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Osterreichisdie Schule 1945-46

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Mit besonderem Hinblick auf die diesjährigen Maturanten hatte in der 28. Folge der „Furche“ ein steirischer Mittelschullehrer das Wort ergriffen, um „am offenen Tor“, da wieder junge Menschen in die Hochschule treten, eine prüfende Umschau über Schule und Schüler am Ende des eisten Schularbeitsjahres nach dem großen Kriege zu halten. Aus der Sicht des Wiener Schulwesens und im weiteren Ausblick auf das pädagogische Gesamtergebnis dieses erfahrungsreichen Jahres spricht im nachstehenden ein Wiener Schulmann. Es ist von beachtlichem Wert, daß beide Autoren, aus verschiedenen Erfahrungskreisen schöpfend, zu positiven Ergebnissen kommen, die erfreulich besser sind, als die Nachwirkungen der unmittelbaren Vergangenheit und viele innere und äußere Hemmnisse des Schulwesens es erwarten ließen. „Die Furche“

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Mit besonderem Hinblick auf die diesjährigen Maturanten hatte in der 28. Folge der „Furche“ ein steirischer Mittelschullehrer das Wort ergriffen, um „am offenen Tor“, da wieder junge Menschen in die Hochschule treten, eine prüfende Umschau über Schule und Schüler am Ende des eisten Schularbeitsjahres nach dem großen Kriege zu halten. Aus der Sicht des Wiener Schulwesens und im weiteren Ausblick auf das pädagogische Gesamtergebnis dieses erfahrungsreichen Jahres spricht im nachstehenden ein Wiener Schulmann. Es ist von beachtlichem Wert, daß beide Autoren, aus verschiedenen Erfahrungskreisen schöpfend, zu positiven Ergebnissen kommen, die erfreulich besser sind, als die Nachwirkungen der unmittelbaren Vergangenheit und viele innere und äußere Hemmnisse des Schulwesens es erwarten ließen. „Die Furche“

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Gegenüber der Arbeit auf dem Gebiete der Ernährung, Wirtschaft, des Verkehrs tritt die stille Tätigkeit der Schule naturgemäß in den Hintergrund. Die breitere Öffentlichkeit hört nur ab und zu von Schwierigkeiten, die mit Unterbringung und Ernährung der Schüler zusammenhängen, manchmal tauchen Lehrplanfragen auf, aber sonst — nichts. Es soll hier im folgenden keine Verteidigungsrede für die Tätigkeit aller am Schulleben beteiligten Organe gehalten werden. Wohl aber sollen Erfahrungen und Eindrücke, die aus dem unmittelbaren Unterricht gewonnen wurden, dargestellt werden, um der Öffentlichkeit, vor allem der Elternschaft zu zeigen, wo und wie wir stehen. Es ist zwar meist nur von der Mittelschule die Rede, aber aus Gesprächen mit Pädagogen aus anderen Schultypen ergeben sich ungefähr dieselben Resultate, die hier dargelegt werden sollen. Absichtlich werden keine statistischen Angaben vorgelegt, da diese zur Zeit nicht überprüfbar sind und überdies im Herbst vom Bundesministerium für Unterricht wieder die ausführlichen Statistiken über das gesamte Schulwesen Österreichs zu erwarten sind.

Als im vergangenen Herbst die Mittelschulen in Wien ihre Tore wieder für den regelmäßigen Unterricht öffneten, waren Lehrer wie Schüler mit größter Spannung erfüllt. Der Abschlußmonat Juli, der dem unterbrochenen Schuljahr 1944/45 eine Art Zusammenfassung und Überleitung auf das kommende Jahr geben sollte, hatte die Größe der Schwierigkeiten so recht erkennen lassen und es gab daher nicht wenige Schulmänner, die mit größtem Pessimismus an die Arbeit gingen. Aber auch die Optimisten glaubten für ihre Einstellung Berechtigung zu haben und je nach der Auffassung war wohl auch das Urteil irgendwie abweichend. Denn es gab wohl im Schulleben wenige Jahre, die gleich dem abgelaufenen soviel der Privatinitiative dem Leiter und Lehrer überließen, daß fast der ganze Erfolg davon abhing, wie sie diese Freiheit zu verwerten wußten.

Eine, im Grund genommen, allerdings nur äußere Schwierigkeit stellte der Zustand der meisten Schulgebäude dar; denn sehr viele auch von jenen Schulen, die nicht durch Bomben getroffen waren, hatten keine Fenster oder nur noch mangelhaftes Inventar. Der Winter stand vor der Tür. Bis Jänner war man an den meisten Schulen so weit, daß nach Zusammenziehung verschiedener Anstalten in ein Gebäude der Rest des Winters wenigstens in warmen Räumen zuge-gebracht werden konnte. Bis Weihnachten allerdings hatte in den Klassenräumen oft eine Temperatur nahe dem Nullpunkt geherrscht und trotzdem war keine Unterbrechung der Lehrtätigkeit erfolgt. Bedenkt man, daß viele Schüler und Lehrer auch daheim kein warmes Zimmer besaßen, so kann man daraus allein schon auf den Ernst schließen, den beide Teile für die Schule aufwandten. Das Ertragen der Kälte war durch die schlechte Ernährungslage erschwert. Es kam vor, daß manche Schüler vor Hunger nicht mehr weiterarbeiten konnten. Das Fehlen mancher Nahrungsmittel machte sich besonders dadurch bemerkbar, daß die Gedächtnisleistung stark nachließ.

Nicht geringer als die physischen Schwierigkeiten waren die psychischen Hemmnisse Man hatte den Krieg aus nächster Nähe erlebt. Die Eindrücke in der unmittelbar anschließenden Zeit waren noch zu wach, uir keinen Einfluß auszuüben. Von den älterer Schülern waren viele selbst bei der Wehrmacht eingezogen. Vor Monaten waren sie von der Schulbank weggerufen worden unc kehrten nun zurück, um wieder zu lernen nicht wenige von ihnen Oktavaner, denen die Möglichkeit der bequemeren Überbrückungs-kurse zur Verfügung gestanden wäre; abei sie wollten lernen und etwas Wirkliche! wissen, nicht nur ein Blatt Papier für dies* oder jene Berechtigung in den Händen haben

Als sie wieder auf der Schulbank saßen, da war mancher Platz neben ihnen leer geblieben, und viele saßen da, denen jetzt erst, da die Not sich daheim bemerkbar machte, zum Bewußtsein kam, daß der Vater, der Bruder nicht mehr kommen wird, die mit Bangen auf Nachricht von dem Vermißten warteten. Und andere Schüler gab es, mit „ungeklärter Staatsbürgerschaft“, die, von Haus und Hof vertrieben, von einem Verwandten aufgenommen, nun lernen sollen, während ihre Gedanken immer auf den Landstraßen Europas, in den Flüchtlingslagern weilten, ob dort wohl einer der Ihren noch lebt. Verstoßen der eine, ausgebombt der andere, ausgeplündert jener. Und darf man jene übersehen, deren Weltbild völlig zusammengebrochen war, das sie mit leuchtenden Farben sich selbst ausgemalt hatten, ohne die Verführung zu ahnen, der ihre Jugend zum Opfer gefallen war.

Manche Lehrer mögen sich nicht für die Schwierigkeiten interessiert haben, unter denen ihre Schüler die vorgeschriebenen Aufgaben erfüllten. Für sie war das faktische Wissen von Bedeutung, sonst nichts. Wir wollen nicht nutzlose Anklage an die vergangenen Jahre vorbringen. Es hatte auch damals Lehrer gegeben, die unter Aufbietung aller Kunst versucht hatten, ihr Bestes zu geben und auch schöne Erfolge erzielten. Aber die außerschulischen Einflüsse, die alle Arbeit schließlich als sinnlos erscheinen ließen, waren zu übermächtig. Vor allem die würgende Tätigkeit der Hitler-Jugend, die nicht nur die Schule, sondern auch den Lehrer zum Zielpunkt ihres überheblichen Spottes machte, erdrosselte den Unterricht schließlich vollständig. Seit 1943 war für die oberen Klassen praktisch überhaupt kein regelmäßiger Schulbesuch möglich und seit Beginn der Bombenangriffe wurde dieser zu einer Qual.

Was war da nun bei diesen physischen, psychischen und schulischen Vorbedingungen für den Erfolg des neuen Schuljahres zu erwarten? Was wurde schließlicherreicht? An vielen Schulen fehlten Lehrbehelfe, angefangen von Büchern bis zu Schreibheften. Der wissensmäßige Stand, der erreicht wurde, kann im allgemeinen als befriedigend angeseheg werden; es gab nach dem Urteil der Landesschulinspektoren sogar Klassen, die den Durchschnittsstand des Wissens aus der Zeit vor 1938 erreicht haben. Hervorragend aber war allgemein die Mitarbeit der Schüler und die Disziplin. Dabei trat besonders das Streben nach selbständiger Urteilsbildung im Verlauf des Jahres immer stärker in Erscheinung und es gelang, viele Klassen von der Scheu zu befreien, ihrer Meinung zu dieser oder jener Frage freien Ausdruck zu geben, für sie war dies bisher nicht immer ohne Gefahr gewesen. Voll Leidenschaft war die Anteilnahme an freien Vorträgen, Sdiüleraufführungen und Ausstellungen. Was die Berufsschulen gerade bei letzteren der Öffentlichkeit an Leistungen zeigten, kann nur Staunen erregen. Denn gerade hier fehlte es an technischen Hilfsmitteln und es mußten ganz andere Wege zur Erreichung des Zieles beschritten werden. Die Hinwendung auf jene Gebiete, wo sich die Schüler jetzt schon sicherer fühlen, dem praktischen oder theoretischen, zeigt sich auch in der überraschenden Tatsache, daß sich für ganz Österreich die Zahl der Mittelschüler rapid auf 4 5.0 00 gesenkt hat, gegenüber rund 6 6.0 00 im Jahre 1 9 3 8 und den folgenden Jahren, wobei das übrige Österreich einen höheren Stand als Wien aufweist. Wir haben also für unsere Industrie mit der Heranbildung eines genügend starken Nachwuchses zu rechnen. Auch in anderer Hinsicht macht sich der nüchterne und klare Sinn unserer Schuljugend bemerkbar: es war keine Spur von jenen Kinderkrankheiten der Zeit nach dem ersten Weltkrieg zu erkennen, wo autonome Schülerräte sich Urteile über Gebiete anmaßten, worüber sie naturgemäß nur unsachliche Debatten abhalten konnten. Trotz aller Selbständigkeit wissen unsere Schüler Irgendwie Bescheid um die Grenzen ihrer Jugend, und wo sie nicht weiter wissen, bitten sie jene Lehrer, denen sie ihr Vertrauen schenken, ihnen mit Rat und Tat beizustehen. Dies trifft gerade auf jenen Gebieten zu, die sonst so gern als Freibahn jugendlichen Uberschwanges betrachtet werden, in Fragen der Weltanschauung, Philosophie und Religion. Der einst so geschätzte und als geistreich angesehene Zynismus und Atheismus stößt auf Verachtung und Ablehnung.

In anderer Hinsicht herrscht eine fast überempfindliche Gereiztheit, wenn irgendeine Maßnahme nach Lenkung auf irgendein parteipolitisches Ziel hinzudeuten scheint. Man verstehe dies nicht falsch und sehe darin nicht eine Ablehnung der heutigen Staatsform durch die Jugend. Im Gegenteil: Aufsätze und von den Schülern gehaltene Vorträge zeugen von einem tiefen Verständnis und einer echten Liebe zur Heimat. Aber diese Jugend kann sich nicht berauschen an der großen, längst entschwundenen Zeit: die Enkel wollen der Ahnen würdig sein durch die Tat. Sie können sich nicht begnügen mit dem Wissen um die einstige Größe, sie sehen das zerrissene Kleid Österreichs und wollen nicht haben, daß es als bemitleidetes Bettelkind an der Durchzugsstraße der großen Völker sein Brot ersingen muß. Und sie wissen, daß nur Höchstleistung auf allen Gebieten unsere Heimat freihalten kann.

Doch nicht ganz ohne Gefahr von außen geht der Weg der Schuljugend. Gefahr steht auf, wenn durch die politischen Jugendorganisationen Politik in die Schule getragen wird.

Abschließend können wir sagen: das Resultat des vergangenen Schuljahres war auf dem wissensmäßigen Gebiet zufriedenstellend, die Mitarbeit hervorragend. Auffallend die selbständige Stellungnahme der Schüler. Für das kommende Jahr wären zu wünschen: Wiederinstandsetzung beschädigter Schulen, Herausgabe von Schulbüchern nach ehemöglichster Festsetzung eines nach sachlichen und nicht politischen Gesichtspunkten aufgestellten Lehrplanes, Einrichtung von Schülerheimen, damit besonders jene Schüler, die auf Grund von gedrängten Wohnverhältnissen gerade in deh Wintermonaten nicht lernen können, Gelegenheit zum Studium haben oder berufstätigen Eltern die Beaufsichtigung ihrer Kinder erleichtert wird.

In den vergangenen Monaten ist viel von der „geistigen und sittlichen Verrottung“ unserer Jugend geredet und geschrieben worden. Was die Schuljugend im gesamten anbelangt, trifft dies Urteil kaum zu. Öfter als einmal haben erfahrene Schulmänner sich anerkennend dahin geäußert, daß sie noch selten so eifrigen, ernsten und verhältnismäßig reifen Jahrgängen gegenübergestanden seien, wie in diesem Schuljahr. Und wenn unsere Jugend zwischen den Ruinen nicht mehr weint, sondern lacht, dann wissen wir, daß das Leben den Tod besiegt hat, daß Verzweiflung der Hoffnung gewichen.

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