auch in den umliegenden Gemeinden Hagenberg, Wartberg und Unterweitersdorf Das Einzugsgebiet umfaßt rund 2.500 Haushalte.

Die Fäden laufen bei Linda Winkler zusammen. Sie „dirigiert“ 34 freiwillige Mitarbeiterinnen, die stundenweise tätig sind, dorthin, wo sie gebraucht werden: „Derzeit betreuen wir ständig 17 Personen, meist alte Menschen. Wir bieten eine Endzeitpflege bis zum Sterben an. Wir entlasten pflegende Angehörige, machen Einkäufe oder Behördengänge, betreuen kleine Kinder oder versorgen den Haushalt, wenn die Mutter ausfällt.“ Die Nachfrage ist groß. Bisher wurden weit über 1.000 Einsatzstunden geleistet, die meisten in der Altenbetreuung. „Unser Motto ist: Einen alten Baum soll man nicht verpflanzen. Bisher konnten wir fünf Mitbürgern einen Heimaufenthalt ersparen“, freut sich die ausgebildete Altenhelferin.

Linda Winklers Mitarbeiterinnen sind junge Mütter von Klein- oder Schulkindern, die am Vormittag, Zeit haben, aber auch ältere Frauen. Für ihre Tätigkeit in der Hauskrankenpflege ausgebildet werden sie durch das Bote Kreuz oder die oberösterreichische Ärztekammer. Monatliche Fortbildungstage organisiert der Verein selbst. Die Helferinnen erhalten 80 Schilling pro Stunde, soviel bezahlt auch der, der die Hilfe in Anspruch nimmt.

„Man braucht ein Team von Leuten, die die Sache ernsthaft betreiben, und die gute Zusammenarbeit aller mit dem Problem befaßten Stellen“, stellt Marianne Schmidt-leitner fest. Die frühere Krankenschwester ist die Obfrau dieses Selbsthilfevereines, in dessen Vorstand auch Vertreter des Sozialhilfeverbandes, die Bürgermeister der vier Gemeinden und die Gemeindeärzte zusammenarbeiten. Die Gemeinden leisten einen finanziellen Beitrag von fünf Schilling pro Einwohner für die Verwaltungarbeit.

PERSÖNLICH, ÜBERSCHAUBAR

Der Verein hat bisher mehr als 100 Mitglieder geworben, die seine Arbeit mit einem Jahresbeitrag von 150 Schilling fördern. Die Notwendigkeit einer selbstorganisierten Betreuungseinrichtung wird von der Bevölkerung immer mehr anerkannt, ihre Arbeit sehr geschätzt. Weil sie überschaubar, unbürokratisch und sehr persönlich ist. Deshalb haben die Pregartner auch diesem Modell den Vorzug gegeben gegenüber den großräumigeren Sozial-medizinischen Betreuungsringen, die die oberösterreichische Ärztekammer derzeit einrichtet.

Der Bedarf an Hilfeleistung wird, sofern ihn nicht eine akute Erkrankung auslöst, durch regelmäßige „Piauder“-Besuche bei den älteren Mitbürgern erhoben. Marianne Schmidtleitner: „So merken sie, daß sie nicht vergessen sind und manche Hemmschwelle, sich helfen zu lassen, wird abgebaut.“

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