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Ratlose Jugend

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Als im Frühsommer des vorigen Jahres die einzelnen Abiturienten nach bestandener Reifeprüfung nach dem zukünftigen Beruf gefragt wurden, wußten sie ihn nahezu ausnahmslos anzugeben. Fast alle entschlossen sich damals für akademische Berufe. Trotz der gleich ungeklärten politischen und der damals wirtschaftlich gerade nicht ermutigenden Lage und trotz der schon warnenden Hinweise auf eine drohende Ubcrfüllung in den meisten akademischen Berufen, beseelte die jungen Menschen ein auffallend starker zukunftsgläubiger Optimismus.

Welch ein Wandel, vollzog sich aber in dieser Hinsicht im Verlauf nur eines einzigen Jahres!

Von den „Für-reif-Erklärten“ des Maturajahrganges 1947 vermögen nur ganz wenige ihr zukünftiges Berufsziel . sicher anzugeben, während ihre überwiegende Mehrheit es als „unbestimmt“ bezeichnet. Der verantwortungsbewußte Erzieher kann es nicht als gleichgültig hinnehmen, wenn er im vertraulichen Gespräch mit scheidenden Schülern und Schülerinnen auf die teilnehmende Frage nach 'dem Berufsziel vielfach folgendes Geständnis zu hören bekommt: „Eigentlich, Herr Professor, bin ich ratlos, denn ich weiß wirklich nicht, was ich nun anfangen soll. Von allen Berufen, zu denen man Lust und Freude besäße, wird einem dringlichst abgeraten, weil sie überfüllt sind und daher als aussichtslos gelten.“ Der junge Mench, der sich in der entscheidendsten Phase seines Lebens befindet — die Wahl des zukünftigen Berufes entscheidet mehr, als meist allgemein bedacht wird, über das Glück eines Menschenlebens —, sieht die Zukunft verständlicherweise in Schwarz. In diesem Pessimismus wird er durch den entsandten öffentlichen Berufsberater bestärkt, der in seinem Vortrag neben den wenigen in Frage kommenden Mangelberufen die lange Reihe der überfüllten und so als aussichtslos geltenden Berufslaufbahnen aufzählt. Er faßt damit in eindringlicher Kürze nochmals die vielfältigen Stimmen zusammen, die während des abgelaufenen Schuljahres im Rundfunk, in den Veröffentlichungen der Tageszeitungen und durch den Mund der Vertreter von staatlichen und wirtschaftlichen Stellen und von Berufskörperschaften auf den ratheischenden jugendlichen Menschen schon genugsam entmutigend bei der Wahl des zukünftigen Ncigungsberufes eingewirkt haben; sie warnten vor dem überfüllten Medizinstudium, weil Österreich nicht einmal den tausenden augenblicklich Studierenden in der Zukunft den notwendigen Wirkungskreis gewähren könne. Sie wiesen auf den starken Zustrom in den meisten Fächern der philosophischen Fakultäten hin. weil er in keinem Verhältnis zu den verfügbaren Stellen im Mittelschullehramt, im Bibliothekarwesen oder auf dem Gebiete des wissenschaftlichen Beamten steht. Ebenso rät man vor der Mehrzahl der technischen Fächer ab, die zum Diplomingenieur führen; ja, trotz einer wahrscheinlich zehn bis zwanzig Jahre dauernden Konjunktur im Bauwesen ertönen schon jetzt laute Stimmen, die vor weiterem starkem Andrang zum Architekturfach warnen Nicht bessere Aussichten sind für einen großen Teil der flörer der Hochschulen für Bodenkultur (ausgenommen vielleicht Kulturtechnik), für Wirtschaft und Handel usw. zu melden. Der übergroße Beamtenapparat, ein Überbleibsel aus der nationalsozialistischen Ära, läßt eher auf eine zukünftige Verringerung des Heeres von Beamten als auf seinen weiteren Ausbau rechnen.

Was bleibt bei dieser negativen Ubersicht der Lage auf dem Berufsmarkt für den Abiturienten als zukünftige Laufbahn noch übrig?

Nach den Auskünften der Berufsberatung bieten für die nächste Zeit noch Aussicht auf Bedarf die Berufe des Richters, des Rechtsanwaltes, des Staatswissenschaftlers in Verbindung mit Sprachkenntnissen, des Erdöltechnikers, vielleicht auch des Kulturtechnikers und für kürzere Sicht noch die Laufbahn des Mittelschullehrers in einigen wenigen Fächern, für Mädchen vor allem die Berufe der Fürsorgerin, Pflegerin und Sportlehrerin.

Angenommen, der öffentlichen Berufslenkung gelänge es, die Mehrzahl der heurigen Abiturienten und Abiturientinnen für diese vorübergehenden Konjunkturberufe zu gewinnen, so würde der Zustrom der Neugewonnenen, zusammen mit der Zahl der bereits Studierenden, allein den Bedarf für viele Jahre hinaus decken. Es würde also in den sogenannten Mangelberufen in kürzester Zeit die gleiche Lage wie in den bereits überfüllten Berufszweigen geschaffen werden.

Meistenteils als verfehlt muß es jedoch erscheinen, wenn die Abiturienten der allgemeinen Mittelschulen auf die Bedürfnisse der Landwirtschaft nach Landarbeitern und ländlichen Handwerkern und der Bauindustrie nach den einschlägigen Handwerkern und Technikern, nach Bautischlern, Steinmetzen, Zimmerleuten, Maurern und technischen Zeichnern gewiesen werden; die Hinlenkung auf diese Berufe muß den Abiturienten ihren durchlaufenen Studiengang von vornherein als überflüssig und damit als sinnlos erscheinen lassen.

Die Berufslenkung, wie sie derzeit mit den Mitteln der Öffentlichkeit, der Berufe und durch die öffentlichen Berufsberatungsstellen geübt wird, muß also nach ihrer negativen Wirkung auf die ratheischende Jugend vielfach als verkehrt bezeichnet werden; denn jede wahre Berufsberatung darf sich in erster Linie nur von dem folgenden Grundsatz leiten lassen: Jeder Mensch hat das Recht, ja die heilige Pflicht, jenen Beruf zu ergreifen, zu dem er sich kraft seiner inneren Veranlagung und seiner Fähigkeiten berufen fühlt: denn nur so kann er jener Lebensaufgabe genügen, die der Schöpfer in ihn gelegt hat, und kann er seine Persönlichkeit so entfalten, daß sie sich für die Gemeinschaft am fruchtbarsten auswirken kann.

Aufgabe jeder Berufsberatung ist es daher, jeden wahrhaft „Berufenen“ und „Befähigten“ auf dem Wege nach dem als richtig erkannten Berufsziele zu stärken, und zwar unabhängig von der augenblicklich günstigen oder ungünstigen Lage in einem Berufe. Jedes andere Verfahren wäre falsch, ja geradezu verderblich; denn es würde viele „Berufene“ vom richtigen Wege ablenken und das hieße, zum Schaden der Gemeinschaft, des Staates und im weiteren Sinne zum Schaden der Menschheit, der Unfähigkeit und der MtTt t e 1 m ä ß i g-keit gerade in jenen Berufsbahnen Vorschub leisten, die ein hohes Berufsethos verlangen. Nur ein einziges konkretes Beispiel hiefür!

Allgemein wird seit etwa einundeinhalb Jahren vor dem Studium der Medizin gewarnt.

Wodurch ist wohl die in nächster Zeit drohende ungeheure Überfüllung des Ärzteberufes hervorgerufen worden? Doch nur dadurch, daß neben der stets willkommenen Schar der „Berufenen“ und „Befähigten“ eine weitaus größere Masse von innerlich „N i c h t b e r u f e n e n“ und für den Beruf des Arztes „Ungeeigneten“ und .Unfähigen.“ während des letzten Krieges durch bewußte Lenkung und Werbung von oben, dem Studium der Medizin zugeführt worden sind. Und die Vorteile für die jungen Leute waren zu groß, als daß sie widerstanden hätten; denn die Wahl des Studiums der Medizin befreite sie vielfach für längere Zeit vor dem drohenden, meist als unbequem empfundenen Soldatendienst und dem lebensgefährlichen Frontdienst, verschaffte ihnen immer wieder Studienurlaub und gewährte ihnen nach dem Abschluß ihres Studiums überdies für die Dauer des Krieges die sichere Aussicht auf die im Offiziersrang stehende Laufbahn des Militärarztes, dessen Wirken im Vergleiche zum Frontsoldaten durchaus ein angenehmes und nicht lebensgefähi dendes war, wenn er nicht unrrittelbar einem Einsatzregiment oder einem vo-deren Feldlazarett angehört hatte. Unter den Tausenden von Medizinstudenten, die nun so in der allerletzten Zeit ihre Prüfungen beendet haben oder sie in nächster Zukunft ablegen werden, würde man zum Wohle der leidenden Menschheit und der nachfolgenden studierenden Generationen der Medizin nur zu gerne die allzu vielen „Nichtberufenen“ missen. Gerade sie bilden die Ursache der zukünftigen Überfüllung im Ärzteberuf.

Hieße das nicht, die vielen „Unberufenen“ und damit „Ungeeigneten“, in ihrer im Grunde fehlgeleiteten Existenz zum Unglücke der Gesellschaft und der medizinischen Wissenschaften übermäßig fördern und sichern, wenn wir die wahrhaft „Berufenen“ und „Fähigen“ von der Ergreifung des medizini-schenStudiums abschrecken und damit den Wettbewerb der wahrhaft Tüchtigen ausschalten? Das Verfahren der Abschreckung durch den Hinweis auf die „in Zukunft aussichtslose Lage“ darf nur gegenüber den „Nichtberufenen“ und „Nichtgeeigneten“, also gegenüber den bloßen Zuläufern des Vorteils willen, angewendet werden. Nur ihnen gegenüber darf man, falls sie überhaupt geeignet erscheinen, eine bewußte Lenkung zu den ausgesprochenen Mangelberufen befürworten.

Die Haltung in der Berufslenkung müßte von allen verantwortlichen Körperschaften und Stellen des Staates gegenüber allen sogenannten „überfüllten und aussichtslosen“ Berufsgattungen gefordert werden; denn der wahrhaft Berufene und Fähige wird immer sein Ziel erreichen und im gewählten Berufe Erfolg haben. Ihn allein gilt es auch, ganz gleich, welcher sozialen Schichte er entstammt, mit allen Mitteln nach dem Grundsatz: „Freie Bahn dem Tüchtigen“ zu fördern und zu schützen und in der Verfolgung seines Berufszieles zu stärken. Denn nicht mit einer großen Masse von fehlgeleiteten, unberufenen und ungeeigneten Intelligenzlern, sondern nur im Vereine mit einer gediegenen, wohlausgebildeten und „berufenen“ Elite wird es den Menschen eines Staates gelingen, eine wohlgefügte und gesunde Gesellschaftsordnung zu bauen und so zum Heile der gesamten Menschheit zu wirken.

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