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Schule in der Falle

Eine neue Schulorganisation steht für die Bildungsministerin nicht zur Debatte: Die Gefahr, in die "Organisationsfalle" zu tappen, sei zu hoch. Eine Entgegnung - und ein Plädoyer für die "echte" Gesamtschule.

Im politischen Sprachgebrauch ist der Begriff "Gesamtschule" dermaßen verunstaltet worden, dass der ursprüngliche Sinn verloren gegangen ist. Von den Schulreformern vor den zwölf Jahren des "Tausendjährigen Reiches" bis herauf zu Hartmut von Hentig ist darunter verstanden worden, dass die Schüler am Ende der Grundschule nicht nach ihrer Schulleistung sortiert werden, sondern auch in der Oberstufe der Pflichtschulzeit in ihrer Heterogenität zusammenbleiben.

In der von oben verordneten Quasi-Reform der Siebzigerjahre hat man das Wort "gesamt" mit dem Zusatz "integriert" aufgebläht und mit der "Integrierten Gesamtschule" (IGS) so ziemlich das Gegenteil einer echten Gesamtschule geschaffen. In der IGS wird das Sortierungsprinzip des "gegliederten" Schulsystems nicht etwa eliminiert, sondern auf die Spitze getrieben: In den Hauptgegenständen werden die Schüler in Leistungsgruppen bzw. -kurse eingeteilt und hermetisch voneinander getrennt. In Deutschland gibt es neben den Gymnasien, Realschulen und Hauptschulen länderweise verschieden viele IGS; in Österreich sind die Gymnasien unberührt belassen worden, den Hauptschulen aber hat man das IGS-Modell aufoktroyiert und sie verpflichtet, das Kuckucksei der Leistungsgruppen auszubrüten.

Verschiedene Köpfe

Dass in den letzten zwei Jahrzehnten die Reformbewegung der Selektionsgegner in Gymnasien und Hauptschulen bereits einiges Terrain erobert hat ("Gemeinsame Mittelschulen" etc.), kann als Hoffnungsschimmer angesehen werden für die wachsende Akzeptanz der "Verschiedenartigkeit der Köpfe" (Johann Friedrich Herbart). Diese Befreiung der Sekundarstufe I aus der Organisationsfalle bringt reichen Gewinn im Leistungsbereich, im Bereich des Schulklimas und in der Erziehung zum demokratischen Zusammenleben.

Die hoch entwickelten Länder jenseits der deutschen Sprachgrenzen, die sich für die Abschaffung der Selektion entschieden haben, sind eben keineswegs blauäugig in den Paradigmenwechsel geschlittert. Die jüngsten internationalen Vergleichsstudien TIMSS und PISA haben die Richtigkeit ihrer Entscheidung bestätigt: In den Ländern mit Spitzenpositionen sind durchwegs gesamtschulische Systeme etabliert.

Bestes Argument: PISA

Die Apologeten des gegliederten Systems sind rasch mit der Mahnung zur Stelle, man dürfe nicht monokausal argumentieren. Schon gut, aber spielt in diesen prämierten Ländern vielleicht auch der Wegfall der Ziffernnoten eine Rolle? Oder sind es die schulautonomen Entscheidungsstrukturen von der Lehrerbestellung bis hin zum Curriculum? Alles Gegebenheiten, die sich von denen in unseren Landen massiv unterscheiden. Nicht einmal der Hinweis auf die Ressourcen "sticht", wenn doch beispielsweise in Finnland, dem PISA-Sieger, das Schulbudget pro Kind deutlich niedriger ist als in Österreich!

Der Schlüssel zum Erfolg der Sieger-Länder liegt aber nicht nur darin, dass ihre Lehrer die Heterogenität der Schüler auch nach der Grundschule annehmen, sondern ihr auch mit Maßnahmen der inneren Differenzierung ("offener" Unterricht) methodisch gerecht werden. In solchen Verhältnissen profitieren die Eliten sogar mehr als am Gymnasium, wenn dieses das übliche Exerziermodell der Didaktik praktiziert: uniformer Unterricht für die gesamte Jahrgangsklasse mit gleichen Inhalten - auf gleiche Weise - im gleichen Tempo - und in der gleichen Zeit. Wenn hingegen die Zugpferde in einer Gruppe nicht nur zu ihrem individuellen Sprint freigelassen sondern auch als Trainer der Unbeholfenen herangezogen werden (peer tutoring), dann bestätigt sich das Ergebnis einer amerikanischen Metastudie: "Nichts motiviert gelangweilte gescheite Kinder mehr, als wenn sie zum Lernen anderer beitragen dürfen. Sie ergreifen dabei Strategien auf höherer kognitiver Ebene, als wenn sie bloß für das Bestehen ihres Tests lernen" (David W. Johnson & Roger T. Johnson).

Wenn es andererseits so wäre, dass es den schwachen Schülern gut täte, unter sich zu sein, dürfte man die Organisationsfalle nicht öffnen. Es sei eine Entlastung für die Abgesonderten, nicht mehr ständig "vor Neid erblassen" zu müssen, tönt es aus den Reihen der Gegner einer gemeinsamen Schule. Aber jede Befragung der negativ ausgelesenen Schüler bestätigt das Gegenteil: Sie fühlen sich abgeschoben und leiden unter dem Verlust derjenigen, die ihnen bisher geholfen haben.

Dass man das überaus bedeutsame Gesetz des Lernens am Vorbild (Imitationslernen) in den unteren Rängen außer Kraft setzt, ist vielleicht der gröbste Fehler des gegliederten Systems. Eltern beobachten an ihren Kindern, dass sie "unendlich lieber voneinander lernen als von Erwachsenen" (Johann Heinrich Pestalozzi) und bemühen sich daher, anregende Freunde ins Haus zu bringen. Die Schulpolitik hingegen zwingt die Schule, die Schwachen von den Vorbildern zu isolieren. Der desinteressierte Blick des einen spiegelt sich im desinteressierten Auge des anderen. Das Ergebnis ist "null Bock"!

Unentschuldbar sind darüber hinaus die schädlichen Auswirkungen des gegliederten Systems auf das Klima des Schullebens und das Selbstwertgefühl der Schüler. Wer kann es verantworten, dass unsere Schule die Leistungsschwachen in die Resignation treibt, indem sie ihnen kontinuierlich bescheinigt, dass sie nichts taugen? Die Schüler in der "Beletage" laufen wiederum Gefahr, in ihrer sozialen Reifung beschädigt zu werden. Sie, die einmal in der Lage sein werden, Katastrophen herbeizuführen oder zu bannen, müssten lernen, für die Mitmenschen besondere Verantwortung zu tragen.

Vergiftetes Klima

In einem Schulsystem, welches durch das Brandmal der ständig drohenden Selektion stigmatisiert ist, wird das Haus des Lernens in eine angstbesetzte Arena umfunktioniert, in der Rivalisieren, Neid und Eifersucht das Klima vergiften. Wer gleichsam entschuldigend auf den Wettbewerb in der Wirtschaft verweisen möchte, auf den die jungen Leute notgedrungen vorbereitet werden müssten, höre sich die Korrektur von Seiten redlicher (!) Spitzenmanager an: Um den Wettbewerb zu bestehen, ist ständiges Weiterlernen notwendig. Um aber dazu bereit zu sein, muss das Lernen in der Schule als interessant und nicht als verletzend erfahren worden sein.

Ohne Zweifel: Die klassenlose Gesellschaft ist von der Geschichte ad absurdum geführt worden. Dass aber keine gesellschaftliche Gruppe zu Vorteilen berechtigt ist, wenn diese den anderen zum Nachteil gereichen, gehört zu den Grundsätzen einer globalen Ethik (John Rawls). Die Konsequenzen für das gegliederte Schulsystem liegen auf der Hand: Allein die oben genannten internationalen Vergleichsstudien belegen, dass es das Abdriften der unteren Sozialschichten befördert.

Der Autor ist emeritierter Professor für Schulpädagogik an der Universität Passau.

"Qualitätsoffensive 2004"

"Wir müssen die Schulorganisation nicht ändern, weil das die Qualität nicht verbessert", ist Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (VP) überzeugt. Stattdessen setzt sie auf eine "große innere Schulreform". Erst vergangenen Dienstag wurde jene "Qualitätsoffensive 2004" im Ministerrat beschlossen, deren Grundzüge Gehrer Anfang Juni bei einer Dialogveranstaltung in St. Johann im Pongau präsentiert hatte. Enthalten sind unter

anderem Bildungsstandards in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch für die vierte Klasse Volksschule und Hauptschule bzw. Gymnasium sowie die Vorverlegung des Frühwarnsystems bei schlechten Noten in das erste Semester. Darüber hinaus soll eine "Leadership Academy" für Direktoren eingerichtet und die Zahl der Nachmittagsbetreuungsplätze an den Schulen bis 2006 um 10.000 erhöht werden. APA

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