Warten auf Strahlkraft

Nach langem Rätseln sind sie endlich da - die Eckpunkte der "Neuen Mittelschule". Wie die Modellversuche evaluiert werden sollen, bleibt fraglich.

Bernd Schilcher gab sich nüchtern: "Wir haben Visionen hingelegt", erklärte der Leiter der Expertenkommission "Zukunft der Schule" Mittwoch vergangener Woche bei der Präsentation des Zwischenberichts zur "Neuen Mittelschule". "Und wir haben null Ehrgeiz, Ersatzpolitiker zu spielen."

Die Zurückhaltung des ÖVP-Politikers Schilcher hatte gute Gründe: Zu hitzig war in den Wochen davor über die Einsetzung so genannter "Modellversuche" zur gemeinsamen Schule aller Zehn- bis 14-Jährigen gestritten worden. Das Ergebnis war entsprechend dürftig ausgefallen: Modellversuche zur "Neuen Mittelschule" dürfen demnach nur dann eingerichtet werden, wenn zwei Drittel der Eltern sowie der betroffenen Lehrerinnen und Lehrer zustimmen - und wenn im jeweiligen politischen Bezirk eine weitere AHS-Unterstufe zur Auswahl steht.

"Perfide" Kritik

Es war Fritz Neugebauer gewesen, der diese restriktiven Auflagen durchgefochten hatte. Und es war wieder Fritz Neugebauer, der die "Visionen" der 16 Expertinnen und Experten um Bernd Schilcher (siehe Kasten) genüsslich verriss: Das Papier würde "wenig Neues" bergen, meinte der ÖVP-Bildungssprecher. "Das meiste wurde in den letzten Jahren eingeleitet und zum Teil umgesetzt." Außerdem, so Neugebauer, hätten die Vorschläge "nichts mit der Schulorganisationsform zu tun".

Bei Werner Specht stößt solche Kritik auf Unbehagen: "Es kommt mir schon perfid vor, wenn ausgerechnet diejenigen, die Neuerungen verhindert haben, jetzt sagen, sie könnten in den derzeitigen Plänen wenig Neues entdecken", meint der Grazer Schulforscher im Furche-Gespräch.

Spechts Ärger ist nur zu verständlich: Schließlich ist er als wissenschaftlicher Leiter des neuen "Bundesinstituts für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung des Bildungswesens" (bifie) - gemeinsam mit PISA-Österreich-Leiter Günter Haider und dem Linzer Pädagogen Ferdinand Eder - mit der Evaluation der Modellversuche betraut.

"Das, was jetzt kommt, ist natürlich nicht wirklich die Erprobung einer gemeinsamen Schule", erklärt Specht, der auch in der von Elisabeth Gehrer eingerichteten "Zukunftskommission" vertreten war. "Dazu hätte man Flächenversuche in Modellregionen ohne alternative Schulformen gebraucht." Da dies politisch verhindert worden sei, wären nun keine klaren Versuchs-Kontrollgruppen-Designs mehr möglich. Vielmehr sollen wissenschaftliche Betreuer an den Modellschul-Standorten (überwiegend Hauptschulen) eruieren, welche Erfolge oder Probleme auftauchen. Zudem soll es am Ende eine Qualitätskontrolle geben - etwas, was im Österreichischen Schulsystem bisher nicht Usus sei, so Specht. "Im Moment besteht wohl die Hoffnung, dass so etwas wie Keimzellen mit Strahlkraft und Überzeugungswirkung geschaffen werden können."

Ideologisches Korsett

Auf die Strahlkraft der Modellversuche hofft auch Heidi Schrodt, Direktorin des Wiener Gymnasiums Rahlgasse und Mitglied in der Expertenkommission von Unterrichtsministerin Claudia Schmied. Gemeinsam mit Gleichgesinnten hat sie die überparteiliche Initiative "BildungGRENZENLOS" gegründet, die von zahlreichen Expertinnen und Experten - darunter Christa Koenne (siehe Interview rechts) - unterstützt wird. "Wir wollen gegen die große Tragödie des österreichischen Schulsystems ankämpfen", meint Schrodt, "nämlich das enge ideologisch-parteipolitische Korsett, das jede Reform im Keim erstickt."

www.bildunggrenzenlos.at

Neue Mittelschule

* Individualisiertes Lernen: Jede Schülerin und jeder Schüler arbeitet nach eigenem, mit dem Lehrer abgestimmten Plan; besondere Förderung bei Schwächen und Begabungen.

* Täglicher "Morgenkreis", wöchentlich Klassenrat.

* Unterricht in 90- bzw. 100-Minuten Einheiten.

* Fächerübergreifender Unterricht: Verwandte Fächer (etwa Physik, Chemie, Biologie) werden in vierstündigen Lernbereichen zusammengefasst.

* Von der ersten bis zur dritten Klasse statt Ziffernnoten "Lernstandsgespräche" mit Schülern und Eltern. Statt Sitzenbleiben individuelle Förderung.

* Ganztagsschule gewünscht.

* Acht bis zehn AHS-, Hauptschul- und Sonderschullehrer unterrichten einen oder zwei Schülerjahrgänge.

* Labore, Bibliothek, Theater/Aula, Werkstätten, Sportanlagen, Ateliers, Raum der Stille etc. als weitere Lernorte.

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