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Sich immer wieder neu erschaffen

Kreativ werden ist Balsam für die Seele. Doch die Sehnsucht nach Grenzüberschreitung kann auch gefährlich werden. Über Kreativität zwischen Schöpfung und Zerstörung.

Kreativität ist in aller Munde: Schon in frühester Kindheit sollen wir sie fördern; außergewöhnlich kreative Künstler und Wissenschaftler werden allseits bewundert; und auch in der alltäglichen Lebensgestaltung wird Kreativität als überaus wichtig angesehen. Wir können unseren morgendlichen Espresso hinunterschütten - oder aber seinen Duft einatmen und an den Traum der vergangenen Nacht denken. Letzteres ist gelebte Kreativität: ein Moment der Selbstverwirklichung.

Nach der Harvard-Professorin Teresa Amabile ist Kreativität die "Erschaffung des Neuen und Brauchbaren“. Kulturhistorisch ist sie ein Wechselspiel zwischen aktivem Gestalten und passivem Geschehen-Lassen. Creavit (lat. er schuf), das erste Verb der Bibel, intoniert bereits die Vorstellung von Kreativität als Schöpfungsakt, der individuell, unabhängig und einzigartig ist. Diese Vorstellung hat sich besonders in der westlichen Welt zu einer Leitidee entwickelt: Geniale Menschen schaffen - vom göttlichen Funken beseelt oder den Musen geküsst - außergewöhnliche Werke.

Hochbegabte sind nicht kreativer

Um die Kreativität zum Blühen zu bringen, sind aus psychologischer Sicht fünf Grundlagen notwendig: Begabung, Wissen bzw. Können, Motivation, Persönlichkeitseigenschaften und Umgebungsbedingungen. Begabung lässt sich nicht züchten, sondern man muss sie entdecken. Dies gelingt nur, wenn Spielräume zu ihrer Entfaltung vorhanden sind. Intelligenz ist für Kreativität nicht unwichtig. Allerdings steigt ab einem Intelligenzquotienten von 120 die Kreativität nicht mehr. Hochbegabte, etwa ab einem IQ höher als 135, sind im Vergleich mit gut Begabten nicht kreativer. Des Weiteren ist die Motivation, sich einer Sache leidenschaftlich um ihrer selbst willen zu widmen, von großer Bedeutung. Eine günstige Umgebung schließlich erlaubt die Entfaltung von Talenten, indem sie Strukturen zur Verfügung stellt, in denen Wissen und Fertigkeiten erworben werden können, und gleichzeitig Freiräume bietet, in denen das Gelernte neu kombiniert werden kann. Dieser Modus geht oft mit Unlustgefühlen einher, besonders wenn die erwartete Lösung noch nicht gefunden ist und der Flow auf sich warten lässt. Kreative Tätigkeiten machen also nicht nur Spaß, sondern sie sind auch mit Anstrengungen und oft auch mit inneren Zerreißproben verbunden.

Rein biologisch betrachtet ist Kreativität eine Eigenschaft des Lebens. Bereits einfache Organismen leben in einem ständigen Austauschprozess mit ihrer Umgebung. Auch der werdende Mensch ist schon im Mutterleib Reizen ausgesetzt, auf die er reagiert. Ebenso der Säugling, der Eindrücke aus seiner Innen- und Außenwelt nicht nur abspeichert, sondern sich im Austausch mit ihnen entwickelt. Es ist deshalb keine Übertreibung zu sagen, dass jedes Baby seine Welt komponiert.

Die spätere Pubertät ist eine Phase des kreativen Umbruchs. So wie sich das Gehirn neu organisiert, so bildet sich das körperliche und soziale Selbst in neuer Weise. Die Freiräume für eigensinnige Intuition wie auch diszipliniertes Lernen müssen immer wieder neu ausbalanciert werden. Das setzt sich fort und kulminiert bis zum 40. Lebensjahr meist in einem Übermaß an Verpflichtungen: die berufliche Karriere wird geschmiedet, Beziehungen werden verbindlicher und Familien gegründet. In dieser Zeit verlieren Personen häufig ihre kindliche Spielfreude und ihre jugendliche Originalität. Sie werden persönlich gefestigter, zahlen jedoch oft den Preis, dass ihre kreativen Ressourcen versiegen. Wenn sie Glück haben, finden sie jedoch Freiräume und können diese nutzen. Dann stellt das Älter-Werden nicht nur einen Verlust von Fähigkeiten dar, sondern auch eine Chance, die schöpferischen Dimensionen des Alltags zu genießen: etwa eine bildhafte Erinnerung, die Versenkung in eine Wolkenformation oder den Blick einer geliebten Person.

Dass Kreativität eine bedeutende Ressource für Gesundheit und Wohlbefinden darstellt, ist unbestritten. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass etwa Schreiben und kreatives Gestalten die menschliche Entwicklung positiv beeinflussen. Kreative Betätigungen können auch Gedächtnisleistung, Aufmerksamkeit und kognitive Potenziale heben. So zeigt sich bei kreativer Tätigkeit eine Zunahme der neuronalen Vernetzungen. Die Erregungen unterschiedlicher Hirnareale, die mit Gefühlen, Gedanken und Handlungen einhergehen, werden synchronisiert. Ohne diese Synchronisierung würden wir unsere Gefühle nicht verstehen, die Gedanken wären zusammenhanglos und unsere Handlungen wären chaotisch. Wir würden psychisch krank.

Zugleich sind die Grenzen zwischen außergewöhnlichen, kreativen Akten und psychischen Störungen oft auch fließend. "Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern zu gebären“, schrieb Friedrich Nietzsche. Die moderne Wissenschaft kann diesen Satz bestätigen - wobei man das kleine Wort "noch“ nicht übersehen darf. Eine gewisse psychische Labilität kann sowohl Motivation als auch Stoff für schöpferische Leistungen liefern. Ist eine psychische Störung aber zu ausgeprägt, führt sie zu einer Beeinträchtigung, mitunter auch zu einem kompletten Verlust kreativer Fähigkeiten.

Künstler als Grenzüberschreiter

Der Wunsch, kreativ die eigenen Grenzen zu überschreiten, ist jedenfalls so alt wie die Menschheit. Die antiken Griechen meinten, in der Ekstase Außergewöhnliches leisten zu können. Auch Goethes Werther will sein Ich auflösen, um sich mit der "Wonne eines einzigen, großen herrlichen Gefühls ausfüllen zu lassen“. Im Roman erschießt sich Werther, Goethe selbst, der sich zweiundzwanzigjährig unsterblich in Charlotte Buff verliebt hatte und zurückgewiesen worden war, war gerettet. Durch das Schreiben seines Romans fühlte er sich den "Klauen des Todes entronnen“.

Manche Künstler liefern sich der Melancholie allerdings so weit aus, dass sie im Chaos ihres Begehrens untergehen. Die Pop-Ikone Jim Morrison hoffte, sich - wie viele seiner Generation - durch Exzesse und Drogen eine "ganz andere Welt“ zu erschließen. "Alle Spiele beinhalten die Idee des Todes“, schreibt er in seinem ersten Gedichtband. Später besingt er nicht nur die Melancholie und Einsamkeit in Songs wie "The End“ und "People are strange“, sondern durchlebt seine Verzweiflung bis zum bitteren Ende. Er verliert seine Schöpferkraft, gerät in einen Teufelskreis und nimmt sich mit Alkohol und Drogen das Leben. Demgegenüber bleibt sein englischer Antipode Mick Jagger selbst in seinen wildesten Jahren diszipliniert und sorgsam auf haltgebende Beziehungen bedacht. Auch er besingt Enttäuschungen und Verzweiflung von "Love in vain“ bis "Paint it black“, bleibt aber Künstler, der seinen Gefühlen und Erfahrungen eine Sprache verleiht und sie damit auch bewältigt.

Bei Theophrast, einem Schüler des Aristoteles, heißt es, dass alle außergewöhnlichen Persönlichkeiten Melancholiker seien. Spätestens seit dieser Zeit wird der Mythos von "Genie und Wahnsinn“ in der westlichen Kultur tradiert. Dabei wird gerne übersehen, wie der Satz weitergeht: Bei manchen werde die Melancholie so stark, dass sie krankhaft sei. Mit anderen Worten: Melancholie wird zunächst nicht als Krankheit, sondern als eine psychische Labilität aufgefasst, die kreative Hochleistungen begünstigen kann.

Moderne empirische Studien zeigen jedenfalls, dass außergewöhnlich kreative Persönlichkeiten nicht psychisch gestörter sind als der Durchschnitt der Bevölkerung. In vielen Professionen sind außergewöhnlich Kreative sogar weniger beeinträchtigt. Allerdings gibt es zwei Ausnahmen: Dichter und Popmusiker. Erstere erleiden drei Mal so häufig depressive Störungen und nehmen sich auch drei Mal so häufig das Leben als die Durchschnittsbevölkerung. Bei Popmusikern ist wiederum der Alkohol- und Drogenmissbrauch wesentlich häufiger.

Ja, man muss noch Chaos in sich haben, aber auch seine Materie beherrschen und über genügend Stabilität verfügen, um Einfälle in kreative Produkte zu verwandeln. Psychische Gesundheit und Wohlbefinden entstehen dann, wenn wir ein dynamisches Gleichgewicht zwischen Struktur und Freiheit, Disziplin und Chaos erreichen. Wenn uns das gelingt, wird Kreativität zum Lebenselixier. Goethe drückt dies am Ende seines Gedichts "Selige Sehnsucht“ folgendermaßen aus: "Und solang du das nicht hast,/ Dieses: stirb und werde!/ Bist du nur ein trüber Gast/ Auf der dunklen Erde“.

Der Autor ist Facharzt für Psychiatrie, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und lehrt an der Uni Heidelberg. Er wird am 9.7. bei der Päd. Werktagung Salzburg (s. Kasten) referieren.

Veranstaltung

Pädagogische Werktagung Salzburg

Ein kleines Kind tunkt den Finger in eine Sauce, zieht auf dem Tisch Kreise und Linien - und beginnt zufrieden zu lächeln. Dieses Kind ist kreativ im Wortsinn: Es hat etwas Neues erschaffen. Bei der diesjährigen 63. Internationalen Pädagogischen Werktagung Salzburg wird die menschliche Kreativität das Generalthema sein. Von 7. bis 11. Juli werden in der Großen Universitätsaula Expertinnen und Experten die vielen Facetten dieses Themas beleuchten, darunter der Genetiker Markus Hengstschläger, der Kreativitätsforscher Klaus Urban, die Kindheitsforscherin Donata Elschenbroich, der Psychiater Rainer M. Holm-Hadulla (s. oben) und der Psychologe Andreas Fink (s. Interview). (dh)

Programm/Anmeldung: www.bildungskirche.at/Werktagung

Anders als lange Zeit behauptet sitzt die Kreativität nicht nur in der rechten Hirnhälfte. Kernspinaufnahmen haben gezeigt, dass es beider Hirnhälften bedarf, um originelle Figuren zu kreieren.

Kreativität zwischen Schöpfung und Zerstörung

Konzepte aus Kulturwissenschaften, Psychologie, Neurobiologie und ihre praktischen Anwendungen.

von Rainer M. Holm-Hadulla, Vandenhoeck & Ruprecht 2011,

248 S., kart., e 20,60

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