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Was Hänschen nicht lernt, das lernt eben der Hans

Werner Lenz, Bildungswissenschafter und Experte für lebenslanges Lernen an der Uni Graz, über Chancen und Gefahren der Wissensgesellschaft, den unfertigen Menschen und den Druck, immer weiter lernen zu müssen. Das Gespräch führte Regine Bogensberger

Erwachsensein hat heute wenig mit einer völlig abgeschlossenen Ausbildung zu tun. Lebensbegleitendes Lernen sei ein Muss in einer schnelllebigen Welt, erklärt Bildungswissenschafter Lenz.

Die Furche: Herr Professor Lenz, es heißt: Wer aufhört zu lernen, bleibt auf der Strecke. Ist dem so?

Werner Lenz: Unser Leben ist durch Lernen bestimmt. Wer nicht lernt, setzt sich nicht mit seiner Umwelt auseinander. Umfragen zeigen auch die Bedeutung des informellen Lernens. Befragte geben an, sich große Teile des Gelernten außerhalb von Bildungsinstitutionen angeeignet zu haben. Das Leben lehrt. Das sollte man wiederum stärker in Schule, Universität und Erwachsenenbildung berücksichtigen. Dort sollte man Anregungen zum Selber-Lernen und zur Selbstbildung erhalten.

Die Furche: Einerseits ist Weiterbildung also ein Muss, andererseits aber auch ein Druck, immer am Ball bleiben zu müssen.

Lenz: Dieser Druck ist spürbar, zum Beispiel, wenn es um Arbeitsplätze geht. So wie ein Recht auf Lernen besteht, gibt es auch eine Verpflichtung dazu, um mit gesellschaftlichen und politischen Veränderungen mithalten zu können. Sonst bleibt man nicht nur auf der Strecke, sondern kommt unter die Räder. Das Problem ist, dass manchmal der Eindruck entsteht, immer unfertig zu sein. Das kann auch ein negatives Gefühl hervorrufen: Ich lerne und lerne. In unserer schnelllebigen Zeit entsteht manchmal der Eindruck, dass eine Entwertung des Wissens vor sich geht.

Die Furche: Wissen, das man sich mühsam angeeignet hat, kann bald überholt sein.

Lenz: Genau. Als positives Gegengewicht sollten wir genügend Selbstvertrauen entwickeln, um unser Wissen nicht wie Abfall zu behandeln. Auch wenn wir meinen, das Wissen nicht mehr zu brauchen, speichern wir es ab, es gibt später die Möglichkeit, es wieder hervorzuholen und in Verbindung zu neuen Entwicklungen zu setzen.

Die Furche: Wer einst mühsam Steno gelernt hat, kann heute nichts mehr damit anfangen. Was wäre Ihr Trost?

Lenz: Es gibt so etwas wie Grundfertigkeiten beim Lernen, sogenannte soft skills oder Fähigkeiten zu lernen.

Die Furche: Wie sollten wir mit dem Konzept des unfertigen Menschen umgehen?

Lenz: Zum einen ist es uns aufgegeben. Aber wenn man es übertreibt, wird man wahrscheinlich depressiv und enttäuscht, dass man nie zu einem Ende kommt. Ich würde es als menschliche Dimension sehen, dass wir unfertige Wesen oder Wesen in Entwicklung sind, die eine gewisse Selbstverantwortung brauchen, um mit ihren Unfertigkeiten auch zurechtzukommen.

Die Furche: Sie haben in einem Aufsatz geschrieben: "Bildung kumuliert dort, wo sie bereits vorhanden ist."

Lenz: Das ist im Zeitalter des lebenslangen Lernens ein großes Problem. Bildung und Weiterbildung sind stark mit Positionen im Beruf, mit einer angenehmeren Lebensführung, mit einem Sichöffnen für Entwicklungen der Welt verbunden. Dadurch wird der Unterschied zwischen Lernenden und weniger Lernenden zu einem sozialen Unterschied. Hier tut sich eine soziale Schere auf.

Die Furche: Wird genug getan, um diese Schere zu schließen?

Lenz: Es kann nicht genug getan werden. Mit Bildung allein können wir diese Unterschiede nicht beseitigen, aber ohne Bildung geht es auf keinen Fall. Es sind Bemühungen im Gang, gerade in der Basisbildung stärkere Akzente zu setzen. Elementarbildung, aber auch Weiterbildung sind die Voraussetzung dafür, dass ein Mensch selber die Initiative ergreift und versucht, seine Situation zu verändern.

Die Furche: Es gibt aber auch gut ausgebildete Leute, die dennoch keinen Job finden.

Lenz: Wir leben in einer Zeit, wo es keine Garantie gibt, auch nicht durch Bildung oder Herkunft. Aber statistisch gesehen sind Menschen mit höherer Bildung weniger von Arbeitslosigkeit betroffen.

Die Furche: Verzögern die Anforderungen zu langen Ausbildungsphasen nicht auch das Erwachsenwerden junger Leute?

Lenz: Eine große Zahl junger Menschen sind während ihrer Ausbildung mit dem beruflichen Umfeld verwoben - wenn man das als Kriterium für Erwachsensein hernimmt. Wenn man aber das Kriterium nimmt, selbstständig für sich sorgen zu können, dann ist das durch einen Job natürlich nicht unbedingt gegeben. Ich vernehme generell eine Infantilisierung der Gesellschaft. Vor allem, wenn ich so manches Fernsehprogramm anschaue, das sicher nicht zum reflektierten Nachdenken anregt. Zum anderen gibt es die These, dass Kinder zunehmend wie Erwachsene - im Sinne von Konsumenten - behandelt werden.

Die Furche: Sie sprechen die Konsum- und Unterhaltungsgesellschaft an. Zudem steht der ökonomische Nutzen auch im Vordergrund vieler Bildungsangebote.

Lenz: Unsere Bildungs- und Lernformen spiegeln gesellschaftliche Zustände wieder. In der modernen Gesellschaft überwiegen mehr Verdrängungs- als Solidarisierungsprozesse. Hierin kommt Bildung eine Schlüsselrolle zu: Erstens, zu erkennen, was in unserer Welt vorgeht; zweitens, imstande zu sein mitzugestalten und drittens, sich mit anderen zu solidarisieren, sich gegen etwas zu stellen, was man kritisiert.

Die Furche: Weiterbildung wird zunehmend individualisierter: Stichwort Coaching.

Lenz: Zunächst geht es beim Coaching um das Fördern der Stärken eines Einzelnen. Das hat seine Berechtigung. Wir sind als Gesellschaft sehr auf uns selbst bezogen. Coaching hätte auch Sinn, wenn es um das Fördern des sozialen Miteinanders geht. Das kann man über das ganze Bildungsthema spannen.

Die Furche: Eine gute Elementarbildung ersetzt womöglich viele Coaches im Erwachsenenalter. Wie wichtig ist Elementarbildung im Verhältnis zu Erwachsenenbildung?

Lenz: Es gibt das neue Konzept: Lernen in der Lebensspanne, also jede Lebensphase hat ihre Herausforderungen. Ich halte alle diese Lernphasen für gleichwertig. Ich würde von lebensbegleitendem Lernen sprechen, als Art Geländer beim Durchlaufen eines Lebensweges.

Die Furche: Was halten Sie vom Spruch "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr"? Moderner spricht man von Lernfenstern.

Lenz: Die gibt es auch. Aber wir sollten uns bemühen, auch dem "Hans" Bildungs- und Lernmöglichkeiten zu geben. Vielleicht lernt er etwas langsamer und umständlicher, aber er lebt in einer Zeit, wo er lernen und sich mit Veränderungen im Beruf und in Beziehungen auseinandersetzen muss. Traditionelle Orientierungsquellen haben an Bedeutung verloren, umso wichtiger sind Lern- und Bildungsprozesse. Das sind Chancen für Hans, sich im Leben weiterzuentwickeln und nicht passiv zu sein.

Die Furche: Wir leben in einer Wissensgesellschaft. Wird sich das verstärken?

Lenz: Ich sehe das positiv. Aber: Wir brauchen stärkere Orientierung, sowohl individuell als auch gesellschaftlich, um das Wissen besser einordnen zu können, damit wir nicht darin untergehen.

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