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Bildung

Schulreife 2.0 für Erstklassler in spe

1945 1960 1980 2000 2020

Ist das Kind fit für den Ernst des Lebens? Diese Frage wollte das Bildungsministerium ab 2021 via App klären. Doch das Vorhaben stieß auf Kritik. Nun reagierten die Verantwortlichen und stellten den digitalen Test selbst auf den Prüfstand.

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Ist das Kind fit für den Ernst des Lebens? Diese Frage wollte das Bildungsministerium ab 2021 via App klären. Doch das Vorhaben stieß auf Kritik. Nun reagierten die Verantwortlichen und stellten den digitalen Test selbst auf den Prüfstand.

Bundesweit wird zurzeit die Schulreife von mehr als 85.000 Kindern erstmals mit einheitlichen Kriterien festgestellt. Entschieden bisher die Schulleiter individuell über den Reifegrad der Kinder, bricht sich peu à peu der digitale Zeitgeist Bahn. Zum Beispiel durch eine „Schulreife-App“. Diese wurde 2018 vom Bundesministerium für Bildung im sogenannten „Pädagogik-Paket“ beschlossen. Derzeit findet eine Pilotphase statt. Konkret bedeutet das: Künftig soll die Schulreife via virtuellem Screening am Tablet getestet werden. Aufgebaut wie ein Computerspiel führt die Protagonistin der App – die freundliche Koboldin „Poldi“ – die Fünf- bis Sechsjährigen spielerisch durch ihr Zauberland und eine Reihe von Aufgaben. Gemeinsam mit „Poldi“ helfen die Kinder etwa „Maulwurf Willi“ seinen Maulwurfshügel zu finden oder suchen nach einem Koffer voller Goldmünzen. Ziel der Übungen ist es, die Feinmotorik, die Konzentrationsfähigkeit, das allgemeine Verständnis von Inhalten, das Schrift-, Mengen- und Zahlenwissen sowie den Umgang mit Sprachlauten beim jeweiligen Kind zu ermitteln. „Die ScreeningApp soll ein wissenschaftliches Instrument sein, das die Schulleiter unterstützt“, sagt die Mitentwicklerin und Entwicklungspsychologin der Uni Graz, Karin Landerl, im Gespräch mit der FURCHE.

Konzipiert durch die Universität Wien in Kooperation mit der Universität Graz, erhoffen sich die Entwickler Aufschlüsse über den Reifegrad der für den Schulbesuch notwendigen Kompetenzen – darunter Konzentrations- und Merkfähigkeit. Das Endresultat dient als Empfehlung, ob das Kind dem Unterricht ohne zusätzliche Unterstützung folgen kann. Laut Landerl werde mit dem Screening versucht, sowohl Risikofaktoren für Lernschwierigkeiten als auch Indizien für eine spezielle Begabung zu identifizieren. Bereits vor Beginn der freiwilligen Pilotphase (durchgeführt an zehn Prozent der Volksschulen) wurde die Software in der Entwicklung mit rund 200 Kindern erprobt. „Der wissenschaftliche und entwicklungspsychologische Hintergrund der App ist, dass wir Aufgaben entwickelt haben, die Kompetenzen messen, von denen wir wissen, dass diese mit den späteren schulischen Leistungen in Zusammenhang stehen“, sagt Landerl.

Fehlt die Expertise von Praktikern?

„Komplett daneben“, „haarsträubend schlechte Umsetzung“ – so kritisiert indes die „Österreichische LehrerInnen-Initiative“ (ÖLI-UG) die Applikation auf ihrer Homepage. Seit dem Start der Pilotphase steht „Poldi“ im Fokus der Kritik. Auch die Wiener Lehrergewerkschaft sieht die Begutachtung via Tablet skeptisch: „Wir verstehen die Intention eines einheitlichen Werkzeugs für bundesweit geltende Kriterien, aktuelle Rückmeldungen sind jedoch kritisch“, sagt Thomas Krebs, Vorsitzender des Zentralausschusses der Wiener Landeslehrer an allgemeinen Pflichtschulen. Die Idee, einen Einheitscheck durchzuführen, erachtet er grundsätzlich als gut. Dennoch: Die Expertise der Praktiker, wie etwa jene der Schuldirektionen, würde zu wenig einfließen, meint Krebs. Zudem gehe „die aktuelle App am Kind vorbei“. Ein Hauptkritikpunkt ist die schiere Dauer des Überprüfungsverfahrens. Konzipiert mit einem Umfang von 20 Minuten, wird dieser Wert in der Praxis mitunter um mehr als das Doppelte überschritten. Überprüfungen von 50 Minuten sind keine Seltenheit, wie etwa ein „Zeit im Bild 1“-Beitrag über ein Schulreife-Screening in der Volksschule am Wiener Johann-HoffmannPlatz zeigte. „Das Kind hat mir ab der Halbzeit extrem leid getan. Man hat gemerkt, dass sie unkonzentriert wird“, meint Direktorin Andrea Holzinger. Ähnliches berichtet Angelika Maderbacher, Juristin und Mutter eines angehenden Taferlklasslers, die sich nach ihren Erfahrungen in einem Brief direkt an das Bildungsministerium gewendet hat: „Der Test mit der App dauerte zirka 40 Minuten, danach gab es ein weiteres, zirka 45 Minuten dauerndes, analoges Screening“, schreibt sie darin. „Mein Sohn war entsprechend erschöpft und benötigte eine Pause.“

Entwicklungspsychologin Landerl versucht, gegenzusteuern: „Wir müssen hier erst die Balance finden – und es wird noch gezielt weitere Erhebungen geben.“ Bedenken gegenüber der Nutzung eines (Touchscreen-)Computers seien aus Sicht der Forscherin verständlich, aber unbegründet. Keinesfalls sei digitales Vorwissen erforderlich: „Jedes Kind zeigt mit dem Finger auf die richtige Antwort. Kenntnisse über die Benutzung eines Tablets braucht es nicht.“ Die Visualisierung diene der Unterhaltung, da „der Spaßfaktor im Vordergrund stehen soll“. Jedes Kind werde zudem „bei der Benutzung durch eine Lehrkraft betreut“.