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Stolpernd zur Spitze

Große Pläne, leere Kassen, laufend Proteste: Der Weg, auf dem Österreichs Bildungspolitiker Richtung Weltklasse marschieren, ist hart gepflastert.

Das Faible für Mittelmaß ist am Minoritenplatz gering. In fünf Jahren zur globalen akademischen Spitzenklasse vorzudringen, nicht weniger hat sich Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (VP) namens der österreichischen Universitäten zum Ziel gemacht. Wie das funktionieren soll, enthüllt die Ministeriums-Homepage mit dem vielsagenden Namen www.weltklasse-uni.at: durch ein neues Hochschullehrer-Dienstrecht inklusive dem Ende der Pragmatisierung, durch stärkere Profilentwicklung von Fakultäten und Universitäten sowie durch die Hochschulautonomie. Nicht erwähnt, aber seit Beginn dieses Semesters konstitutiver Bestandteil des neuen Weges an die Weltspitze, sind auch die Studiengebühren von 5.000 Schilling (363,36 Euro) pro Semester. Von diesen erwartet sich Gehrer ein Ende der studentischen Beliebigkeit - und eine um Karteileichen bereinigte Hochschulstatistik.

Mit dem Auslaufen der offiziellen Inskriptionsfrist Ende Oktober ist nun ein erster Kassasturz möglich. Genau 187.245 Studierende haben mit Stand vom 5. November ihren Obulus entrichtet und sich damit in einer der 18 österreichischen Universitäten eingeschrieben. Mit "nur" minus 20 Prozent ist der Schrumpfungsprozess gegenüber den 230.000 Inskribierten des vergangenen Wintersemesters bisher weniger heftig ausgefallen als befürchtet. Fraglich bleibt, wie viele der Abtrünnigen in die Karteileichen-Kategorie der Ministerin fallen, und wie viele - wie von der Österreichischen Hochschülerschaft beteuert - an der finanziellen Hürde zur potenziellen Weltklasse-Uni gescheitert sind. Ein beunruhigendes Indiz für diese These ist an manchen Standorten der Schwund an Erstinskribenten: So wird an der Universität Linz ein Einbruch von 25 Prozent gemeldet, minus 13 Prozent sind es an der TU Wien.

Diese Zahlen sind Wasser auf die Mühlen der ÖH, die von der sozialen Selektionsgewalt der Studiengebühren - und des Konzepts "Weltklasse-Uni" insgesamt - überzeugt ist. Bereits Anfang Oktober hat man mit einem Hürdenlauf auf der Wiener Ringstraße (siehe Bild) für "Hemmungsloses Studieren" demonstriert und zu bundesweiten Protesten aufgerufen. Mit mäßigem Erfolg. Nun wagt man einen zweiten Anlauf gegen die schwarz-blaue Bildungspolitik. Und diesmal mit Verstärkung: Gemeinsam mit der SPÖ, den Grünen, der KPÖ, Lehrerverbänden, Kinderfreunden und der Katholischen Jugend buhlt die Hochschülerschaft bis 13. November um Unterschriften für ihr "Volksbegehren gegen Studiengebühren und für eine Bildungsoffensive" (siehe Seite 5 dieser furche). 50.000 Unterstützungsunterschriften haben die Aufbegehrer schon jetzt in der Tasche. Wie viele sie jenseits der 100.000-Grenze erwarten, die eine Behandlung im Parlament nötig macht, lassen die Initiatoren jedoch offen. Man wolle sich keine Latte legen, damit die Regierung nicht sagen könne, man habe sie nicht erreicht.

Derlei Offenheit ist töricht, zumal schon der bunte Strauß an bildungspolitischen Forderungen den Kritikern eine Breitseite allzu einfach macht. Während man etwa im Bildungsministerium an strittigen Neuerungen wie Studiengebühren und Hochschullehrer-Dienstrecht gar nicht erst rütteln lassen will, betrachtet man Forderungen wie jene nach einem sozial gerechten Schüler- und Studienbeihilfensystem oder einer Senkung der Klassenschülerhöchstzahl von 30 auf 25 als obsolet. Diese seien, so das Ministerium, bereits verwirklicht.

Tatsächlich wird mit der Kritik an den Studienbeiträgen vergeblich an einem Betonsockel gesägt. Zudem hat man am Minoritenplatz einen argumentativen Trumpf in der Hand: Erst zehn Prozent der Studierenden - knapp die Hälfe der Berechtigten - hätten bisher ihren Teil am aufgefetteten Fördermittelkuchen von zwei Milliarden Schilling (145,35 Millionen Euro) beantragt.

Weitsichtiger als ein bloßes Njet wäre von Seiten der Kritiker die Forderung gewesen, mit den eingenommenen Studienbeiträgen im ersten Jahr nicht Budgetlöcher zu stopfen, sondern sie von Anfang an den Universitäten für eine Verbesserung der Studienbedingungen zur Verfügung zu stellen. Über diesen Missstand kann auch die groß verkündete Universitätsmilliarde nicht hinwegtäuschen, die zwar zur Verbesserung des "Studienbetriebes" (etwa durch neue Computer), nicht aber zur Finanzierung nötigen Lehrpersonals herangezogen werden kann. Die alltäglichen Hürden auf dem Weg zum Studienerfolg - Warteschlangen, mangelnde Betreuung, überfüllte Hörsäle samt einstürzender Decken - bleiben so hoch wie ehedem.

Auch ein zweites Hindernis Richtung Weltklasse-Universität wäre vermehrt diskussionwürdig: die Art und Weise, wie im Rahmen der Universitätsautonomie der für strategische Belange zuständige Unirat besetzt werden soll. Nach den Ende August präsentierten "Gestaltungsvorschlägen" des Ministeriums will man zwei der fünf vorgesehenen Ratsmitglieder eigenmächtig bestellen. Hier ortet nicht nur die Rektorenkonferenz mit Recht Hinweise auf eine "Ministerialuniversität". Wie schwer diese Sorge wiegt, wird sich Ende November weisen. Dann will die Rektorenkonferenz ihre endgültige Stellungnahme präsentieren.

Die nächsten Monate werden in manchem Klarheit bringen: wie sich die tatsächliche Uni-Autonomie gestaltet, wie viele Studierende den finanziellen und servicemäßigen Hürdenlauf bestehen und wie viele Universitätsbedientete angesichts des neuen Dienstrechts an einer Alma mater mit leeren Kassen verharren wollen (und können). Erst dann wird sich weisen, wieviel Wahrheit der Traum von der "Weltklasse-Uni" binnen fünf Jahren tatsächlich in sich birgt.

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