Christa Koenne, Leiterin der PISA-Science-Gruppe Österreich, über die Kritik am OECD-Schülertest.

Die Furche: Frau Koenne, Sie leiten als Chemie-Didaktikerin seit 1998 die PISA Science Gruppe Österreich. Was sagen Sie zum Vorwurf, PISA würde nicht wirklich bedeutende "Life Skills" messen?

Christa Koenne: Natürlich gehört zum Bildungsprozess eines Menschen viel mehr dazu als das, was PISA überprüft. Aber PISA prüft extrem Wesentliches. Es geht um jene Fähigkeiten und Fertigkeiten, die Voraussetzung dafür sind, dass man an der Gesellschaft partizipieren kann. Ich habe bei meiner eigenen Arbeit an PISA nie ein Beispiel durchgehen lassen, von dem ich nicht der Meinung war: Ja, das müssen 15-Jährige eigentlich können. Viele PISA-Ergebnisse sind auch signifikant und haben damit Handlungsbedarf zur Folge. Wir wissen etwa, dass wir Schülerinnen und Schüler am unteren Rand des Leistungsbereiches "verlieren". Die Frage ist: Was müsste sich ändern, um auch jene, die sich schwerer tun, so begleiten zu können, damit sie nicht potenzielle Arbeitslose oder Outsider der Gesellschaft werden? Da scheinen eben andere Systeme erfolgreicher zu sein.

Die Furche: Aber kann man aus PISA wirklich ableiten, welches Schulsystem das bessere sei?

Koenne: Man kann sicher keine so schlichten kausalen Zusammenhänge ableiten. Aber man kann sich Anregungen holen. PISA wird immer auch benützt: Jeder holt sich das heraus, was er schon immer sagen wollte. Andererseits freut es mich, wenn mehr Leute sich dadurch zum Bildungssystem zu Wort melden.

Die Furche: Kritiker der Gesamtschule meinen, dass in Österreich bereits mehr Maturanten über die Hauptschule an ihr Ziel gelangen würden als über die AHS …

Koenne: Das ist richtig. Die Frage ist nur, ob das der richtige Weg ist. Wir haben ja in weiten Bereichen Österreichs schon eine gemeinsame Schule - die heißt eben im urbanen Bereich AHS und am Land Hauptschule. Nur können wir mit der Unterschiedlichkeit nicht sehr professionell umgehen.

Die Furche: Was halten Sie von den geplanten Gesamtschul-Modellversuchen?

Koenne: Dass es jetzt drei Formen nebeneinander gibt, macht meiner Ansicht nach Ableitungen unmöglich. Überhaupt wären andere Schritte notwendiger gewesen - etwa zu klären, wofür der Staat als Zentrale verantwortlich ist und was Autonomie bedeutet. Ich würde mir eine Schule wünschen, die vier Stunden am Tag rigiden, zentral gesteuerten Unterricht anbietet und den Rest des Tages ein breites Bildungsangebot, auf das die Kinder - und nicht nur sie! - zugreifen können.

Die Furche: Sie waren lange Zeit Gymnasial-Direktorin in Wien. Hätte Ihr Lehrkörper dem Schulversuch "Neue Mittelschule" zugestimmt?

Koenne: Nein, never. Die AHS-Lehrer wären ja die Verlierer: Sie verdienen derzeit mehr als die Hauptschullehrer und sie meinen, das bessere Klientel zu haben. Warum sollen sie dafür sein? Andererseits sind die Lehrer auch nicht gefragt worden, ob sie einer Stundenkürzung zustimmen. Und jetzt plötzlich fragt man sie …

Das Gespräch führte Doris Helmberger.

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