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Praktikum oder Abschreckung?

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Bevor in der viel kritisierten RTL-Show die echten Babys kamen, standen sie in einem Einkaufskorb vor der Tür der Teenager-Paare: Babypuppen zum Üben für den Ernstfall.

Doch es sind keine gewöhnlichen Puppen, sondern computergesteuerte "Babysimulatoren" oder "Dummys", die einige Grundbedürfnisse von Babys simulieren: Sie wollen gefüttert, gewickelt, getragen werden, sonst schreien sie ausdauernd.

Die Simulatoren stammen aus den USA und wurden in den letzten Jahren auch in Deutschland immer mehr in der Arbeit mit Jugendlichen eingesetzt, auch hierzulande steigt das Interesse an den Puppen. Eingesetzt werden sie auf vielfältige Weise: Als praktische Vorbereitung auf das Elternsein nach dem Motto: So wird das Leben mit Babys sein. Als mehr oder weniger abschreckendes sexualpädagogisches Projekt: Bitte überlegt euch, wenn ihr Sex habt, ihr könntet schwanger werden, das bedeutet mühsame Elternschaft! Oder als aufklärendes Instrument gegen Überforderung und Misshandlung. Denn der Computerchip im Babybauch zeichnet auf, wenn Leihmamas oder -papas das Baby unsachgemäß behandelt oder gar geschüttelt haben.

So vielfältig die Anwendungsbereiche und Motive, so umstritten sind die Dummys auch. Anke Spies, Pädagogin mit Schwerpunkt schulische Sozial- und Jugendarbeit von der Universität Oldenburg, nahm das Instrument unter die Lupe ("Zwischen Kinderwunsch und Kinderschutz. Babysimulatoren in der pädagogischen Praxis." VS Verlag, 2008). Ihr kritischer Befund: Viele dieser Projekte könnten zu Entmutigung, Verunsicherung und einer Schwächung des Selbstbildes der Teilnehmenden führen. Mit anderen Worten: Sie wirken abschreckend.

Wirken Dummys entmutigend?

Zudem bestehe die Gefahr, dass bestimmte Gruppen von Mädchen von vornherein als "Problemfälle" definiert würden: eben Teenager-Mütter, deren Kinder von Überforderung und Armut bedroht seien.

Spies schreibt dazu in einem Fachartikel, dass es der Sozialarbeit nicht zustehe, zwischen erwünschten und unerwünschten Müttertypen zu unterscheiden (sie bezog sich in ihrer Arbeit nicht auf Burschen).

Diese Vorwürfe werden etwa von der Sozialpädagogin Ute Schultz-Brunn vom deutschen Anbieter von Babysimulatoren "Babybedenkzeit" zurückgewiesen. Die Initiative bietet nun Schulungen für jene an, die mit Babysimulatoren arbeiten.

Es gehe nach ihrem Konzept nicht um Abschreckung von Elternschaft, sondern vor allem um Prävention von Überforderung und Kindesmisshandlung. Dazu habe es bisher wenige Instrumenten gegeben. Es gehe auch nicht so sehr darum, Schwangerschaften Jugendlicher zu verhindern, es gehe um Elternkompetenzen.

Schultz-Brunn gesteht, dass die Dummys in den USA auch in Zusammenhang mit zweifelhaften Abstinenzprogrammen eingesetzt worden seien. Davon habe man sich distanziert. Auch dass die Puppe eben aus Plastik sei und keine reale Babybeziehung simulieren könne, lässt sie nicht gelten: "Es ist ein Praktikum für Elternkompetenzen. Wenn jemand Friseurin werden will und ein Praktikum macht, übt sie auch zuerst am Modell und nicht an einer echten Kundin."