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Schulkarrieren am Scheideweg

So überraschend sie auftauchten, so schnell waren sie vom Tisch: Aufnahmeprüfungen in die AHS. Was bleibt sind Hauptschulen in der Identitätskrise, jährliche Nachhilfekosten von 1,6 Milliarden Schilling - und ideologische Reflexe in der Bildungsdebatte.

Werner Amon will es wissen: Obwohl gerade erst von seiner Parteikollegin Elisabeth Gehrer auf Linie gebracht, wagte der ÖVP-Bildungssprecher einen weiteren Vorstoß in das schulpolitische Sommerloch. Bei Volksschülern sei nicht nur ein "unverbindliches Prognoseverfahren" anzustreben, wie es sich die Bildungsministerin als Orientierungshilfe für Eltern wünscht. Auch stichprobenartige Leistungs-überprüfungen sowie ein standardisierter Test beim Übertritt in die AHS seien vorstellbar, betonte Amon vergangenen Montag im Gespräch mit der "Presse". Fällt dieser negativ aus, sollten Volksschul- und AHS-Lehrer gemeinsam eine Empfehlung für das Kind erarbeiten. Die Letztentscheidung liege freilich bei den Eltern. "Schließlich sind sie es, die die Nachhilfestunden zahlen."

Und Österreichs Eltern zahlen viel: 1,6 Milliarden Schilling geben sie laut Wiener Arbeiterkammer (AK) für private Nachhilfe aus. "Ein öffentliches Schulsystem, das ein derart teures privates Nachhilfesystem zulässt, ist sozial selektiv," kritisiert die AK. Diese Worte sind Wasser auf die Mühlen des VP-Bildungssprechers, hatte doch zuvor die SPÖ in seiner Forderung nach einem dreiteiligen Aufnahmeverfahren in die AHS "soziale Selektion" vermutet. Amons Pläne sind freilich nicht neu: Bereits im August des Vorjahres hatte er "standardisierte Leistungstests an den Schnittstellen" gefordert, um dem Niveauverlust an Gymnasien und Hauptschulen Einhalt zu gebieten. Und auch damals erntete er parteiintern Kritik: So lehnte der Wiener VP-Bildungssprecher Walter Strobl den Einsatz punktueller Leistungstests als "geschichtlich und pädagogisch überwunden" ab.

Nicht nur solcherlei Bedenken, auch Umsetzungsprobleme werden heute gegen punktuelle Aufnahmetests ins Treffen geführt. Zwar gebe es anerkannte Verfahren, die als kombinierte Intelligenz-, Rechtschreib- und Konzentrationstests ein "gutes Bild über das vorhandene Potenzial" liefern würden, meint Harald Aigner von der Abteilung Schulpsychologie-Bildungsberatung im Bildungsministerium. Aus Kostengründen sei es jedoch "völlig unmöglich", solche Tests flächendeckend durchzuführen.

Nimmt man Umfragen ernst, dann ist nicht nur die ÖVP, sondern auch die Bevölkerung insgesamt in dieser Frage gespalten. Während "Ifes" für den "Standard" eine Ablehnung von 55 Prozent gegen ein Aufnahmeverfahren in die AHS eruierte, ermittelte das Linzer "market-Institut" im Gegenteil eine 59-prozentige Zustimmung für Aufnahmeprüfungen.

Ob Fußvolk oder Experten - in einem Punkt stimmen die Meinungen weitgehend überein: Die althergebrachte Form der Hauptschule steckt, vor allem in Ballungsgebieten, in einer nachhaltigen Identitätskrise. "Schon der Name ,Hauptschule' stigmatisiert", weiß man im Büro der Bildungsministerin. Dass diese Stigmatisierung (und das AHS-Angebot) ungleich verteilt ist, zeigt die Statistik. Während in den Bundesländern nur 20 bis 30 Prozent der Zehnjährigen in eine AHS wechseln, sind es in manchen Wiener Bezirken über 80 Prozent. Je nach politischer Farbenlehre werden nun aus dem Hauptschulsterben unterschiedliche Lehren gezogen. Während SPÖ-Bundesgeschäftsführerin Andrea Kuntzl den Zustrom zur AHS in Wien als Beweis für den Erfolg der langjährigen SP-Bildungspolitik sieht, Ansätze einer "gemeinsamen Schule der 10- bis 14-Jährigen" erkennt und dafür neue pädagogische Konzepte fordert, will die Volkspartei genau diesen Trend zur Einheitsschule in Großstädten stoppen. Vom klassischen Modell der Gesamtschule hat sich freilich auch die SPÖ verabschiedet. Diese sei nach SP-Bildungssprecher Dieter Antoni "kein modernes pädagogisches Konzept" und "heute nicht mehr umzusetzen".

Trotz dieser Einsicht sieht Werner Amon in Wien das Gesamtschul-Gespenst durch die Hintertür hereinspazieren. "Es wird bewusst darauf hingearbeitet, die Hauptschule kaputt zu machen." Kinder mit einem Befriedigend in einem Hauptgegenstand dürften zwar nach dem Gesetz nur mit Aufnahmetest in die AHS, würden aber davon in manchen SP-dominierten Städten so gut wie immer befreit. "Das differenzierte Schulwesen wird politisch unterminiert," kritisiert Amon.

Die ideologische Kluft in Österreichs Bildungspolitik scheint größer als je zuvor. Dies verwundert umso mehr, als noch 1999 Vertreter aller politischen Parteien im Wiener Bildungsrat das gemeinsame Modell "Kooperative Mittelschule" empfehlen konnten. Diese Mischung aus den Schulversuchen "Neue Mittelschule" (SP) und "Differenzierte Kooperationsschule" (VP) sollte beides in sich vereinen: die horizontale Vernetzung zwischen Hauptschule und AHS-Unterstufe sowie die vertikale Kooperation mit berufsbildenden und allgemeinbildenden höheren Schulen. Zwölf konfessionelle Privatschulen starteten im Herbst 2000 im Rahmen der Schulautonomie mit dem Modell. Grundlage des Unterrichts ist der Lehrplan des Realgymnasiums. "Anders als in der AHS wird aber mehr auf die Individualität der Schüler eingegangen", betont Walter Gusterer, Direktor der kooperativen Mittelschule/Hauptschule St. Ursula in Wien.

Die neue Schulform ist ein erster Schritt zur Reaktivierung der Hauptschule. Noch ist sie freilich nicht attraktiv genug. Die Folgen dieses Umstands sind bedenklich, weiß Gusterer: "Viele Schüler sitzen in der falschen Schule." Wie die Bildungsministerin ortet er das Grundproblem im elterlichen Ehrgeiz. Sinnvoller als das von Gehrer geplante Prognoseverfahren sei es daher, die Pädagogen mit mehr Macht auszustatten. "Die Eltern müssten den Lehrer als Experten akzeptieren und nicht jede Entscheidung hundert Mal hinterfragen." Ob ein Kind schließlich den richtigen Weg eingeschlagen hat, lasse sich leicht beurteilen: "Schüler, die ins Gymnasium passen, brauchen keine Nachhilfe."

Kostspielige AHS

Nimmt man jene 1,6 Milliarden Schilling Nachhilfekosten als Richtmaß, dann sitzt tatsächlich ein Gutteil der Schüler am falschen Platz. Oder - aus Elternsicht - gerade richtig, gibt der Wiener Erziehungswissenschafter Richard Olechowski zu bedenken: "Die Eltern wollen für das Kind die beste Schule, weil sie sich davon einen sozialen Aufstieg erhoffen. Ist es nicht unethisch, solche Kinder zurück in die Hauptschule zu locken?" Eine Ansicht, der die Leiterin des Nachhilfe-instituts "Lernen mit Pfiff", Renate Hofmann, nur zustimmen kann. "Jeder, der irgendwie kann, schickt sein Kind in Wien in die AHS." Für das große Ziel Gymnasium werden viele Volksschüler mittlerweile gut gerüstet: Einwöchige Vorbereitungskurse (Preis: 2.500 Schilling) erfreuen sich wachsender Beliebtheit.

Während die Betreiber von Lern-instituten frohlocken, schreit für den Innsbrucker Kinderpsychologen Heinz Zangerle die Nachhilfesituation "zum Himmel". Schuld sei nicht nur die "permanente Überforderung" der Schüler, sondern die Schule selbst. "Die Zeitgeistschule mit ihren Lügen vom ,easy learning' ist geradezu ein Lieferant für die Nachhilfe." Steht im Unterricht spielerisches Lernen im Mittelpunkt, wird im Anschluss nachgepaukt. "Aber Lernen ist nicht lustig, sondern Arbeit," meint Zangerle.

Was für eine Botschaft für jene 50.000 Schüler, denen wegen Überforderung (oder Motivationsmangel) im Herbst eine Wiederholungsprüfung bevorsteht. Genau jetzt sollten sie nämlich - ob mit oder ohne Nachhilfe - mit dem Büffeln beginnen.

Infos zum Nachhilfemarkt unter

www.nachhilfe.at

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