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Schlüpft aus eurer Elternrolle!

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Partnerschaftlich und tolerant möchten viele Mütter im Umgang mit ihren Kindern sein. Eine Studie zeigt, warum das oft nicht klappt.

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Partnerschaftlich und tolerant möchten viele Mütter im Umgang mit ihren Kindern sein. Eine Studie zeigt, warum das oft nicht klappt.

Toleranz ist eine gute Sache, aber man darf sie nicht mit Gleichgültigkeit, mit Grundsatzlo-sigkeit und mit dem Abschieben von Verantwortung verwechseln. Das gilt auch für die Toleranz in der Familie, und vor allem für die Erziehung. Kinder brauchen klare Regeln ...

Aber diese Regeln müssen erst recht von den Eltern selbst emstgenommen und eingehalten werden -das ist aus dem Gespräch mit Helm Stierlin deutlich geworden (siehe Seite 14). Sie dürfen nicht nur gepredigt, sondern müssen vorgelebt werden. Wie, das hat Leopold Rosenmayr aufgezeigt (siehe Seite 16).

Natürlich ist das schwierig. Eltern sind immer wieder der Versuchung ausgesetzt, sich die Sache bequem zu machen: Warum sollen wir uns Mühe geben und Ärger machen, indem wir unserem Kind Schranken vorsetzen? Tolerant sein ist doch modern, und andere Kinder sind noch viel ungehemmter (egoistischer, frecher, aggressiver) als unseres ...

Vor einer solchen Einstellung warnt Christiane Spiel, Psychologie-Dozentin an der Universität Wien, ganz nachdrücklich. Bei der Regelset -zung soll man sich nicht am unteren Niveau orientieren, sondern dem Kind zuliebe Ansprüche stellen; natürlich keine despotischen und tyrannischen, und vor allem nur solche, die man selbst erfüllt, so daß sich das Kind am Vorbild orientieren kann. Die Dinge laufen zu lassen, in der Hoffnung, später würde das Kind schon vom Leben irgendwie „zurechtgestutzt” werden, sei verantwortungslos.

Natürlich klingt das abstrakt: Was soll man denn den Kindern nun wirklich erlauben, und was nicht? Wie soll man sie dazu bringen, Regeln einzuhalten?

Am besten dadurch, daß man ihnen hilft, ihren Sinn einzusehen. Das kostet Mühe, und manchmal wird es ohne mehr oder weniger sanften Einfluß, gar Druck, nicht zu machen sein. Das würde aber, meint Christiane Spiel, in der heutigen Gesellschaft nicht gern eingestanden oder diskutiert; die größere Gefahr wäre es, daß man die Kinder tun und lassen läßt, was sie gerade mögen, und sich das als Toleranz, als demokratische Tugend, zugute hält.

Noch schwieriger wird das alles, weil die Eltern es auch mit sich selbst nicht leicht haben. Sie müssen ihre Verantwortung für sich selbst und füreinander immer wieder neu wahrnehmen. Das istheutzutage besonders anstrengend. Die Gesellschaft gibt sich zwar tolerant, aber in Wirklichkeit ist sie ziemlich intolerant: Sexuelle Freizügigkeit ist „in”, aber in anderer Hinsicht ist jeder starkem Druck ausgesetzt, weil ganz klar ist, wie man zu sein hat: jung, schön, fit, erfolgreich, gestreßt. Viele Menschen, die sich diesem Druck ausgesetzt sehen, ringen sich einiges ab, um diesen Geboten des Zeitgeists zu entsprechen. Das kostet Zeit, Gefühlsunterdrückung, Nerven, auch Geld.

Die Gesellschaft gibt sich tolerant, ist es aber nicht Wie ist es unter solchen Umständen überhaupt noch möglich, daß Toleranz mit Verantwortung (Selbst- und Mitverantwortung) verbunden wird, so daß es zu einer guten Reziehung in der Familie kommt? Und zwar sowohl zwischen Ehepartnern, zwischen Eltern und Kindern als auch zwischen Kindern untereinander?

Christiane Spiel hat dazu einiges an Erkenntnissen zu bieten. Sie hat an einem Forschungsvorhaben mitgewirkt, das vom deutschen Max-Planck-Institut für Bildungsforschung über Jahre hinweg (1989 bis 1994) unter dem Titel „Von der Kindheit zur Familie” durchgeführt wurde. In dieser Zeit wurden 80 Familien beobachtet, mit Fragebögen, Interviews und mit Videoaufnahmen.

Am spannendsten war die Phase der Pubertät der Kinder: Da wollen Söhne und Töchter selbständig agieren, die elterliche Bevormundung loswerden. Den Eltern wird in dieser Zeit viel Toleranz abverlangt. Es ist das meist eine Periode der Spannungen, des Ärgers, der nervenaufreibenden Auseinandersetzungen - vom Frustrationsgefühl bis zum Streit und Krach.

Ein scheinbar erstaunliches Ergebnis: Die meisten Schwierigkeiten entwickeln sich zwischen den Müttern und den Kindern. Warum? Weil es immer noch die Mütter sind, die in aller Regel den Kindern sagen, was sie zu tun und zu lassen haben - vor der Pubertät, wenn die Kinder noch klein sind. Dann heißt es „Räum das Zimmer auf!”, „Spiel nicht mit den fremden Schmuddelkindern!” und ähnliches.

Oft haben die Mütter eine klare Vorstellung davon, wie sie sich verhalten wollen. Sie möchten „partnerschaftlich” sein und „tolerant”, und doch schimmert durch, daß sie den Kindern im Grunde etwas einreden oder oktroyieren wollen. Die Kinder spüren das „Aufgesetzte” - und verlieren das Vertrauen, weil sie ihre Eltern lieber „echt”, also unmaskiert, erleben würden. Und weil das nicht passiert, wollen die Kinder durch gezielte Regelverstöße und Aggressionen austesten, was der „Mensch” Mutter denn nun wirklich möchte, wünscht, hinnimmt und was nicht.

Ein anderes Resultat der Studie zeigt: Verhaltensmuster bleiben in Familien stabil und werden weitervermittelt. „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.” Die Kinder übernehmen von den Eltern Verhaltensweisen, die sie selbst ablehnen. Christiane Spiel berichtet über die Langzeitstudie eines Kollegen, der eine Familie 16 Jahre lang beobachtet hat: Der kleine Rub leidet unter aggressiv-dominantem Verhalten der Eltern und wehrt sich dagegen - als Siebzehnjähriger behandelt er aber dann seine Mutter genauso: aggressiv und herrschsüchtig. Er würde gern aus der ererbten, anerzogenen Haut fahren -aber er schafft es nicht...

Wie redet man miteinander, hört aufeinander?

Menschenwürdiger und toleranter Umgang zeigt sich vor allem in der Art, wie Kommunikation stattfindet. Redet man miteinander, und wie? Hört man aufeinander, und nimmt man den Gesprächspartner ernst?

Christiane Spiel zeigt das am Rei-spiel der Planung eines Familienausfluges: Die Mutter fragt ihr Kind alles Mögliche: Wo soll es hingehen? Was machen wir dort? Wen und was nehmen wir mit?

Wie partnerschaftlich und tolerant! Aber in Wirklichkeit ist das Kind nur ab- beziehungsweise ausgefragt worden. Von einem Austausch von Meinungen oder Wünschen war keine Rede. Auch Gefühle wurden nicht investiert. So kann sich keine Toleranz entwickeln, weil man gar nicht in die Lage kommt, mit etwas Problematischem ernsthaft, intensiv und partnerschaftlich umgehen zu müs-sen.Wenn sich solch ein Umgangsstil entwickelt, dann bleibt man ihm verhaftet. Sehr, sehr lange, wie die erwähnte Studie ergab.

Die vielen Videoaufnahmen von Frau Spiel belegen noch etwas: Eltern wollen ihrer Verantwortung schon gerecht werden, indem sie das Kind dazu erziehen, Regeln und Normen zu achten. Doch das wird oft mit auto7 ritärem Befehlsverhalten und mit schulmeisterlichem Predigen verwechselt. Wünsche und Überzeugungen der Kinder werden niedergepredigt, also gar nicht ernstgenommen -und so kommt es nicht zu wirklicher Auseinandersetzung, zum Sich-Zu-sammenreden und Zusammenraufen. Und dabei meint man es doch sooo gut!

Das Kind selbst kann wiederum nur tolerant werden, wenn es weiß, was es überhaupt tolerieren soll, was es tolerieren kann, und wie es das lernen kann. Wenn Väter oder Mütter -oder auch Ehepartner - sich immer nur als Besserwisser (auch als wohlmeinende) präsentieren oder aber zu allem mit dem Kopf nicken, dann geben sie dem Kind keine Chance, Toleranz zu erfahren und einzuüben -also zu lernen, mit Gedanken, Interessen und Gefühlen des anderen produktiv (partnerschaftlich) umzugehen. Dazu gehört auch, daß man sich dem anderen wirklich zuwendet, aus sich herausgeht, denn sonst wird man nicht verstanden und „provoziert” auch nicht eine ernsthafte Antwort, schon gar nicht die ernsthafte Auseinandersetzung, aus der Verständigung und gegenseitige Anerkennung (des anderen auch in seinem Anderssein) erwächst.

Wer das nicht schon in dem Alter lernt, in dem man seine Umgangsweisen entwickelt, hat auch später wenig Chancen, tolerant zu sein. Und Toleranz ist überall gefragt - im Umgang mit Ausländern, Andersdenkenden, Vorgesetzten, Untergebenen.

Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es bekanntlich heraus. Wer nicht tolerant ist, der muß auch damit rechnen, daß man ihm intolerant begegnet...

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