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Unternehmer aus dem KLASSENZIMMER

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Wie kann man an österreichischen Schulen den Unternehmensgeist fördern? Eine Initiative will Entrepreneur-Qualitäten fördern und aus den Kindern von heute die Start-up-Generation von morgen machen.

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Wie kann man an österreichischen Schulen den Unternehmensgeist fördern? Eine Initiative will Entrepreneur-Qualitäten fördern und aus den Kindern von heute die Start-up-Generation von morgen machen.

Sienna und Maja strahlen um die Wette. Das liegt nicht nur an ihren leuchtend gelben Kleidern. Mit stolzgeschwellter Brust präsentieren die beiden Neunjährigen ihr Werk: ein überlebensgroßes Auge aus Plastik-Stöpseln. "Die Leinwand haben wir im Müllraum im Keller der Schule gefunden", erzählt Sienna (oder ist es doch Maja?),"dann haben alle Schüler Stöpsel von zu Hause mitgenommen. Wir haben so lange herumprobiert, bis wir eine gute Farbkombination gefunden haben." So ansteckend ihre Begeisterung und so beeindruckend die Bastelei aber auch ist, auf den Stockerlplätzen sind Sienna und Maja aus der 3B der Volksschule Donaucity diesmal beim "Trash Value Festival" nicht gelandet. Sie mussten sich unter anderem Affenköpfen geschlagen geben, die bis Mitte September im ZOOM Kindermuseum in Wien bewundert werden können.

So wie die 3B Donaucity haben fünfzehn Volksschulklassen und acht Klassen Neuer Mittelschulen beim zweiten "Trash Value Festival" ihre selbst kreierten Kunstwerke eingereicht. Mitgemacht haben mehr: Über 45 Schulen österreichweit haben ihrer Fantasie zum Thema "Sehen/Hören" freien Lauf gelassen. Entstanden sind Roboter, Geschicklichkeitsspiele oder eben überdimensionale Augen.

Eines haben alle gemeinsam: Sie sind aus Abfall hergestellt. "Die Trash Value Challenge fördert die Kreativität", erklärt Eva Jambor, Projektmanagerin des Vereins "IFTE -Initiative for Teaching Entrepreneurship" und als Leiterin des EU-Programms "Youth Start" für die Organisation verantwortlich, "die Kinder sollen ein Bewusstsein dafür entwickeln, wie viel Müll wir produzieren." Trash Value ist eine von 18 Herausforderungen, die als Entrepreneurial Challenges definiert worden sind. Ob die Vernetzung mit anderen Menschen, die Verfolgung schwieriger Ziele oder die Lösung persönlicher Herausforderung - alle dienen einem Ziel: Kinder von heute zu fördern, Entrepreneure von morgen zu werden.

Unternehmerverhalten

Dass wir diese dringend brauchen, daran lassen Appelle von Wirtschaftspolitikern, Interessensvertretern, ja, selbst eingesessenen Unternehmern keinen Zweifel. Auch seitens der Europäischen Union wird seit Jahren eine Renaissance von Entrepreneurship gefordert. Dabei handelt es sich aber nicht unbedingt um den Ruf nach mehr Unternehmern. "Entrepreneurship ist eine Geisteshaltung", klärt Nikolaus Franke, Gründer und Leiter des Instituts für "Entrepreneurship und Innovationen" an der Wirtschaftsuniversität Wien, auf, "und ein bestimmtes Verhalten, das einen Entrepreneur auszeichnet. Als Gründer eines Start-ups, als Mitarbeiter eines Unternehmens, aber auch in Politik, Verwaltung, Kultur - überall braucht man Menschen mit diesen Qualitäten."

Zwei davon stünden besonders im Vordergrund, so der Experte: Gelegenheiten erkennen und etwas daraus machen. Das also, was Sienna, Maja und die anderen "Müllsammler" getan haben. Initiative Bürger aber fallen selten vom Himmel. "Das kann man lernen, so wie Geige spielen", weiß Franke aus seiner 15-jährigen Erfahrung mit Universitätsstudenten und fügt hinzu: "Wie eine gewisse Musikalität sind unternehmerisches Denken und Handeln zwar eine Sache der Veranlagung, aber es ist auch wichtig, diese Eigenschaften zu trainieren, Fähigkeiten auszubauen, Wissen, Tools und Instrumente zu kennen. Das kann man nicht alles von selbst wissen."

Dass man mit dieser "Entrepreneurship Education" nicht früh genug anfangen könne, davon ist er genauso überzeugt wie von der Tatsache, dass sie flächendeckend passieren müsse. "Natürlich braucht nicht jeder die volle Ausbildung. Geige muss auch nicht jeder beherrschen", greift Franke wieder auf sein Beispiel zurück, "aber ein Musik-Grundverständnis wird an jeder Schule unterrichtet. Für Entrepreneure braucht man ein ähnliches System."

Schumpeter-Klassen

Mit dieser Forderung trifft Franke auf offene Ohren: Schon seit Anfang der 2000er-Jahre setzt sich Johannes Lindner (siehe Interview) mit der "Initiative für Teaching Entrepreneurship" und als Initiator des "eesi -Entrepreneurship Education Impulszentrums" des Bundesministeriums für Bildung dafür ein, dass Entrepreneurship Education in alle Unterrichtsgegenstände eingebunden wird. In den C-Klassen der Schumpeter Handelsakademie und Handelsschule BHAK/BHAS Wien 13 ist das keine Theorie mehr, sondern seit 1999 gelebte Praxis: Dass es sich bei den 16 Schülern in der 2C um eine "leistungfähige und -willige" Truppe handelt, die über ein Aufnahmeverfahren ausgewählt und bis zur Matura fünf Jahre lang zu potenziellen Unternehmern der Zukunft ausgebildet wird, merkt man beim ersten Betreten des Klassenzimmers nicht.

Und doch ist irgendetwas anders: Auf Plakaten sind die Qualitäten eines Entrepreneurs aufgelistet, ein Tisch mit Wasserkocher und Keksen steht im Eck, die Jugendlichen klopfen in die Tasten ihrer Laptops. "Die Schumpeter-Klassen sind mit 24 Schülern bewusst kleiner gehalten, damit wir aufs Potenzial jedes Einzelnen eingehen können", erklärt der Leiter der Kommunikation und Wirtschaftspädagoge Markus Schebella beiläufig eine der Besonderheiten, bevor mir die Schüler ihre "Unternehmen" vorstellen: Alle paar Jahre erarbeiten sie in Gruppen Geschäftsideen, mit denen sie im März gegen andere Schulen beim Ideenwettbewerb antreten.

Vom Chip fürs bessere Finden von Akten bis zu flexiblen Schaumstoffmöbeln ist die Bandbreite groß: "Jedes Team erhält 50.000 Startkapital, die es investieren kann", erklärt mir die 17-jährige Lara das Prinzip und zeigt mir im virtuellen System Businessplan, Kontoauszüge sowie Online-Shop-Aktivitäten ihrer Firma.

Gemeinsam mit ihrem Schulkameraden Constantin und zwei anderen hat sie einen Foodtruck entwickelt, der warmes Essen an Schulen ausliefert. Eine Idee, die auch bei einem externen Business Coach, der die Schülerarbeiten begutachtet, und beim Wettbewerb Anklang fand. "Hier entstehen realistische Konzepte", ist Wirtschaftspädagoge Markus Schebella von der Kreativität seiner Schüler begeistert, "umgesetzt werden aber nur wenige." Regreen.at, bei denen man Kompensationszahlungen für den CO2-Ausstoß des Autos leisten kann, ist eine dieser Ausnahmen. Das Konzept zum sozialen Fahrservice "Driverina" hingegen, das Mädchen und Frauen ein sicheres Nachhausekommen ermöglicht, ruht nach Schulabschluss der Initiatorinnen in Schubladen. Ob es dem Foodtruck ähnlich ergeht, wird die Zeit weisen: "Was ich in drei Jahren mache, das kann ich noch nicht sagen", wird aus Lara, der Geschäftsfrau, eine ganz normale 17-Jährige, "jetzt mache ich einmal Matura."

Schulen in ganz Österreich

Geschäftsideen, Team-Coaching, Übungsfirmen, Buddy-System mit Erstklässlern, extracurriculare Arbeitsgemeinschaften - was in der Schumpeter Handelsakademie im Modellversuch erfolgreich probiert wurde, zählt mittlerweile zu Fixpunkten zertifizierten Entrepreneurship-Education-Schulen in ganz Österreich. Begonnen hat die Entrepreneurship Education an berufsbildenden Schulen, die mit 80 Prozent das Gros der 15-19-Jährigen umfasst. Heute gibt es das Entrepreneurship-Education-Programm auch an Gymnasien, neuen Mittelschulen -und sogar Volksschulen. "Vor zwei Jahren haben wir mit 9-Jährigen begonnen", erzählt Johannes Lindner.

Derzeit beteiligen sich 71 Schulen in Österreich an einem Feldversuch auf Ausschreibung des Bildungsministeriums und des Wiener Stadtschulrates. In diesem Experiment, das parallel auch in Slowenien, Luxemburg, Portugal und Bulgarien stattfindet, wird überprüft, wie stark das Thema Entrepreneurship Education in den Unterricht einfließen muss, um einen Effekt zu haben. "Anders als in der Öffentlichkeit wahrgenommen, passiert hier sehr viel", sieht Lindner die Entwicklung positiv.

"Die Prozesse stellen sich langsam um", kann auch Nikolaus Franke beobachten, der mit "ECN" eine Plattform zur fächerübergreifenden Vernetzung und Förderung von Entrepreneurship im universitären Bereich gegründet hat. Das liege mehr an der "Trägheit der Massen", an gewachsenen Strukturen und bürokratischen Systemen, denn "das Interesse an Entrepreneurship ist groß."

Das bestätigen die Zahlen: So ist die von ihm ins Leben gerufene "Entrepreneurship Avenue" an der WU mit über 1.000 Besuchern inzwischen die größte universitätsübergreifende Start-up-Eventserie Europas. Dass sich die Effekte solcher Initiativen nicht von heute auf morgen zeigen, ist für ihn logisch. "Wichtig ist, dass wir am Mentalitätswandel weiter wirken und Hilfe bei den ersten Schritten setzen", agiert Franke nach einem Grundsatz: "Man braucht viele, die Ideen haben. Schließlich wird nicht aus jedem Samen gleich ein Baum. Auch da benötigt es viele."

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