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Weiterhin ein Klassenkampf von oben?

"'Notenwahrheit' ist ein theoretisches Konstrukt, die Realität zeigt: Ziffernnoten sind ungerecht und wenig aussagekräftig." (H. Walser)

"Seit über 40 Jahren rügt uns die OECD zurecht, weil durch die zu frühe Trennung der Kinder mit neuneinhalb Jahren Bildung viel stärker als in anderen Ländern 'vererbt' wird."

Verlässliche Schule?

ÖVP und FPÖ wollen "mehr pädagogische Qualität und mehr Leistung" an den Schulen. Doch taugen ihre Vorhaben dazu?

Bildungspolitische Maßnahmen bewertet man am besten mit der Beantwortung zentraler Fragen: Was bringen sie den Kindern? Führen sie zu besseren Ergebnissen? Und wie steht es mit Bildungsgerechtigkeit? Das Bildungsprogramm der künftigen Regierung sieht die Rücknahme einiger seit Kreisky beschlossenen Reformschritte vor. Bedient wird mit strammen Formulierungen eine rechte und streng konservative Wählerklientel. Zudem wird neu "verkauft", was bereits möglich oder beschlossen ist. Eine zentrale Frage wird ausgeklammert: Wie geht es weiter mit dem seit Jahren unterdotierten Bildungsbudget?

Mythos gerechte Ziffernnote

Sebastian Kurz und Heinz-Christian Strache meinten bei der Präsentation ihrer Pläne, es müsse Schluss sein mit der "linken Gleichmacherei", und sie versprachen "Notenwahrheit". Viele Varianten alternativer Leistungsbeurteilung wurden lange in zuletzt 2000 Schulversuchen (bei insgesamt 3000 Volksschulen) zur Zufriedenheit von Lehrkräften und Eltern erprobt, denn Ziffernnoten kommen weder in der schulischen Praxis noch in der Lern-und Bildungsforschung gut weg. Zahlreiche Feldversuche haben belegt, dass eine Arbeit von mehreren Lehrenden höchst unterschiedlich bewertet wurde -selbst in Mathematik reichte das Benotungsspektrum von "Sehr gut" bis "Nicht genügend". 20 Prozent jener Kinder mit einem "Sehr gut" in Deutsch erbrachten die gleichen Testleistungen wie die besten Kinder mit einem "Nicht genügend"."Notenwahrheit" ist also ein theoretisches Konstrukt, die Realität zeigt: Ziffernnoten sind ungerecht und wenig aussagekräftig.

Unser Schulsystem ist nach wie vor Klassenkampf von oben. Seit über 40 Jahren rügt uns die OECD zurecht, weil vor allem durch die zu frühe Trennung der Kinder mit neuneinhalb Jahren Bildung viel stärker als in anderen Ländern "vererbt" wird.

Die geplante Einrichtung von Eliteschulen in allen Bundesländern, das Ja zur gymnasialen Unterstufe, die "bedarfsgerecht" sogar noch weiter ausgebaut werden soll und die Situation an den Neuen Mittelschulen noch schwieriger macht, werden die soziale Ungerechtigkeit weiter verschärfen.

Längst ist bekannt: Akademikerkinder haben bei gleicher Lesekompetenz eine doppelt so hohe Chance auf ein "Sehr gut" im Zeugnis wie Kinder aus bildungsfernen Schichten. Und sogar bei gleichen Noten liegt die Wahrscheinlichkeit für einen Platz im Gymnasium für diese signifikant niedriger: bei Akademikerkindern mit "Sehr gut" in Deutsch und Mathematik bei 80 Prozent, bei Arbeiterkindern bei 50 Prozent.

"Deutsch vor Regelunterricht" lautet ein weiterer Schwerpunkt. Die -zunehmende - Zahl von Kindern mit mangelhafter Sprachkompetenz erfordert konsequente Maßnahmen. Dass bei der Formulierung immer nur die Unterrichtssprache gemeint ist, zeigt auch, dass den von den Kindern mitgebrachten Erstsprachen keinerlei Wertschätzung entgegengebracht wird. Es lag seit 2011 im Kompetenzbereich von Sebastian Kurz, Fördermaßnahmen in den Kindergärten zu evaluieren und auf genügend Fachpersonal zu pochen. Geschehen ist kaum etwas, auf die Evaluierungen warteten wir vergeblich.

Fachleute verweisen auf international erfolgreiche Modelle und setzen auf durchgängige, additive Sprachförderung vom Kindergarten bis zum Ende der Pflichtschulzeit, die Einbindung der Eltern und auf regelmäßige Sprachstandserhebungen. Der große Unterschied zum Vorschlag von Kurz und Strache: Eine gezielte, individualisierte Förderung der Bildungssprache setzt angemessene Arbeitsbedingungen in Kinderbetreuungseinrichtungen und Schulen sowie eine deutlich bessere Ausbildung der Pädagoginnen und Pädagogen voraus. Und berücksichtigt die Tatsache, dass kein Kleinkind eine Umgangssprache im Unterricht erlernt, sondern immer in einem Gruppenverband.

Aufwertung des Kindergartens?

Immerhin wird die Bedeutung des Kindergartens von der künftigen Regierung betont. Jedoch: Das schon 2013 von der rotschwarzen Bundesregierung versprochene und von der zuständigen ÖVP-Ministerin Sophie Karmasin nicht umgesetzte "zweite Gratis-Kindergartenjahr" gelte nur "für die, die es brauchen". Schon jetzt besuchen 94 Prozent der Vierjährigen einen Kindergarten. Warum braucht es da ein aufwendiges Verfahren, um festzustellen, wer von den restlichen einen Kindergartenbesuch "braucht"? Zumindest zwölf bis 15 Wochenstunden im Kindergarten sind allen Vierjährigen nicht nur zuzumuten, sie tun ihrem Sozialverhalten sogar ganz sicher gut. Aber vielleicht will die künftige Regierung ja auch nur davon ablenken, was in Österreich nach wie vor fehlen wird. Wir sind europäisches Schlusslicht bei der Ausbildung der Kindergartenpädagogen, das Bekenntnis zu einer höherwertigen Ausbildung wird nur für Leitungspersonal vorgeschlagen.

Ein letzter kritischer Punkt: Sonderschulen sollen "erhalten und gestärkt" werden. Schon 2010 aber hat der Monitoring-Ausschuss der UNO die Sonderschulen mit den Worten "Aussonderung ist menschenrechtswidrig" kritisiert. Natürlich haben derzeit auch viele Eltern von Kindern mit Behinderungen Angst. Es gibt aber weltweit kein schulisches Reformvorhaben, das besser untersucht ist als das Konzept der Inklusion. Die Ergebnisse sind eindeutig positiv.

In den Vorhaben von ÖVP-FPÖ gibt es viele weitere problematische Punkte. Das vorliegende Bildungsprogramm führt zurück in längst überwunden geglaubte Zeiten. Zarte Reformpflänzchen werden zertreten, moderne Schul- und Unterrichtsformen stehen vor dem Aus. Damit verspielen ÖVP und FPÖ das Beste, was wir haben: die Zukunft unserer Kinder. Deprimierend!

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