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Immer mehr Menschen gestalten sich ihre Glaubensinhalte selbst (siehe Furche 31/1996, Seite 4). Sie greifen dabei auch auf altbewährte Lebenstraditionen zurück.

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Immer mehr Menschen gestalten sich ihre Glaubensinhalte selbst (siehe Furche 31/1996, Seite 4). Sie greifen dabei auch auf altbewährte Lebenstraditionen zurück.

diefdrchr Immer mehr Menschen „basteln" sich ihre Religion selbst zusammen Was hat zu diesem Flickwerk an Glaubensformell geführt? ZüLEHNER: Der einzelne beansprucht immer mehr — maßgeschneidert für die eigene Biographie -ein eigenes religiöses Gebäude. Es besteht einerseits der Freiheitsanspruch der Menschen, andererseits fehlt die Bereitschaft, sich durch Institutionen oder andere soziale Wirklichkeiten gestalten zu lassen. Diese Entwicklung führt zur Bastelreligion mit einem unglaublichen Synkretismus. In modernen Zeiten ist die Differenzierung erstens meßbarer geworden und zweitens sind die Abweichungen auch eher sozial ungestraft möglich. Es gibt keine sozialen Kontrolleinrichtungen mehr, welche die Übereinstimmung von Person und Gemeinschaft sicherstellen. Je weniger dann jemand die eigene Religiosität an den Standards der kirchlichen Gemeinschaft formt, umso wahrscheinlicher ist es, daß die Entfernung inhaltlicher Art steigt.

Diese „patch-work"- Religion hat sicher auch mit der zunehmenden Ausdünnung des Austausches zwischen der Person und den christlichen Kommunitäten zu tun.

uiefurche: Wird sich dieser Synkretismus weiterfortsetzen? Zui.EHNER: Seit den neunziger Jahren gibt es deutliche Anzeichen dafür, daß der Versuch, das Leben völlig allein und einsam zu verantworten, an eine Grenze gestoßen ist. Es gibt Menschen, die die einsame Freiheit doch als zu anstrengend empfinden und Sehnsucht nach Autoritäten und Institutionen haben, die sie entlasten und

stützen. Für die jetzige Entwicklung bedeutet das aber ein Auseinanderdriften der Gesellschaft, entweder durch weitere „Privatisierung" des Lebens oder die Zuwendung zu Gruppen, Gemeinschaften und Autoritäten. Diese Polarisierung findet aber nicht nur in den Kirchen, sondern auch in der Politik statt. Es gibt ja neben der liberalen auch die relativ starke rechtsradikale Bewegung, die im Grunde der Schrei nach mehr Ordnung, Stabilität, Struktur, mehr Polizei, also nach mehr Fremdsteuerung

ist. Und so gibt es auch in den Kirchen auf der einen Seite einen sehr starken Liberalisierungsdruck - beispielsweise rund um das Kirchenvolksbegehren - und auf der anderen Seite eine wachsende fundamentalistische Bewegung. Die einen wollen keine Untertanen mehr sein, die anderen suchen wieder den Unterstand unter die Autorität.

DIeFurche: Gibt es zwischen diesen beiden Polen weitere Varianten? zulehner: Ich glaube, daß es vielleicht einen dritten Weg geben könnte und zwar auch in der Auseinandersetzung mit dem Evangelium. Einerseits wollen wir nicht mehr zurück hinter das Zweite Vatikanische Konzil. Auf der anderen Seite aber müßten wir erkennen, daß die neue Freiheit, wenn sie solistisch wird, an sich

_ selbst stirbt. Wenn uns an

der Freiheit liegt, dann muß es morgen die gemeinschaftlich gelebte und sozial entlastete Freiheit sein. Und wir können Normen nicht als Fremdbestimmung in moralischen Fragen betrachten, sondern spielen dem einzelnen Menschen-der letztlich über sein ethisches Handeln selbst entscheiden muß - lediglich leidpräventive Normen zu. So kann er seine Freiheit riskieren, ohne daß er dauernd in leidvolle Situationen gerät, weil er ethisch falsche Entscheidungen trifft.

dieFurche: Man spiicht bereits von einem Supermarkt an Sinnangeboten.

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Welche Rolle spielen darin die traditionellen Kirchen?

ZüLEHNER: Wir werden uns damit abfinden müssen, daß es in modernen Kulturen einen religiösen Markt gibt, und die katholische Kirche das Monopol verloren hat. Aber man merkt zunehmend, daß diese Pluralität nicht so einfach realisierbar ist. Die Person versucht identisch zu sein mit sich selbst, indem sie synkretistisch da und dort einsammelt und sich selbst ihr religiöses Gebäude zimmert. Aber sie merkt, daß das, was sie gewählt hat, auch jederzeit veränderbar ist. Daß es vielleicht nicht diese tragende Stärke entwickelt, wie etwas, das von der Gemeinschaft zur Verfügung gestellt ist und daher eine alte Tradition hat.

In den späten neunziger Jahren zeichnet sich ein Trend ab: Menschen, die sich in ihrem eigenen religiösen „Life-design" allein sehr weit vorge-

wagt haben, merken nun, wie bedroht sie in ihrer Einsamkeit sind und greifen wieder zurück auf altbewährte Le-benstraditionen, auch jene der Religionen.

Die Kernaufgabe, der Kirchen heißt dann nicht, sich auch in die Beliebigkeit aufzulösen. Es bedeutet vielmehr, ihre alten Lebenserfahrungen dem freien Menschen zu offerieren, ohne ihn wieder zu vereinnahmen. Dann können sie die Hoffnung haben, daß die Menschen sie dann auch in ihrem wählerischen Kalkül einbeziehen und leben. Da ist der Katholizismus in einer herausragenden Lage. Aber auch fundamentalistische Strömungen, wie die im Islam, sind besser dran, weil sie zunächst öffentlich sichtbar machen können, wofür sie stehen.

Das Gespräch fährte

Gabriele Müller.

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