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Total verkehrte Sparmaßnahmen

dieFurche: Budgetkürzungen treffen die Familien Sind nicht positive Akzente der Familienpolitik überfällig?

Bischof Klaus Küng: Allen voran müßte es die dringlichste Sorge der Politiker sein, die finanzielle Situation insbesondere der kinderreichen Familie nicht durch weitere falsch geschnürte Sparpakete noch mehr zu belasten, sondern die eindeutige Benachteiligung dieses für die Zukunft wichtigsten Teiles der Bevölkerung möglichst zu überwinden. Kürzungen der Kinderbeihilfe und Einsparungen bei den Schülern und Studenten zu Lasten der Familie sind total verkehrte Sparmaßnahmen. Sehr wichtig sind eine familienfreundhche Wohnungsund Arbeitspolitik, sowie familienstabilisierende Maßnahmen. Die vollberufliche Widmung an die Familie sollte honoriert werden. Außerdem bedarf das Scheidungsverfahren dringend einer Revision: ein erster Schritt wäre die verstärkte Motivierung der Gerichte, in geeigneter Weise Schlichtungsverfahren und Mediationsdienste einzusetzen. Lohnende Investitionen des Staates sind jene für kirchliche Einrichtungen zur Ausbildung von Multiplikatoren in der Familienarbeit, sowie von Seelsorgern und Psychotherapeuten in der Ehebegleitung und Verbreitung der natürlichen Familienplanung.

dieFurche: Welche Vorteile hat die Gesellschaft, wenn das kleine, soziale System,funktioniert"?

Küng: Die intakte Familie ist die billigste und beste Grundzelle der Gesellschaft. In der Familie wächst das solidarische Verhalten, eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen für das Funktionieren jeder öffentlichen oder privaten Einrichtung. Riesig sind die Unkosten, die heute Staat und Kirche für soziale Einrichtungen aufbringen müssen, die für die Betreuung psychisch Geschädigter, Alkoholkranker und Drogenabhängiger nötig sind. Diese Einrichtungen sind die negative Kehrseite unserer Wohlstandsgesellschaft und der Familienkrisen.

dieFurche: Können Sie das präzisieren?

Küng: Die intakte Familie ist auch heute die humanste und kostengünstigste Grundlage für die Betreuung chronischkranker und alter Menschen. Ohne Steigerung der Kinderzahl pro Familie und ohne konsequente Rückkehr zur Familienförderung ist die Finanzierung des gesamten Sozialsstaates ein hoffnungsloses Unternehmen. Auch das Wohnungsproblem ist bei uns zu einem guten Teil eine Folge des Scheiterns der Ehen. Frauen geraten in der ersten Zeit nach einer Scheidung als Alleinerzieherinnen häufig in einen wirklichen Notstand, aber auch für Männer werden die Ausgaben schier unermeßlich, wenn sie mehrere Familien zu erhalten haben; und die Prozeßkosten sind auch nicht zu unterschätzen.

dieFurche: Ist diese „ intakte Familie " deren Urbild die heüige Familie darstellt, nicht ein unerreichbares Ideal geworden?

Küng: Im Gegenteil. Gerade der Blick auf die Krippe kann uns bewußt machen: Der Sohn Gottes kann selbst unter armseligsten Verhältnissen auch bei Dir und bei mir - zur Welt kommen, sodaß wir aufatmen und trotz aller persönlichen Schwachheit den Weg der Hingabe wagen können. Maria und Josef sind hervorragende Beispiele dafür, nicht primär die Verwirklichung der eigenen Pläne anzustreben, sondern für Gottes Anruf offen zu sein. Die heilige Familie ist in gewissem Sinn gar kein Ideal für uns, weil nicht erreichbar, aber durch das Geheimnis, das sie in sich birgt, empfangen wir, wenn wir es in unser Leben hereinnehmen, eine feste Grundlage für unsere Hoffnung und den Keim einer sehr großen, zum Wachstum angelegten Liebe.

dieFurche: Steht dem aber nicht die Realität einer galoppierenden Scheidungsrate entgegen?

Küng: Wenn heute viele Scheidungen zu beklagen sind, dann wohl deshalb, weil das Angebot Gottes nicht erkannt beziehungsweise angenommen wird. Dies zu sagen, bedeutet keine Aburteilung jener, die sich scheiden ließen. Nur Gott allein weiß, wer welche Schuld hat. Außerdem kann er Schuld verzeihen, wenn sie bereut wird. Ich bin davon überzeugt, daß praktisch alle Scheidungen vermieden werden könnten, wenn die Ehe von Anfang an aus dem Glauben gelebt würde. Aber selbst dann, wenn eine Scheidung aus eigener (oder teilweise eigener) Schuld geschehen ist, dürfen wir davon ausgehen, daß Christus an niemandem und keiner Not vorübergeht, wenn er voll Vertrauen um Hilfe gebeten wird. Auch für Geschiedene und „wiederverheiratet Geschiedene" gilt dies. Wahre Hilfe ist freilich nur in Übereinstimmung mit dem Glauben an Christus und Sein Wort möglich. Immer gilt: durch Christus gibt es für jeden Menschen Wege zum Heil. Manchmal ist allerdings Geduld nötig und der innere Weg zur Vereinigung mit Ihm kann eine längere Läuterung voraussetzen. Auch in diesem Zusammenhang dürfen wir vertrauen, daß Jesus überall geboren werden kann.

dieFurche: Inwieweit kann man die christliche Vorstellung von Familie an die Bedürfnisse der Zeit angleichen?

Küng: Die moderne Auffassung von Familie hat nicht wenige positive Seiten; Heute tritt die Person mit ihren Fähigkeiten stärker in den Vordergrund; die Familie ist vor allem der Ort der Geborgenheit; die Liebe als Grundlage des Zusammenlebens wird als wichtigste Voraussetzung des Zusammenlebens anerkannt. Der Glaube ist für die christliche Gestaltung von Ehe und Familie tatsächlich grundlegend. Das Wesen der Ehe ist unveränderlich - weil sie nicht eine Erfindung des Menschen ist, sondern ein Gedanke Gottes und außerdem die wichtigste Schule des Glaubens und der Liebe -aber die veränderten Umstände erfor-•dern eine entsprechende Antwort.

dieFurche: Welche?

Küng: Die zentrale Aussage des 2. Vatikanischen Konzils versteht die Ehe als unauflöslichen Bund zwischen Mann und Frau, der ein Abbild des Bundes Gottes mit Seinem Volk ist. Dies läßt bestimmte Züge deutlicher hervortreten, die dem Empfinden des heutigen Menschen besser entsprechen, als frühere Erklärungen des Ehesakramentes: Das Wesen der Liebe wird tiefer zum Ausdruck gebracht und in den Vordergrund gestellt; ebenso die Gleichheit der Personen, die Bedeutung des gemeinsamen Weges für die persönliche Entfaltung.

dieFurche: Gelingt es der Kirche, dieses Leitbild attraktiv für junge Leute darzustellen?

Küng: Wahrscheinlich verstehen wir es zu wenig, den jungen Menschen zu erklären, daß die Weisungen Christi und Sein Gnadenbeistand der einzig sichere Weg für eine glückliche Ehe und zur Gründung einer glücklichen Familie sind. Vielleicht ist aber vielen auch zu wenig bewußt, daß eine christliche Ehe eigentlich eine echte Nachfolge Christi zu zweit bedeutet. Meines Erachtens könnte die Kirche jungen Menschen alles Wesentliche für das Gelingen von Ehe und Familie mitgeben. Dafür ist aber notwendig, sich zu einem christlichen Leben zu entschließen. Es scheint mir dabei wichtig, sich bewußt zu werden: es bedarf nicht nur einer Anstrengung der „Kirche" (im Sinne eines verengten Kirchenbegriffes), sondern alle müssen sich anstrengen. Insbesondere die jungen Menschen selbst müssen sich bemühen zu erfahren, wie wertvoll und „nützlich" es ist, das Leben christlich zu gestalten. Dieses Bewußtsein wird dazu führen, daß sie sich selbst für den Glauben interessieren und nach Hilfen Ausschau halten.

dieFurche: Worauf wäre zu achten, damit auch im 21. Jahrhundert der Wunsch nach geglücktem Familienleben verwirklicht werden kann?

Küng: Ich halte es für dringend notwendig, daß sich unter den Menschen guten Willens eine Art neue Bewegung zur Förderung der christlichen Familie bildet. Das Thema Ehe und Familie ist für mich das wichtigste in der gesamten Pastoral der Kirche. Es werden große Anstrengungen notwendig sein, um eine solche Bewegung hervorzurufen. Parallel dazu müßte auch in der Jugend ein neuer Aufbruch gelingen, um Ehe und Familie als wichtige Ziele im Leben zu entdecken.

Das Gespräch

führte Wolfgang Ölz

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