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Religiös ohne Kirchenbindung

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In Österreich findet eine Abkehr von institutionalisierter Religiosität statt. Übrig bleibt eine kulturgeschützte Religiosität (wie Riten und Sakramente).

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In Österreich findet eine Abkehr von institutionalisierter Religiosität statt. Übrig bleibt eine kulturgeschützte Religiosität (wie Riten und Sakramente).

Es gibt große Veränderungen im Bereich der gesellschaftlichen Werte, man spricht von einem grundlegenden Wertwandel, manche auch von einem Paradigmenwechsel oder sogar von einer neuen gesellschaftlichen Grundstruktur, die als „Postmoderne" bezeichnet wird. Unabhängig davon, wie grundsätzlich man diese Veränderungsprozesse sieht, Beligion und Kirche verändern sich in zweifacher Form - es verändert sich auf der einen Seite die innere Gestalt von Beligiosität und Kirchlichkeit und auf der anderen auch die Bedeutung von Beligion (als Institution, als Kirche) für die Gesellschaft.

Gerade von kirchlicher Seite wird dieser Prozeß des gesellschaftlichen und kulturellen Wandels sehr oft mit dem Begriff „Säkularisierung" beschrieben. Aber wer von Säkularisierung spricht, sieht offensichtlich nur einen ganz bestimmten Ausschnitt aus der Bealität: „Auf der einen Seite ... wird (zwar) seit langem ein fortwährender Schwund in der Anhängerschaft der großen Konfessionen beklagt: Blieben die Gläubigen zunächst (nur) dem. sonntäglichen Gottesdienst zunehmend häufiger fern, so beginnen sie in letzter Zeit auch vermehrt, ihren formellen Austritt aus den kirchlichen Organisationen zu erklären.

Auf der anderen Seite ist ein außerordentlich hohes Interesse an Ausprägungen der Religion festzustellen, die von diesen Kirchen nur schwach oder nicht kontrolliert werden." (Schweizer Religionsstudie, Zürich-Basel 1993) Dieser Prozeß ist also komplexer, weil er widersprüchliche Ergebnisse hervorbringt, und grundsätzlicher, weil er ja auch andere gesellschaftliche Strukturen in ähnlicher Weise umgestaltet.

Die subjektive Einschätzung von Beligiosität hat sich, nicht grundlegend geändert, obwohl man sicher argumentieren kann, daß sich vielleicht die Bewertungskriterien, die man an sich selbst legt, verschoben haben. Das ist in diesem Zusammenhang jedoch nicht entscheidend. Zur Messung der institutionellen Bindung können zwei Indikatoren herangezogen werden: die Kirchenmitglied schaft und der Gottesdienstbesuch.

Die Zahl der Kirchenaustritte (aus der römisch-katholischen Kirche) hat sich von circa 18.500 im Jahre 1970 auf 37.000 im Jahre 1992 verdoppelt und ist in den letzten Jahren - unterschiedlich nach Diözesen - weiterhin deutlich angestiegen. Dadurch ist der Anteil an Katholiken von 8 7,4 Prozent (1971) über 84,3 Prozent (1981) auf 78 Prozent (1991) zurückgegangen.

Hinter diesen Zahlen stehen jedoch viel größere Verschiebungen in der Kirchenbindung, die viel stärker zurückgegangen ist als die Zahl der Kirchenaustritte vermuten läßt. Nicht einmal ein Drittel glaubt, daß man ohne Kirche nicht religiös sein kann; die Zahl derer, die meinen, daß sie auch dann nicht austreten, wenn sie mit der Lehre der Kirche nicht mehr übereinstimmen, ist von 70 Prozent auf unter die Hälfte gesunken. Bis zum konkreten Schritt des Austretens ist es sicher noch ein weiter von verschiedenen sozialen Normen und Sanktionen begleiteter Weg, aber die Bereitschaft steigt offensichtlich deutlich an.

Der zweite Aspekt kirchlicher Bindung ist der Meßbesuch. Die Kirchenbesuchszahlen sind vom Maximum in den fünfziger Jahren mit 39 Prozent auf 23 Prozent im Jahre 1993 gesunken. Auch dies ist nur der konkrete Ausdruck von zugrundeliegenden Einstellungsveränderungen. 80 Prozent meinen, daß man auch ohne Sonntagsmesse ein guter Christ sein kann und der Anteil, der findet, daß es eine schwere Sünde ist, wenn man nicht zur Messe geht, ist von 26 Prozent auf circa 10 Prozent gesunken.

Zur Frage nach dem Gottesbild der Befragten wurden eine Vielzahl von Fragen gestellt, aber sie alle lassen sich auf zwei zentrale Dimensionen reduzieren, die als Lebensreligion und Erklärungsreligion bezeichnet werden können. Lebensreligion meint, daß Gott in das Leben des einzelnen integriert ist, während Erklärungsreligion einen mehr intellektuellen Akt meint, es gibt schon einen Gott, aber das bedeutet noch nicht, daß das Einfluß auf die Lebensgestaltung hat. Für die Typologie werden zwei Items ausgewählt, welche das Gottesbild sehr präzise messen (diese werden dann mit der Häufigkeit des Meßbesuchs als Indikator für Kirchlichkeit zu einer sozio-religiösen Typologie kombiniert, siehe Tabellen 1 und 2).

Die drei „Mitteltypen" kulturkirchlich, religiös und kulturreligiös haben sich also nicht sehr verändert. Aber der Anteil an Kirchlichen ist deutlich zurückgegangen, der an Unreligiösen deutlich gestiegen.

Ein weiterer Aspekt von Beligiosität ist die Nachfrage nach kirchlichen Bi-ten zu den Lebenswenden: Taufe, Hochzeit, Beerdigung. Für diese Frage gibt es keine Vergleichsdaten, aber es ist dennoch interessant, wie diese Riten nachgefragt werden - abhängig von Religiosität und Kirchenbindung (siehe Tabelle 3).

Circa 70 Prozent der Katholiken, aber auch mehr als ein Viertel der Atheisten halten religiöse Feiern zu den Lebenswenden für wichtig. Es dürfte also auch in Österreich wie in anderen europäischen Ländern so sein, daß „die religiösen Dienste zu diesen Gelegenheiten Teil einer allgemeineren Kultur, unabhängig von ihrer religiösen Bedeutung, für einen großen Teil der Bevölkerung darstellen" - und das sollte man nicht unbedingt nur negativ sehen.

Der stille Auszug aus der Kirche, das langsame Verdunsten der Kirchlichkeit findet - entgegen oft geäußerten Diagnosen - offensichtlich doch nicht statt. Die innerkirchlichen Ereignisse der letzten Jahre haben nicht nur zur Entwicklung von lokalen Basisorganisationen geführt, sondern auch zu österreichweiten kirchlichen Reformbewegungen, die sich als Kir-chenvolks-Begehren und Weizer Pfingstvision artikulierten. Eine Umfrage zum Kirchenvolks-Begehren hat gezeigt, daß es bei den meisten angesprochenen Themen sogar unter den Gegnern des KVB eine Mehrheit gibt, die für die Beformen ist. Das Interesse und sicher auch ein gewisses Engagement für die katholische Kirche ist also auf alle Fälle vorhanden.

Es gibt heute allerdings einen ganz gravierenden Unterschied zwischen Kirche und KVB: Dieses verhält sich zur Kirche wie die sozialen Bewegungen zu den politischen Parteien. Es scheint den heutigen Menschen schwer zu fallen, etwas zu akzeptieren, das sie als etwas von außen Aufgezwungenes erleben - die eigene Erfahrung ist (den meisten) wichtiger als institutionell verfestigte Strukturen.

Empirisch ergibt sich folgendes Bild:

■ die subjektiv eingeschätzte Beligiosität hat sich nicht verändert (eher leicht angestiegen)

■ die instutionelle Bindung ist zurückgegangen

■ Kirchenaustritte steigen, Meßbe-suchsziffern gehen zurück

■ der Glaube an Gott nimmt ab, das Gottesbild verändert sich (Lebensreligion nimmt stärker ab als Erklärungsreligionen) ,

■ der Anteil an Kirchlichen sinkt (der an Kulturreligiösen steigt, auch der an Unreligiösen)

■ die Nachfrage nach Riten ist sehr hoch (selbst bei Unreligiösen).

Wie können diese Ergebnisse gedeutet werden? Es findet eine Entin-stitutionalisierung von Religion statt ■eine Folge eines allgemeineren Ent-Autorisierungsprozesses, der mit der Kirche natürlich eine in hohem Maße autoritäre und autoritätsstabilisieren-de Institution trifft. Wir finden dies auf alle Fälle auf der Ebene der Einstellungen, teilweise auch auf der Ebene des Handelns (Meßbesuch sicher, Kirchenaustritte deutlich weniger). Es bleibt eine starke kulturgestützte Religiosität (vor allem in Form von Riten und Symbolen) übrig.

Doch ist das Bild damit nicht vollständig. Denn daneben gibt es eben Reformbewegungen wie das Kirchenvolks-Begehren, aber auch fundamentalistische Strömungen, Sekten und sektenähnliche Gruppierungen innerhalb und außerhalb der großen Kirchen.

Der Autor ist

Dozent für Soziologie an der Universität Innsbruck.

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