Revoluzzer sehen anders aus

Sie erklären Ihren Eltern das World Wide Web, basteln an der eigenen Karriere und haben für Weltverbesserung keine Zeit: die Netzwerkkinder. Welche Werte hat die junge Generation?

Eigentlich gilt sie längst als Phantom. Doch spätestens am 12. Juli, wenn Berlin sich dem Motto "Love rules" (Liebe regiert) unterwirft, wenn tausende spärlich bekleidete Körper die Straßen um das Brandenburger Tor zur Techno-Bühne machen und sich zur "Love Parade" formieren, wird man sie auch hierzulande wieder im Munde führen - die "Fun-Generation". Spaß sei ihr Überlebenselixier, so das Vorurteil. Wer jedoch genauer hinsieht, hegt Zweifel daran, ob es diese "Fun-Generation" je gegeben hat. So sind laut Andreas Steinle und Peter Wippermann vom Trendbüro Hamburg die Techno-Kids von heute im Gegenteil erstaunlich nüchtern, zielstrebig und ernst - fast beängstigend ernst. Fortsetzung auf Seite 2

Die junge Generation hat allen Grund zur Ernsthaftigkeit: Angesichts ständig wachsender Ansprüche der modernen Leistungsgesellschaft, nicht vorhandener Job-Garantien und einer stetig steigenden Scheidungsrate haben sie gelernt, sich von Illusionen zu verabschieden und nur noch auf sich selbst zu vertrauen. "Die Jugendlichen sind zu Verantwortungsbewusstsein gezwungen", stellen Steinle und Wippermann in ihren aktuellen Buch "Die neue Moral der Netzwerkkinder. Trendbuch Generationen" fest. "Spaß mag da zeitweilig ein wichtiges Ventil sein, aber mit Sicherheit nicht das dominierende Lebensgefühl."

Die Welt, in der wir Jungen leben, ist komplizierter und anspruchsvoller als alles, was es bisher

gegeben hat. Wir müssen den Ansprüchen der Hochleistungsgesellschaft genügen. Noch nie war der Erfolgsdruck so hoch wie jetzt.

Max (19)

Auf den äußeren Druck reagieren die jungen Menschen im Unterschied zu früheren Generationen scheinbar nicht mit Auflehnung, sondern mit Anpassung: Während die Generation der Babyboomer, also die heute 45- bis 60-Jährigen, eine Alternative zu einer konservativen Gesellschaftsstruktur entwickelte und die orientierungslose Generation X der 1960 bis 1980 Geborenen mit innerer Emigration frei nach dem Motto "Ich gehe kaputt. Kommst du mit?" reagierte, suchen die "Netzwerkkinder" laut Steinle und Wippermann Zuflucht bei traditionellen Werten wie Pflichtgefühl, Disziplin, Ehrlichkeit und Treue, um in der flexibilisierten Welt von heute bestehen zu können.

Der Generationenwechsel geht diesmal friedlich vonstatten. Statt das Bestehende niederzureißen, bauen die Jugendlichen in pragmatischer Weise darauf auf. Die Soziologen Howe und Strauss haben diese subtile Art des Aufbegehrens, die ihrer Meinung nach von der Generation der ab 1982 Geborenen - den so genannten "Millennials" - betrieben werde, besonders einprägsam beschrieben: "Diese Generation rebelliert, indem sie sich nicht schlechter, sondern besser benimmt."

Ich habe Angst davor, im späteren Leben keinen guten Job zu finden.

Tobias (13)

Besonders gut benehmen sich die Jugendlichen, wenn es ihre Ausbildung betrifft. Im Unterschied zu ihrer Elterngeneration, die sich schon einmal den Luxus leistete, ein paar Monate zu vertrödeln, wird etwa für die Studierenden von heute ein schneller Studienabschluss immer wichtiger. Wenn sie gefordert werden, bringen sie ein hohes Arbeitsethos mit. Nicht zuletzt, weil sie wissen, dass die Arbeitswelt rau und unsicher ist. Zudem sind Ausbildung und Beruf wichtige Bereiche der persönlichen Selbstverwirklichung. An den Unis hat folglich auch die "Kuschelpädagogik" ausgedient, meint das Trendbüro Hamburg. Strenge ist wieder angesagt.

Ganz anders im Bereich der Familie: Dort steht Partnerschaftlichkeit hoch im Kurs - auch vor dem Computer: Statt gegen die Eltern zu revoltieren, sind die Jugendlichen damit beschäftigt, sie in die unergründlichen Weiten des World Wide Web einzuführen. Die Folge ist oft eine Autoritätsumkehr ab dem elften Lebensjahr, wie eine aktuelle Studie der "mobilkom austria" zu Tage fördert: Waren früher Eltern als Experten und Antwortgeber akzeptiert und geschätzt, so geben sich Kinder und Jugendliche heute ihre Antworten per Internet selbst. Sie beherrschen die neuen Technologien weitaus besser als Erwachsene und pflegen regelmäßig die digitale Kommunikation. Denn sie wissen nur zu gut: Wer via Internet oder Handy nicht mehr erreichbar ist, fällt aus seinem sozialen Netzwerk heraus und begibt sich ins Abseits - nach dem Motto "angeschlossen oder ausgeschlossen."

Der Kampf der Kinder gegen die Eltern, ein in der Geschichte allzu bekanntes Phänomen und nach Meinung mancher Soziologen konstitutives Element zur Herausbildung einer eigenen Generation, hat auch aus einem zweiten Grund seine Triebkraft verloren: Laut der jüngsten Shell-Jugendstudie 2002 geben fast 90 Prozent der deutschen Jugendlichen an, dass sie mit ihren Eltern im guten Einvernehmen leben. Zu einem ähnlichen Schluss kommt die Untersuchung der "mobilkom": So gaben laut Studienautorin Daniela Heininger 75 Prozent der befragten "Netzwerkkinder" an, die eigenen Kinder später genauso erziehen zu wollen, wie sie selbst erzogen wurden. Elf Prozent würden vieles, aber nicht alles übernehmen. Nur zwölf Prozent empfinden die eigene Erziehung als zu streng oder fehlerhaft und möchten sie nicht wiederholen.

Wir wachsen mit viel liberaleren Grenzen auf als unsere Eltern - dadurch sind wir mehr auf uns

selbst gestellt. Das macht das

Erwachsenwerden sicher nicht leichter.

Robert (18)

So erfreulich die Entwicklung zu einer partnerschaftlichen Beziehung zwischen Eltern und Jugendlichen ist, so dringend brauchen junge Menschen nach wie vor eine Reibefläche, ist die Wiener Werteforscherin Regina Polak überzeugt: "Die Kunst wird sein, eine Balance zu finden und als Elternteil seine Verantwortung insofern wahrzunehmen, dass man für etwas einsteht und dass es auch Dinge gibt, die nicht verhandelbar sind." (siehe Interview rechts)

Gerade diese Verhandelbarkeit von Werten ist aber nach Meinung von Andreas Steinle und Peter Wippermann das wesentliche Charakteristikum jugendlicher Lebenswelt von heute. "An die Stelle gesellschaftlicher Moral setzt die nächste Generation individuelle Absprachen. Egal ob es sich um Arbeitsverträge oder sexuelle Vorlieben handelt: Alles wird frei ausgehandelt." Die Folge sei ein moralischer Pluralismus, der einerseits ein hohes Maß an individueller Freiheit biete, andererseits jedoch sehr viel mehr Verbindlichkeit erfordere, meinen die Trendforscher. "Wo moralische Standards wegbrechen, ist Selbstverpflichtung notwendig. Ansonsten entsteht ein Klima des Misstrauens, das die Handlungsfreiheit aller einengt."

An Freunden und Partnern

schätze ich vor allem das Gefühl, mich auf sie verlassen zu können, Ehrlichkeit, Humor und Zusammenhalt.

Maria (16)

Diese Rückkehr traditioneller Werte in eine weitgehend veränderte Lebenswelt hat auch Paul M. Zulehner, Professor am Institut für Pastoraltheologie der Universität Wien und Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Werteforschung festgestellt. Folglich könne von einem "Werteverfall" weder in Österreich noch in Europa die Rede sein: "Die Menschen suchen vielmehr sehr angestrengt nach verlässlichen Orientierungspunkten." Quer durch alle Generationen stehen Beziehungswerte an oberster Stelle. Zugleich haben sich im Lauf der vergangenen zehn Jahre Selbstentfaltungswerte zu einem selbstverständlichen Bestandteil europäischer und auch österreichischer Wertesysteme entwickelt, weiß Zulehner. Wobei der Höhepunkt der Individualisierung in Österreich ihren Höhepunkt überschritten habe. Derzeit sei vielmehr eine Trendumkehr zu beobachten: Wachsendes Vertrauen in gesellschaftliche Institutionen, gestiegene Bedeutung von Solidarität und Gerechtigkeit und leider auch eine stärkere Ausprägung des Autoritarismus seien Indizien dafür.

Grundsätzlich pessimistischer verfolgt sein Kollege von der Universität in Gießen, der Theologe und Soziologe Reimer Gronemeyer, die veränderte Wertewelt der jungen Generation.

"Der Begriff Wert' hat viel mit Charakter zu tun. Und Charakter' bedeutet Brandmal' - die Unverwechselbarkeit eines einzelnen Menschen. Die Schnelllebigkeit und die geforderte Flexibilität verflüssigen aber den Charakter und vermitteln ein laues Gefühl", ist Gronemeyer im Furche-Gespräch überzeugt.

Durch das Tempo, mit dem sich der Wertewandel vollziehe, fehle es den Werten der Jugendlichen an Tiefe und Verbindlichkeit, was schlussendlich zu Oberflächlichkeit führe. Eine solche Oberflächlichkeit ortet Gronemeyer auch in vielen Freundschaften: "Freundschaft wird oft gelebt als gemeinsam Spaß haben'. Es ist zwar die Realität vieler Jugendlicher, nicht zu wissen, wie es weitergeht. Aber diese Realität ist oft viel zu uncool', um auch ausgedrückt zu werden."

Alle haben ein Handy und Markenkleidung, doch vielen jungen Menschen fehlt eine Bezugsperson.

Nik (22)

Das beliebte Kontakteknüpfen in den Chatrooms des Internet, eine Ausprägung des Phänomens Fernanwesenheit, betrachtet Gronemeyer als suboptimale Beziehung-Variante, bestehe doch dort die Gefahr der "Entkörperung": "Was ausgetauscht wird, sind Worte, doch wie es meinem Gegenüber geht, weiß ich nicht. Das Gefühl von Geborgenheit, das in den Arm genommen werden - ein Urbedürfnis in Krisenzeiten - kann eben keine Tastatur vermitteln."

Doch wie fühlen sich die Jugendlichen selbst angesichts virtueller Beziehungen und einer unendlichen Fülle von Lebens-, Liebes- und Arbeitsmöglichkeiten? Wächst innerhalb der Multioptionsgesellschaft eine desorientierte Generation heran? Mitnichten: Laut der Shell-Jugendstudie 2002 blicken die "Netzwerkkinder" im Gegensatz zur Generation X wieder optimistisch in ihre persönliche Zukunft.

Unsere Lebenseinstellung ist sehr lebensbejahend und positiv -

Pessimismus führt zu nichts.

Karoline (18)

Naheliegend, dass dieser pragmatische Optimismus auch als Namensgeber für die heute "Netzwerkkinder" Getauften herangezogen wird. So spricht man in Kanada bereits von der "Sunshine Generation". Andere nennen sie einfach "Generation @". Welcher Name sich schlussendlich durchsetzen wird, bleibt abzuwarten. Laut Andreas Steinle und Peter Wippermann kristallisiert sich erst 15 bis 20 Jahre nach dem ersten Geburtsjahrgang ein Begriff heraus. Zu einem Zeitpunkt, an dem längst die nächste Generation in den Startlöchern scharrt.

Mitarbeit: Veronika Dolna, Claudia Schwab, Karin Martin.

DIE NEUE MORAL DER NETZWERK-KINDER. Trendbuch Generationen.

Von Andreas Steinle und Peter Wippermann. Verlag Piper, München/Zürich 2003, 222 Seiten, geb., e 20,-.

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