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Pathologie der Konzepte

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Die Diskussion um die Neugestaltung der österreichischen Hochschulen geht weiter, unberührt davon, daß am Minoritenplatz ein Wechsel eintrat. Die Hochschulreformkommission, vor bald zwei Jahren vom Bundesrat initiiert, von Minister Piffl einberufen, nahm ihre Beratungen wieder auf, bevor noch das amtliche Endergebnis der Wahl vom 1. März verkündet worden war. Sie sucht weiter nach der Basis, die für Professoren und Studenten, für Dozenten und Lektoren, für habilitierte und nichthabili-tierte Assistenten, aber auch für die Politiker aller drei Parteien tragbar sein soll. Sie sucht weiter nach der Formel, nach der moderne Strukturen bei Bewährung des Gewachsenen, Bewährten errichtet werden können.

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Die Diskussion um die Neugestaltung der österreichischen Hochschulen geht weiter, unberührt davon, daß am Minoritenplatz ein Wechsel eintrat. Die Hochschulreformkommission, vor bald zwei Jahren vom Bundesrat initiiert, von Minister Piffl einberufen, nahm ihre Beratungen wieder auf, bevor noch das amtliche Endergebnis der Wahl vom 1. März verkündet worden war. Sie sucht weiter nach der Basis, die für Professoren und Studenten, für Dozenten und Lektoren, für habilitierte und nichthabili-tierte Assistenten, aber auch für die Politiker aller drei Parteien tragbar sein soll. Sie sucht weiter nach der Formel, nach der moderne Strukturen bei Bewährung des Gewachsenen, Bewährten errichtet werden können.

Minister Mock hatte in seinem Zwischenbericht an den Bundesrat begründet, warum es den Interessentengruppen und den Parteien gelungen war, ihre Vorstellungen früher zu formulieren als der Reformkommission: „Ihr Weg ist der des Kompromisses, der in jedem Einzelfall mühsam erarbeitet werden muß, aber dennoch der Vorbereitung eines demokratischen Willensbildungspro-zesses am ehesten gerecht wird.“ In den Arbeitsausschüssen von SPÖ und ÖVP, von Rektorenkonferenz und Hochschülerschaft war jeweils wenigstens ein verbindendes Element vorhanden gewesen — das gemeinsame Interesse an einer effektiven Universität allein hatte nicht genügt, gingen doch die Meinungen zu sehr auseinander, was darunter zu verstehen sei. Aber auch die vorliegenden Konzepte zeigen mitunter sehr deutlich, wie schwer es war, stark divergierende Ansichten auf einen Nenner zu bringen.

Was sind nun die Gemeinsamkeiten? Wo liegen die Differenzen? Vor allem aber: Wo steht die Ideologie, die Politik einer Einigung im Wege? Wo vernebeln Phantome den gesunden Menschenverstand?

Eines dieser Phantome ist die „Diktatur der Ordinarien“, die angeblich autoritär über ihre „Leibeigenen“, die Assistenten, herrschen. Mit Beispielen mancher Einzelfälle belegt, diente sie als Argument, zur Behebung dieser Mißstände die gesamte Organisationsstruktur der Universität zu ändern, vor allem aber die Alleinherrschaft des Professors im Institut zu brechen. In der Hochschulreformkommission blieb das Institut der harte Kern. In einer ersten Empfehlung wurde definiert, daß es die kleinste organisatorische Einheit der Universität sei und gleiche oder zusammenhängende Fächer einer oder mehrerer Hochschulen umfasse. Unter dem Aspekt der Lehraufgaben sollten identische oder nahe verwandte „Dienstposten von Professoren“ in einem Institut organisatorisch zusammengeschlossen werden, sofern nicht sachliche Gründe widersprächen. „Einmanndnstitute“ könnten nur noch im Ausnahmefall von Bedeutung sein.

Das war schon ein Mittelweg. Die Studenten hatten zunächst grundsätzlich jede kleinere Einheit abgelehnt, die nicht wenigstens vier Professoren umfassen würde — nach ihren Vorstellungen sollte es nur eine Ebene, die Abteilung, unter der Universitätsspitze geben. Die Professoren, und hier vor allem die Techniker, pochten darauf, daß nur dann die notwendigen Experten aus der Industrie- und Wirtschaftspra-xis für die Hochschulen gewonnen werden könnten, wenn man ihnen die völlig unbehinderte Forschungsarbeit garantieren könne — und das wäre eben nur am bestausgestatteten Einmanninstitut möglich, wo ihnen ein Stab von Assistenten und Hilfskräften zur Seite stünde. Aber auch damit war noch nicht die Frage geklärt — was ist „ein Fach“, was ist „eng zusammenhängend“? Gehören die Einführung in die Edda, der deutsche Roman des 17. Jahrhunderts, die späthöfische Epik, die österreichische Mundartkunde, die Familiennamenforschung und die Grammatik der deutschen Umgangssprache der Gegenwart zu „einem wissenschaftlichen Fach“ oder hängen sie nur eng zusammen? Aber sechs Ordinarien der Germanistik arbeiten an der Universität Wien am gemeinsamen Institut, obwohl dieses auf drei Stellen aufgeteilt ist. Sind dagegen Augustinus und Hegel nicht unter einem Dach zu vereinen? Für die Philosophen gibt es zwei Institute — obwohl ihre Räume im selben Haus und auf demselben Gang liegen. Sicherlich wird man rationalisieren, zusammenfassen, Verwaltungsaufgaben delegieren können — es ward aber nie möglich sein, ein Modell zu zimmern, daß ebenso für das Minä-institut der Numismatiker und den Großkomplex der Germanisten, für die mit Laboratorien und Versuchsanstalten ausgerüsteten Institute der Techniker und die Kliniken der Mediziner, für die „Heimat“-Insti-tute der Geisteswissenschafter und die „Durchlauf'-Institute der Juristen in gleicher Weise gellten könnte. Auch die Reformkonzepte der Parteien wie der Rektorenkonferenz haben anerkannt, daß es gefährlich wäre, ein Prokrustesbett zu zimmern, das alle vergewaltigen müßte. Die SPÖ brachte ihre Vorstellungen unter dem Titel „Bildung für die Gesellschaft von morgen“ im Sommer vorigen Jahres in die Öffentlichkeit. Unmittelbar darauf legte auch die Rektorenkonferenz ihre Empfehlungen vor. Für die ÖVP skizzierte Untemchtsmimster Mock in einer Rede in Innsbruck im Februar 1970 die Grundlinien der Hochschulpolitik.

Alle drei Pläne schließen an die Formulierungen der Reformkommission über das Institut an, variieren sie in Details und lassen möglichste Freiheit bezüglich des Umfangs. Die SPÖ will „alle gleichen oder nahe zusammenhängenden“ Fächer an einer Universität in einem Institut vereinen, die ÖVP ein einzelnes oder mehrere cn? zusammengehörende Fachgebiete, in der Regel mit mehreren Professoren. Auch die Rektoren sprechen von „einem oder mehreren“ Fächern, ohne aber die Einmanninstitute ausschließen zu wollen.

Wesen Erkenntnissen entsprach wieder die Kommission, als sie dieser Tage die Diskussion über das Institut erneut aufnahm. Größtmögliche Flexibilität soll gewährleisten, daß Arbeitsvorgänge und Entscheidungen transparent bleiben, die Kontakte zwischen Lehrenden und Lernenden gefördert werden und sich sinnvolle Sach- und Fachzusammenhänge ergeben. Wo größere Einheiten entstehen, wird es nicht ohne Unterteilungen abgehen. Kommt man damit nicht wieder zum Ausgangspunkt zurück?

Vielleicht geht es besser auf der nächsten Ebene — auch die Fakultät ist den Reformern ein Dorn im Aug. Mit 80 und 100 und noch mehr Professoren wäre sie zu schwerfällig, zu wenig „transparent“. Das ist zweifellos der Fall — nur gibt es an allen elf österreichischen wissenschaftlichen Hochschulen nur eine einzige Fakultät dieser Größe, die philosophische der Universität Wien. So schlägt auch das Konzept der Rektorenkonferenz vor, Fakultäten mit mehr als 50 Professoren müßten, mit mehr als 20 könnten in Abteilungen unterteilt werden, wobei diese dann die wichtigsten Funktionen zu übernehmen hätten. Dieses Muß gälte, wie gesagt, nur von der Wiener Philosophischen. Hier wurden erst kürzlich Hauptkommissionen eingesetzt, die in der Praxis bereits verwirklichten, worum in der Theorie noch gestritten wird. Die Innsbrucker und Grazer Philosophen, mit Stäben zwischen 40 und 50 Mitgliedern, gingen hier schon voraus. Die Wiener Juristen und Mediziner Biegen zwischen 30 und 40, für sie wäre eine Unterteilung angezeigt. Alle anderen Fakultäten oder Hochschulen zählen zwischen 20 und 30 oder sogar unter 20 Professoren, sehen also keinen Anlaß, etwas zu ändern. Trotzdem aber bilden die Ausführungen über „Fachbereiche“ und „Abteilungen“ einen nicht unwesentlichen Komplex in der Diskussdon.

So bleibt noch die Frage der Mitbestimmung offen. Die Studenten forderten in ihrem Obertrumer Programm vom Mai 1968 — nach deutschem Vorbild — Drittelparität in allen Kolle?ia,lor?anen. vollberechtigte Mitentscheidung in allen Fragen der Universität, in Lehre, Forschung und Verwaltung, bei der Wahl des Rektors ebenso wie bei der Verteilung der Mittel und der Berufung von Professoren.

Niemand zweifelt heute mehr daran, daß die Studenten — gar nicht zu reden von den Assistenten — in Zukunft weit mehr als bisher an der Meinungs- und Willensbildung der Universität teilhaben werden. Aber selbst unter den Studenten treten nur noch Extremisten für Formen ein, mit denen die Fehlleistungen der Demokratisierung an einigen deutschen Universitäten auch nach Österreich verpflanzt werden sollen. In der Reformkommissaon mußten sich die Studentensprecher sagen lassen, daß niemand mehr grundsätzlich gegen die Mitwirkung der Hörer Stellung nehme, daß aber ihre Mitbestimmung auf die Gebiete eingeschränkt werden müsse, wo sie kraft ihrer Erfahrung auch die Möglichkeit hätten, die Verantwortung mitzutragen. So akzeptierte die Kommission die Drittelparität für die neu einzurichtenden Studienkomimissionen, die sich mit Fragen des Lehrbetriebes zu befassen haben. Aber schon für das Institut stellte sie fest, die Mitverantwortung aller Beteiligten würde durch ihre Funktion und Kompetenz begrenzt und in einer „gestuften Mitbestimmung“ verwirklicht. Die Sozialisten wollen noch den Institutsauisschuß drittelparitätisch besetzen, aber zum Vorstand könnte auch bei ihnen nur ein Professor gewählt werden. In allen übrigen Gremien blieben sie unter einem Drittel der Sitze. Für die ÖVP meinte Minister Mock, man sollte die Frage der Mitbestimmung micht überbewerten und Schlagworten nachgehen, deren formale Sicherung noch keine Garantie für den Fortschritt biete. Die Rektoren blieben etwas zu zaghaft, als sie lediglich empfahlen, der Institutsvorstand habe mit seinen Hörern „regelmäßige Kontakte“ herzustellen.

In der Praxis haben sich an allen Hochschulen bereits Formen der Zusammenarbeit entwickelt, die weit über diese Grenzen hinausgehen. Es zeigt sich immer wieder, daß der Erfolg nicht von der Größe der Vertretung, sondern ausschließlich vom guten Willen aller Beteiligten abhängt.

Neben diesen Fragen, um die die Diskussion immer wieder hochbrandet, gibt es einige, über die man sich weitgehend einig ist, ohne daß damit die Effektivität garantiert wäre. Die Ausschreibung von Professorenposten kann sicherlich die Übersicht erleichtern. Damit wird aber nicht das Angebot größer — und werden sich gerade die Besten bewerben, die man erreichen möchte? Oder die Anregung, alle Hochschulen eines Ortes zu einer „Ortsuniversität“ zu vereinen — was soll dies bei der Streuung der Wiener Einrichtungen über das ganze Stadtgebiet für einen praktischen Wert haben? Aber nur für Wien ist die Frage relevant.

Andere Anregungen sind bisher zu Unrecht kaum beachtet worden. ÖVP und SPÖ sind sich einig in der Forderung nach einer Verbesserung der Hochschuldidaktik — ein Problem, das Wohl schwerer wiegt, als das der Größe des Instituts. In beiden Parteikonzepten wird eine größere Freiheit in der Kombination der Studien gefordert, ebenfalls ein Wunsch, dem man nachgehen sollte. Die Sozialisten gehen so weit, das „Studium irreguläre“ zur künftigen Norm erheben zu wollen. Dem wird entgegenzuhalten sein, daß die zielgerichtete Ausbildung akademisch gebildeter Fachleute auch heute noch und für die Zukunft eine der unabdingbaren Aufgaben der Universität ist, die eben nur mit geregelten Studiengängen erfüllt werden kann. (Die Sozialisten selbst regen ja auch die Festlegung von Studienprogrammen an.)

Die Rektorenkonferenz schließlich will die graduierten Absolventen wieder in die Familie der Lehrenden und Lernenden zurückführen, ihnen ein gewisses Mitspracherecht im Plenum einräumen — im Zeitalter des lebenslangen Lernens die Fortbildungsaufgabe, die Verbindung mit dem Leben nicht zu verlieren.

Jeder der vorgeschlagenen Konzepte läßt sich auch als Ganzes verwirklichen — wenn man Gelegenheit hat, eine neue Universität vom Nullpunkt an aufzubauen. Klagenfurt witrd hier ein ideales Exerzierfeld bieten. Bestehende, lebende, arbeitende Hochschulen aber mit ihrer großen Bedeutung für das wirtschaftliche Leben, können nicht auf Jahre hinaus lahmgelegt werden, um in der Zwischenzeit zu experimentieren, wie — vielleicht — später ein noch größerer Effekt erreicht werden kann. Universitäten müssen kontinuierlich reformiert werden, schrittweise, organisch. Dazu sind Konzepte notwendig, die deutliche Ziele anpeilen. Konzepte, die auch kühne Ideen zur Diskussion stellen. Die Reform selbst aber muß auf dem Boden der Tatsachen bleiben. „Konzepte und Programme erscheinen soweit verläßlich, als sie vom praktischen Bemühen begleitet werden, unmittelbar durch Aktionen und Entscheidungen die Entwicklung voranzutreiben“, sagte Minister Mock in Innsbruck. „Ein Programm weniger und eine Aktion mehr mag für den Fortschritt der Bildung entscheidender sein als die umgekehrte Aussage.“

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