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Umdenken ist angesagt

1945 1960 1980 2000 2020

Die Geschichte der Volkshochschulen seit 1945 ist eine Erfolgsstory. Nun ist aber die Zahl der Hörer erstmals leicht rückläufig Umdenken ist angesagt.

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Die Geschichte der Volkshochschulen seit 1945 ist eine Erfolgsstory. Nun ist aber die Zahl der Hörer erstmals leicht rückläufig Umdenken ist angesagt.

Mit einer ganzen Reihe von Forderungen traten die österreichischen Volkshochschulen Anfang November an die (zukünftige) Bundesregierung heran. Der Wunschkatalog der Volkshochschulen ist lang. Denn, begründet der Generalsekretär des Verbandes Österreichischer Volkshochschulen, Wilhelm Filla (siehe auch Interview): "Die Bedingungen für die Bildungstätigkeit der Volkshochschulen werden seit Jahren immer schwieriger."

Vor allem die Einführung der Sozialversicherungspflicht für Lehrende in der Erwachsenenbildung mit August 1999 belastet das Budget der Volkshochschulen. Darüber hinaus verlangen die Bundesschulen seit drei Jahren Gebühren für die Benützung ihrer Räumlichkeiten.

Die Volkshochschulen finanzieren sich in erster Linie aus den Kursbeiträgen. Damit können rund 54 Prozent der Ausgaben gedeckt werden. Den Rest schießen in Österreich Länder, Gemeinden und andere Träger, etwa die Arbeiterkammer, zu. Mit einem verhältnismäßig geringem Anteil - rund fünf Prozent - unterstützt der Bund die Volkshochschulen. "Das sei zu wenig", meint Filla.

Wichtigstes Ziel in den kommenden Jahren ist für den Generalsekretär die Verbesserung der Situation seiner Mitarbeiter: "Nur ein Viertel der Volkshochschulen haben hauptberufliche Mitarbeiter. Das ist nicht sehr günstig." An den 294 österreichischen Volkshochschulen sind in Organisation und Verwaltung derzeit rund 800 Mitarbeiter beschäftigt. Die Lehre wird von 2.500 Vortragenden und 13.600 Kursleitern getragen.

Die Entwicklung der Volkshochschulen, die sich als eine von politischen Parteien unabhängige Bildungseinrichtung versteht, ist eine Erfolgsstory. Die Hörerzahlen stiegen seit 1945 um das Fünffache auf über 500.000. Die Anzahl der angebotenen Kurse hat sich im selben Zeitraum sogar verzehnfacht. Heute werden an Volkshochschulen mehr als 43.000 Kurse abgehalten. Die Volkshochschulen, deren Gründung in Krems an der Donau 1885 und Wien 1887 zurückgeht, sind somit die größte und älteste Erwachsenenbildungseinrichtung in Österreich Verschrieben haben sich die Volkshochschulen seit ihrer Gründung vor mehr als 100 Jahren der "Allgemeinbildung für jedermann". Diese Tradition ist auch heute noch das Hauptanliegen. Die meisten Teilnehmer besuchen Kurse im Bereich Körper und Gesundheit (34 Prozent), gefolgt von den Sprachen (24 Prozent). Frauen überwiegen mit einem Anteil von 75 Prozent eindeutig.

Allerdings weist die jüngste Statistik einen kleinen Wermutstropfen auf: erstmals in der Geschichte der Volkshochschulen ging die Zahl der Hörer im Kursjahr 1997/98 leicht zurück und rutschte wieder unter die 500.000 Teilnehmer-Marke. Filla führt diesen Rückgang auf mehrere Gründe zurück: "Wir sind mit 500.000 Kursteilnahmen an einem Plafond angelangt. Andererseits sind wir mit unseren Kursbeiträgen am Limit und können diese nicht mehr weiter erhöhen. Wir haben bereits Beschwerden bekommen. Das führt dazu, daß manche Leute verärgert sind und ausbleiben oder statt drei Kurse pro Semester nur noch zwei besuchen."

Starke Konkurrenz Aber auch die zunehmende Konkurrenz am Weiterbildungsmarkt führt Filla ins Rennen: "Die großen Einrichtungen, wie das WIFI oder das BFI, bieten heute auch solche Kurse an, die bisher nur von den Volkshochschulen abgehalten wurden. Vor allem im Bereich Lebenshilfe und Allgemeinbildung. Gleichzeitig versuchen die Volkshochschulen das zu machen, was das WIFI und BFI bisher gemacht hat, nämlich stärker in den berufsbildenden Bereich zu gehen. Dadurch wird die Konkurrenz immer schärfer. Die Trennung in Allgemeinbildung und berufliche Weiterbildung ist weitgehend aufgeweicht."

Daß in so mancher Hinsicht für die bisher erfolgsverwöhnten Volkshochschulen Umdenken angesagt ist, davon ist Robert Streibel, Leiter der Volkshochschule Hietzing in Wien, überzeugt. "Wir müssen in Zukunft viel mehr machen, um Menschen ins Haus zu bekommen. Das normale Kursprogramm reicht nicht mehr aus."

Eine Nische, die sich in der Volkshochschule Hietzing großer Beliebtheit erfreut, ist die praktische Lebenshilfe. So war etwa der Kurs "Wie benutze ich mein Handy" in kürzester Zeit ausgebucht. "Hier gibt es eindeutig Bedarf. Mit diesem Kurs können wir mit einem Schlag 60 bis 70 Menschen ansprechen, die zuvor noch nie eine Volkshochschule besucht haben", so Streibel. "Man kann zwar einwenden, daß solche Angebote nicht einer profilierten Erwachsenenbildung entsprechen, aber wir müssen auch für Alltagsprobleme Lösungen anbieten. Das ist ebenfalls ein Bildungsauftrag. Mit solchen Kursen für die breite Masse können wir unser Minderheitenprogramm aufrecht erhalten. Und vielleicht können wir diese Menschen, wenn sie erst einmal mit unserem Haus in Kontakt gekommen sind, auch für andere Kurse motivieren."

Aber auch Robert Streibel sieht für die Volkshochschulen "schlechte Zeiten heraufdämmern" und führt dabei ebenfalls die Neuregelungen bei der Sozialversicherung ins Treffen. Durch die Kursgebühren könnten die Kostensteigerungen nicht mehr aufgefangen werden. "Die Kursbeiträge sind manchesmal bereits ein bißchen zu teuer", gibt Streibel zu. "Doch wir sind gezwungen wirtschaftlich zu denken."

Streibel ist überzeugt, daß die Volkshochschulen künftig auf "vielen Klavieren spielen müssen". Das heißt für den Volkshochschulleiter neben den neuen Angeboten auch die traditionellen Kurse weiter anzubieten. "Wir werden zwar immer ein bißchen belächelt. Aber wir haben Kursteilnehmer, die 20 Jahre zu uns ins Haus kommen, sie werden mit dem Kursleiter alt. Ich finde es toll, daß es das heute noch gibt. Denn welche Institution kann so etwas in dieser schnellebigen Zeit noch vorweisen? Das ist für mich ein Zeichen, daß Menschen hier zufrieden und glücklich sind."

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