Die Berliner Kulturszene ist vielfältig, zersplittert, schnelllebig und unübersichtlich.

Will man in Berlin, vorbereitet mit einer Hand voll Attributen wie Prenzlauer Berg, Untergrund, Club-Szene etc. und versehen mit einer Adressenliste dazugehöriger Orte des Geschehens, die sogenannte Szene - und zwar aktuell - erkunden, wird man unweigerlich auf Abwehr, Kopfschütteln, Unverständnis stoßen. Man wird gemeinhin die Erfahrung machen, immer zu spät zu kommen, "ja damals, weißt du", wird es gelegentlich auch für Arroganz halten oder das Gefühl nicht loswerden, man ist irgendwie unerwünscht. Ehe man das alles durchschaut, ist der Schnupperurlaub vorbei und die Hauptstadt mit Gemeinplätzen hinter einem. So what. Aber ganz langsam:

Berlin ist eine Stadt der Akteure, das heißt. Anerkennung erfährt man über sein Tun. Allein dass man irgendetwas macht, scheint gelegentlich hinreichend. Was man damit wird anfangen können, wird sich noch zeigen. Sich so zur Diskussion zu stellen, hat manchmal auch etwas Provisorisches, ist allerdings angenehmer als die Überinszenierung, die Perfektionierung, die nur noch ermüdend wirkt. Wir haben es also mit einem gewissen Aktionismus zu tun, der wenigstens doch für Abwechslung sorgt.

Berlin ist schelllebig. Orte die "in" sind, sind es schon drei Wochen später nicht mehr. Da gibt es Locations, die nur auf persönliche Einladung und Empfehlung zu betreten sind. Eröffnet für eine erlesene Schar von Besuchern, denen man auf diese Weise Exklusivität verkaufen will. Was diese zu Erlesenen macht wird ebenso offen bleiben wie die Frage, was außer der eigenen Zugangsberechtigung hieran das Exklusive war.

Okkupation des Ostens

Berlin hat viele Studenten. Es ist eigentlich merkwürdig, dass sie nicht in viel größerem Maße das Stadtbild prägen. Sie ziehen in Stadtbezirke, die, was die Mietpreise angeht, noch preiswert erscheinen und es genau dadurch dann schnell nicht mehr sind. Preiswerte Kneipen sind folgerichtig schnell eröffnet und eine neben der anderen ergeben dann schon mal so etwas wie die Simon-Dach-Straße im Stadtbezirk Friedrichshain, den längsten Tresen Berlins. Hier können Sie mit Politologieerstsemestern aus der westdeutschen Provinz über die Welt diskutieren und sich den Osten erklären lassen.

Okkupation ist ein Wort, mit dem sich gelegentlich beschreiben ließe, wie der Berliner Osten sich in zwölf Jahren verändert hat. In den Stadtbezirk Prenzlauer Berg zum Beispiel. zogen Jahr für Jahr 5.000 Menschen aus Westberlin und Westdeutschland und gewannen selbstverständlich und eindeutig den Verdrängungswettbewerb. Das bedeutet für die Einwohnerzahl von 130.000 Menschen in diesem Stadtgebiet, dass etwa die Hälfte der Einwohner mittlerweile und sukzessive ausgetauscht wurde. Anfangs waren Mann und Frau hierher gezogen, weil es hier noch so urig und authentisch war oder doch schien. Dass sich mit diesem neuen Publikum schließlich und relativ schnell diese und jene gewohnte Bequemlichkeit einstellte, das Lebensmittel-Spezialitätengeschäft, das gern besuchte Restaurant, der Designerladen, der Coffee-Shop, der Oxford-Schuhladen, war zu erwarten: eine Spekulation in ihre vermeintliche ökonomische Potenz. Und so haben sie selbst die Gründe für ihr Herziehen Stück für Stück abgeschafft und sitzen wie vor zehn Jahren mit denselben Leuten in denselben Läden bei denselben Getränken und denselben Gesprächen - und müssten deshalb eigentlich wieder wegziehen.

Dass in der Hauptstadt eine quirlige Clubszene existiert, hat sich, auch über Brandenburg hinaus, herumgesprochen. Ausgerüstet mit der "zitty" oder dem "tip", einer der beiden 14-tägig erscheinenden Stadtzeitungen, verschafft man sich Überblick. Das Raster der eigenen Vorlieben darüber gelegt und los geht's. Aber nicht wirklich vor Mitternacht. Vielleicht vorneweg eine after-work-party, Erfindung gegen die vermutete Langeweile zwischen Arbeitsschluss und Abendprogramm.

Quirlige Clubszene

Theater, eigentlich die Großform des Staatstragenden und Hochsubventionierten, schafft zumindest in einem Fall aus sich selbst eine Ausnahme. Die Volksbühne im Berliner Osten, nicht zu verwechseln mit der sogenannten Freien Volksbühne im Westen Berlins, ist immer wieder für eine Provokation gut. Sie schafft gelegentlich einen Brückenschlag zur eigenen und durchaus ernst gemeinten Infragestellung, weiß dem Politischen nicht zu entfliehen ohne bei Propaganda anzukommen und sich der Sinnsuche zumindest mit guten Fragen zu stellen. Bringen Sie Zeit mit, es könnte ein langer Abend werden; und lassen Sie sich nicht dadurch irritieren, dass auch Ihre Langeweile ein Mittel der Inszenierung sein kann.

Immer auf der Suche nach einem ungewöhnlichen Veranstaltungsort hat man für die Sommermonate die Museumsinsel, und zwar den Platz vor der Alten Nationalgalerie, gefunden und besetzt. Die Hüter preußischer Gärten und Anlagen wachsen über sich hinaus: Der Rasen ist hin - die Veranstaltungen gehen weiter. Konzerte, Filme, Lesungen und hinreichendes Catering.

Die Vielfalt der in Berlin stattfindenden Konzerte kann nicht darüber hinweg täuschen, dass so mancher Star um Berlin einen Bogen macht. Die Veranstaltungsmacher in Süddeutschland haben da offensichtlich ein besseres Händchen oder bessere Kontakte. Vielleicht schafft auch der Berliner Veranstalterfilz oder seine zunehmende Monopolisierung solche Resultate. Ein Poker, der dem Publikum nicht dient und Chancen ungenutzt vorbeiziehen lässt. Die Beteiligten sind immer noch stark sich zu Wort meldende Reste einer letztendlich über 28 Jahre im Mauerdasein gewachsenen Westberliner Politikkultur, die die Probleme anwachsen lässt, bis sie nicht mehr zu übersehen sind und dann Hilfe bei der Regierung, dem Bundeskanzler oder einer Art zweiten Luftbrücke erhofft. Was früher so gut ging, muss doch auch heute noch funktionieren - und dabei immer Eigennutz vor Gemeinnutz.

Eventkultur

Und immer läuft es auf einen Event hinaus - unter diesem geht nichts mehr in Berlin. Selbst das eher doch stille, an eine kleine Gruppe von Zuhörern oder gar an den einzelnen Leser gerichtete Medium Literatur ist, so ein Berliner Missverständnis, nur noch über Großveranstaltungen zu verkaufen. Ein Profilierungsergebnis seiner Macher. Für den Zuhörer bedeutet das, man geht nicht mehr zu einer Lesung, sondern kauft sich die Wochen-, Monats- oder Jahreskarte des Events (so wird's billiger) und hofft, im Mix des Gebotenen auch etwas Hörenswertes/Lesenswertes zu ergattern. Es ist wie das Blättern in Zeitschriften: mal hier was aufgreifen und dort etwas reinlesen ... irgendwas bleibt schon hängen und es vergeht Zeit, viel Zeit dabei. Mit diesen Riesenveranstaltungen wird längst in Kauf genommen, dass der breiten und sehr differenzierten Lesekultur der 90er Jahre damit das Wasser abgegraben wurde und deren finanzielle Quellen versiegt sind.

Dennoch, etwa die Tanzwirtschaft Kaffee Burger, gleich in der Nähe der Ostberliner Volksbühne, bietet zu kleinem Preis und in schlichtem, und um so mehr beeindruckendem 70er-Jahre-Look Monat für Monat fast täglich Gegenveranstaltungen an: Lesungen, Vorträge, Russendisko; ab 21 Uhr. Und häufig sehr voll. Sollten Sie hier einen alten Freund aus der Wiener Vorstadt treffen, dann wundern Sie sich nicht, klopfen Sie ihm auf die Schulter, trinken Sie ein Bier zusammen und sagen Sie sich, so ist es halt. Wenn Sie dann noch mit dem Spruch "Berlin ist ein Dorf" kommen, haben Sie nicht nur Recht, sondern liegen auch einen Punkt vorn.

Der Autor ist Gründer des in den 80er Jahren illegal in Ostberlin erschienenen Künstlerprojektes "entwerter/oder" sowie Autor und Verleger von Buchkunst im Uwe Warnke Verlag, Berlin.

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