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Bildung

Versagt die Schule?

1945 1960 1980 2000 2020
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Nachhilfe ist vielen ein Dorn im Auge: Eltern bezahlen viel Geld dafür, Experten betonen Defizite des Schulsystems. Für etliche Schüler ist sie aber die Rettung, wenn auch für besser gestellte.

Dass es Fehler im System gibt, weiß Konrad Zimmermann nur zu gut – begegnet er doch fast täglich jenen, die unter diesen Fehlern zu leiden haben: Zimmermann ist Geschäftsführer des privaten Nachhilfe-Anbieters „LernQuadrat“ mit über 50 Standorten in ganz Österreich. Zimmermann nennt einige Gründe, warum Eltern in seinen Lernfilialen Hilfe suchen: Viele Eltern würden ihre Kinder eben lieber ab und zu in eine Nachhilfe schicken als täglich in den Hort, wo sie mitunter zu wenig gefördert würden. Weiters gebe es seit 30 Jahren Probleme in hauptsächlich zwei Fächern: Mathematik und Englisch. Unterrichtsmethoden würden sich hier einfach nicht verbessern. Im Gegensatz zur Schule würden Schülerinnen und Schüler im „LernQuadrat“ von kleinen Gruppen unter Gleichaltrigen profitieren.

Auch der unterschiedlichen Lehrerausbildung gibt der ehemalige Pädagoge und jetzige Unternehmer die „Schuld“ daran, warum Eltern die Kinder zur Nachhilfe schicken. Während Volks- und Hauptschullehrer über eine gute didaktische Ausbildung an der Pädagogischen Akademie verfügten, würden dies AHS-Lehrer, an den Universitäten ausgebildet, nicht tun. Manche AHS-Lehrer würden sich das gute Unterrichten selber aneignen. Dennoch würden sich AHS-Lehrer im Standesdenken über die Pflichtschullehrer stellen und zudem mehr verdienen.

Monopol auf Bildung

Doch bei all diesen Problemen wehrt sich Zimmermann gegen Schlüsse, die etwa AK-Präsident Herbert Tumpel bei der Präsentation der AK-Studie zu Nachhilfe (siehe rechts) kürzlich gezogen hat: Tumpel fordert eine Beschleunigung der Bildungsreformen durch die Einführung der gemeinsamen Unterstufe und einer flächendeckenden Ganztagsbetreuung.

Zimmermann wird geradezu böse, wenn er Tumpels Forderungen hört, und wehrt sich dagegen, dass der Staat das Monopol über Bildung haben sollte. Es sei wichtig, dass Eltern mit den Kindern arbeiten würden. „Die Verantwortung der Familie für die Erziehung der Kinder möchte ich nicht in die Hände des Staates legen, mit einer Ausnahme: jenen zwei Prozent der Eltern, die ihr Leben nicht im Griff hätten, also bildungsferne Schichten.“ All die anderen würden sich um den Bildungserfolg ihrer Kinder kümmern. Zimmermann gibt an, dass seine Kunden aus allen sozioökonomischen Schichten kämen. –„Bunt gemischt.“

Fachleute aus der Bildungswissenschaft haben hier ihre Zweifel und befürchten, das ein System mit viel Nachhilfe soziale Unterschiede eher verstärkt: So betont die Bildungspsychologin Christiane Spiel von der Uni Wien, dass unser Schulsystem im Vergleich zu Ganztagsschulsystemen doppelte Benachteiligungen begünstigen würde: „Bei ganztägigen Schulformen ist es wichtig, dass es Angebote für Schülerinnen und Schüler gibt, die in einzelnen Fächern oder generell Schwächen haben. Das würde helfen, Benachteiligungen auszugleichen. Es ist völlig klar, dass es für Eltern aus sozioökonomisch schwächeren Schichten schwieriger ist, Nachhilfe zu bezahlen. Zudem haben diese Eltern meist niedrigere Bildungsabschlüsse und nicht die Kompetenzen, ihre Kinder beim Lernen zu unterstützen“, sagt Spiel, die zum Thema Nachhilfe bereits mehrere Studien durchgeführt hat. Auch in der aktuellen AK-Studie geben 44 Prozent jener Eltern an, die bezahlte Nachhilfe beanspruchen, dass die finanzielle Belastung dadurch stark bis spürbar sei.

Doch so sinnvoll eine qualitativ hochwertige Ganztagsschule auch sein kann, Spiel hält fest, dass in unserer Gesellschaft alle eine Bildungsfunktion hätten, zuallererst die Eltern, denen von Geburt an die wesentliche Rolle als Vorbild und Anregende zukomme. In Bezug auf institutionelle Bildungseinrichtungen wie Kindergarten und Schule sei eine kontinuierliche positive Kommunikation zwischen Elternhaus und Schule wichtig. Diese Kommunikation sei hierzulande ausbaufähig. Auch hier wären bildungsferne Schichten benachteiligt, die diese Kommunikation eher vermeiden würden, sagt Christiane Spiel.

Für Michael Schratz vom Institut für LehrerInnenbildung und Schulforschung an der Uni Innsbruck ist das Ausmaß an Nachhilfe ein „alarmierendes Zeichen“ – vor allem deshalb, weil unser Bildungssystem immer noch zu stark darauf setzt, Schwächen einzelner Schüler auszumerzen als Stärken aufzubauen. Schratz schlägt daher folgende Punkte vor, um das Ausmaß an Nachhilfe zu verringern: Die Aufgaben der Schule dürfen nicht an andere delegiert werden, das geht nur in Ganztagsschulen. Skandinavische Länder etwa kennen private Nachhilfe kaum. Je älter Schüler werden, umso mehr muss nach Stärken differenziert werden. Warum müsse jeder Schüler bis zur Matura alle Fächer haben, fragt sich Schratz. Es brauche eine Betreuung, die mehr differenziert und individualisiert. Die Neue Mittelschule – also die gemeinsame Schule der 10 bis 14-Jährigen – ist für Schratz ein „Hoffnungsschimmer“, da viel besser auf Bedürfnisse der einzelnen Schüler eingegangen werden könne.

Manche Schulen würden eigene Ressourcen für Förderunterricht und Lernunterstützung nicht gut oder zu wenig nützen, meint Ferdinand Eder, Leiter des Fachbereichs Erziehungswissenschaft an der Uni Salzburg. „Förderunterricht ist oft nur eine zusätzliche Lernstunde derselben Art. Es wird zu wenig individuell auf die Defizite eines Schülers eingegangen. In der AHS wiederum würden Fördergruppen im Extremfall überhaupt abgelehnt, weil Direktoren meinen, dass schwächere Kinder in die Hauptschule gehen sollten.“

Besserer schulischer Förderunterricht

Nachhilfe sei eine „Begleiterscheinung eines differenzierten Schulsystems“, sagt Bildungsexperte Eder. „Die Eltern können nicht anders, wenn sie ihre Kinder fördern wollen, damit sie entweder in einer guten Einstufung bleiben oder eine Chance kriegen, in eine höhere zu kommen.“

Dass das System seine Schwächen hat, zeigte auch die Pilotstudie zu Bildungsstandards aus dem Jahr 2007. In diesem Rahmen wurde auch außerschulische Nachhilfe in Mathematik und Englisch erhoben. Auffallend dabei: In der AHS und in der dritten Leistungsgruppe der Hauptschule ist das Ausmaß an Nachhilfe annähernd gleich (in der AHS nehmen etwa 24,7 Prozent manchmal bis wöchentlich Nachhilfe in Anspruch, in der Hauptschule, dritte Leistungsgruppe, sind dies 25 Prozent). Eder findet das Ergebnis „völlig absurd“: „Die dritte Leistungsgruppe ist ja bereits als Fördergruppe eingerichtet. Wenn jetzt noch in dieser Gruppe Unterstützung zugekauft werden muss, halte ich das für eine Umkehrung aller schulischen Aufgaben.“

Nachhilfe ist vielen ein Dorn im Auge: Eltern bezahlen viel Geld dafür, Experten betonen Defizite des Schulsystems. Für etliche Schüler ist sie aber die Rettung, wenn auch für besser gestellte.

Dass es Fehler im System gibt, weiß Konrad Zimmermann nur zu gut – begegnet er doch fast täglich jenen, die unter diesen Fehlern zu leiden haben: Zimmermann ist Geschäftsführer des privaten Nachhilfe-Anbieters „LernQuadrat“ mit über 50 Standorten in ganz Österreich. Zimmermann nennt einige Gründe, warum Eltern in seinen Lernfilialen Hilfe suchen: Viele Eltern würden ihre Kinder eben lieber ab und zu in eine Nachhilfe schicken als täglich in den Hort, wo sie mitunter zu wenig gefördert würden. Weiters gebe es seit 30 Jahren Probleme in hauptsächlich zwei Fächern: Mathematik und Englisch. Unterrichtsmethoden würden sich hier einfach nicht verbessern. Im Gegensatz zur Schule würden Schülerinnen und Schüler im „LernQuadrat“ von kleinen Gruppen unter Gleichaltrigen profitieren.

Auch der unterschiedlichen Lehrerausbildung gibt der ehemalige Pädagoge und jetzige Unternehmer die „Schuld“ daran, warum Eltern die Kinder zur Nachhilfe schicken. Während Volks- und Hauptschullehrer über eine gute didaktische Ausbildung an der Pädagogischen Akademie verfügten, würden dies AHS-Lehrer, an den Universitäten ausgebildet, nicht tun. Manche AHS-Lehrer würden sich das gute Unterrichten selber aneignen. Dennoch würden sich AHS-Lehrer im Standesdenken über die Pflichtschullehrer stellen und zudem mehr verdienen.

Monopol auf Bildung

Doch bei all diesen Problemen wehrt sich Zimmermann gegen Schlüsse, die etwa AK-Präsident Herbert Tumpel bei der Präsentation der AK-Studie zu Nachhilfe (siehe rechts) kürzlich gezogen hat: Tumpel fordert eine Beschleunigung der Bildungsreformen durch die Einführung der gemeinsamen Unterstufe und einer flächendeckenden Ganztagsbetreuung.

Zimmermann wird geradezu böse, wenn er Tumpels Forderungen hört, und wehrt sich dagegen, dass der Staat das Monopol über Bildung haben sollte. Es sei wichtig, dass Eltern mit den Kindern arbeiten würden. „Die Verantwortung der Familie für die Erziehung der Kinder möchte ich nicht in die Hände des Staates legen, mit einer Ausnahme: jenen zwei Prozent der Eltern, die ihr Leben nicht im Griff hätten, also bildungsferne Schichten.“ All die anderen würden sich um den Bildungserfolg ihrer Kinder kümmern. Zimmermann gibt an, dass seine Kunden aus allen sozioökonomischen Schichten kämen. –„Bunt gemischt.“

Fachleute aus der Bildungswissenschaft haben hier ihre Zweifel und befürchten, das ein System mit viel Nachhilfe soziale Unterschiede eher verstärkt: So betont die Bildungspsychologin Christiane Spiel von der Uni Wien, dass unser Schulsystem im Vergleich zu Ganztagsschulsystemen doppelte Benachteiligungen begünstigen würde: „Bei ganztägigen Schulformen ist es wichtig, dass es Angebote für Schülerinnen und Schüler gibt, die in einzelnen Fächern oder generell Schwächen haben. Das würde helfen, Benachteiligungen auszugleichen. Es ist völlig klar, dass es für Eltern aus sozioökonomisch schwächeren Schichten schwieriger ist, Nachhilfe zu bezahlen. Zudem haben diese Eltern meist niedrigere Bildungsabschlüsse und nicht die Kompetenzen, ihre Kinder beim Lernen zu unterstützen“, sagt Spiel, die zum Thema Nachhilfe bereits mehrere Studien durchgeführt hat. Auch in der aktuellen AK-Studie geben 44 Prozent jener Eltern an, die bezahlte Nachhilfe beanspruchen, dass die finanzielle Belastung dadurch stark bis spürbar sei.

Doch so sinnvoll eine qualitativ hochwertige Ganztagsschule auch sein kann, Spiel hält fest, dass in unserer Gesellschaft alle eine Bildungsfunktion hätten, zuallererst die Eltern, denen von Geburt an die wesentliche Rolle als Vorbild und Anregende zukomme. In Bezug auf institutionelle Bildungseinrichtungen wie Kindergarten und Schule sei eine kontinuierliche positive Kommunikation zwischen Elternhaus und Schule wichtig. Diese Kommunikation sei hierzulande ausbaufähig. Auch hier wären bildungsferne Schichten benachteiligt, die diese Kommunikation eher vermeiden würden, sagt Christiane Spiel.

Für Michael Schratz vom Institut für LehrerInnenbildung und Schulforschung an der Uni Innsbruck ist das Ausmaß an Nachhilfe ein „alarmierendes Zeichen“ – vor allem deshalb, weil unser Bildungssystem immer noch zu stark darauf setzt, Schwächen einzelner Schüler auszumerzen als Stärken aufzubauen. Schratz schlägt daher folgende Punkte vor, um das Ausmaß an Nachhilfe zu verringern: Die Aufgaben der Schule dürfen nicht an andere delegiert werden, das geht nur in Ganztagsschulen. Skandinavische Länder etwa kennen private Nachhilfe kaum. Je älter Schüler werden, umso mehr muss nach Stärken differenziert werden. Warum müsse jeder Schüler bis zur Matura alle Fächer haben, fragt sich Schratz. Es brauche eine Betreuung, die mehr differenziert und individualisiert. Die Neue Mittelschule – also die gemeinsame Schule der 10 bis 14-Jährigen – ist für Schratz ein „Hoffnungsschimmer“, da viel besser auf Bedürfnisse der einzelnen Schüler eingegangen werden könne.

Manche Schulen würden eigene Ressourcen für Förderunterricht und Lernunterstützung nicht gut oder zu wenig nützen, meint Ferdinand Eder, Leiter des Fachbereichs Erziehungswissenschaft an der Uni Salzburg. „Förderunterricht ist oft nur eine zusätzliche Lernstunde derselben Art. Es wird zu wenig individuell auf die Defizite eines Schülers eingegangen. In der AHS wiederum würden Fördergruppen im Extremfall überhaupt abgelehnt, weil Direktoren meinen, dass schwächere Kinder in die Hauptschule gehen sollten.“

Besserer schulischer Förderunterricht

Nachhilfe sei eine „Begleiterscheinung eines differenzierten Schulsystems“, sagt Bildungsexperte Eder. „Die Eltern können nicht anders, wenn sie ihre Kinder fördern wollen, damit sie entweder in einer guten Einstufung bleiben oder eine Chance kriegen, in eine höhere zu kommen.“

Dass das System seine Schwächen hat, zeigte auch die Pilotstudie zu Bildungsstandards aus dem Jahr 2007. In diesem Rahmen wurde auch außerschulische Nachhilfe in Mathematik und Englisch erhoben. Auffallend dabei: In der AHS und in der dritten Leistungsgruppe der Hauptschule ist das Ausmaß an Nachhilfe annähernd gleich (in der AHS nehmen etwa 24,7 Prozent manchmal bis wöchentlich Nachhilfe in Anspruch, in der Hauptschule, dritte Leistungsgruppe, sind dies 25 Prozent). Eder findet das Ergebnis „völlig absurd“: „Die dritte Leistungsgruppe ist ja bereits als Fördergruppe eingerichtet. Wenn jetzt noch in dieser Gruppe Unterstützung zugekauft werden muss, halte ich das für eine Umkehrung aller schulischen Aufgaben.“