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Welche Kunst brauchen Kinder?

Warum es für das Museum nie zu früh ist - wenn das Museum weiß, was Kinder brauchen. Viele Museen und Kinos bieten Kinderprogramme für den Sommer, Kinderunis boomen und Wien hat ein eigenes Kindermuseum. Wann und wie sind Kunst und Kultur "kindgerecht" und wo finden Kinder und Eltern einen Überblick über die umfangreichen Angebote? Rechtzeitig für die Ferienplanung einige Erfahrungen, Ideen und Tipps für einen spannenden Kultursommer für Kinder - und Erwachsene, die Kinder nicht nur "beschäftigen" wollen. Redaktion: Cornelius Hell

Ein kleiner Junge mit dunklen Kulleraugen hat den großformatigen Gemälden des Barockmalers Giovanni Battista Tiepolo und seinen Heiligengestalten sichtlich erschöpft den Rücken gekehrt um herzhaft zu gähnen, während die Eltern weiter in Betrachtung und Diskussion vertieft sind. Jahrzehnte später und an einem anderen Ort ist eine Familie vor dem Gemälde Das Blaue Pferd von Franz Marc in ein intensives Frage-Antwort-Spiel vertieft. Das Mädchen findet das Pferd so blau wie den Himmel. "Es ist ein richtiges Himmelspferd. Ich glaube, es fühlt sich ganz glücklich, weil es so frei ist." Zwei Beispiele, wie sie entgegengesetzter nicht sein können: der Junge allein gelassen, ausgegrenzt aus der begleitenden Betrachtung, überfordert von Dimensionen und Inhalten der Gemälde, das Mädchen hingegen eingebunden in die gemeinsame Wahrnehmung eines einzelnen Bildes. Sich als Eltern auf die Kunstbetrachtung mit Kindern einzulassen, bedeutet Herausforderung, Abenteuer und die Bereitschaft, gegebenenfalls auch das Unmögliche für möglich zu halten.

Umdenken der Museen

Aber auch die Museen selbst haben sich - wenn auch in unterschiedlicher Qualität und Quantität - darauf eingestellt, nicht nur dem Kunst- und Bildungsgenuss der Erwachsenen, sondern auch der Neugierde und der Erlebnisfreudigkeit eines jungen Publikums Rechnung zu tragen.

Diese Öffnung ist ein "Kind" der späten 1960er Jahre, nachdem weitsichtige Museumsleiter wie etwa Alfred Lichtwark in Hamburg bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts bzw. Adolf Reichwein in den 30er Jahren in Berlin erste Schritte in diese Richtung unternommen hatten. Der Ruf nach Demokratisierung von Kultur im Sinne einer "Kultur für alle", wie sie Hilmar Hoffmann in Frankfurt a. M. erfolgreich realisierte, führte in den 70er Jahren zu neuen Strukturen und Positionierungen in den traditionellen Museen. Mancherorts entstanden Verunsicherungen und heftige Diskussionen, da die klassischen Aufgaben: Sammeln - Erforschen - Ausstellen durch die Forderung nach Wissens-Vermittlung in ihrer Gewichtung gefährdet schienen. Bauboom und Ausstellungsflut in den 80er Jahren sowie Museumsbauten für Gegenwartskunst im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ließen neue Räume entstehen, in denen Kunstvermittlung verstärkt angeboten werden konnte.

Welche Kunst brauchen Kinder? Und welche Informationen sind wichtig und richtig und welchem Alter angemessen? Diese Frage stellen sich Eltern und ganz besonders all jene, die in Museen und Ausstellungen den Bildungsauftrag ihrer Institutionen zu erfüllen haben. Im Diskurs um Kunstvermittlung im neu entstandenen Berufsfeld der Museumspädagogik ging es zunächst um die Zusammenarbeit mit den Schulen: Öffnung der Museen für die Schüler, Öffnung der Schulen für die Kunst, oftmals auch unter Einbeziehung von Künstlern.

Erst in Folge galt das Augenmerk auch den Kindergartenkindern. Unterschiedliche pädagogische und entwicklungspsychologische Ansätze führten zu unterschiedlicher Beurteilung dessen, welche Kunst in welcher Altersstufe zu vermitteln sei, wobei die Gegenwartskunst noch immer im Brennpunkt steht. Voraussetzung ist auch hier eine sorgfältige Auswahl unter dem Aspekt sinnlich-ästhetischer und inhaltlichen angemessener Kunstwerke. Denn "Verstehen ist auf jeder Entwicklungsstufe möglich, nur bedeutet es jeweils etwas anderes". (Constanze Kirchner)

Stufen des Verstehens

Dem Postulat mangelnder kognitiver Reife und einem altersbestimmten Raster der ästhetischen Erfahrung stehen neueste Forschungen der Psychologie und Neurobiologie gegenüber, die eindringlich für möglichst frühe und intensive Begegnungen mit Werken der bildenden Kunst plädieren, um die Lernkapazität der Kinderjahre zu nutzen (Manfred Spitzer). Musische Bildung müsse also spätestens im Kindergartenalter beginnen (Wolf Singer), wenn die erste Entwicklungsphase bis etwa zum Vorschulalter hin genützt werden soll.

"Die sinnliche Lust am Gesehenen ist der Ursprung aller Kunst von Anfang an", war der Expressionist Ernst Ludwig Kirchner überzeugt. Diese sinnliche Lust am Gesehenen gilt für den Künstler. Sie steht aber auch am Anfang aller Sinneseindrücke von Kindheit an. Mit Kindern ein oder mehrere Kunstwerke zu betrachten, bedeutet zu allererst Schauen und Wahrnehmen. Fünfjährige können sich vorurteilsfrei etwa auf ein expressionistisches Kunstwerk einlassen, entdecken, was sich ihnen nach und nach erschließt und was sie aus ihrem Verständnis heraus aufnehmen können - blaue Pferde und Landschaften aus reiner Farbe, große Gesichter mit ausdrucksvollen Augen. Kein Wissen um Perspektive, Proportionen oder Lokalfarben bestimmt ihre Wahrnehmung und (fast) alles ist möglich in ihrer Fantasie.

Abstrakte Werke erschließen sich auf wieder andere Weise, sind Projektionsfläche für eigene Vorstellungen. Solche Bildwelten der Kunst sind notwendig als Gegengewicht zu den flüchtigen Eindrücken der Medien und virtuellen Gestalten. Als Kind schon die vielfältigen Sprachen von Kunstwerken zu entschlüsseln, bedeutet in immer neue Kunst-"Welten" vorzudringen und somit Kraft zu eigener Fantasie und Kreativität zu entwickeln.

Mit dem Entdecken eines Kunstwerkes steigt das Bedürfnis sich mitzuteilen; Kommunikation entsteht und damit die wertvolle Einübung, Erlebtes zu verbalisieren. Wahrnehmen und Kommunizieren werden schließlich sinnvoll ergänzt durch eigenes kreatives Tun, in das die aufgenommenen Eindrücke einfließen können. Selbständiges Malen und Gestalten setzt schöpferische Kräfte frei, die sich in ihrer Formulierung nur ungestört und (möglichst) ohne Beeinflussung von Erwachsenen entfalten können.

Kinder in diesen Schritten zu begleiten, bedeutet, auf ihren Wissensdrang gezielt zu reagieren, ihnen gut zuzuhören und ihnen das Gefühl zu geben, dass sie ernst genommen werden. Eine sich in den Vordergrund drängende Wissensvermittlung verstellt den freien "Blick" auf das Original. Mit zunehmendem Alter der Kinder und Jugendlichen verändert sich die Art der Wahrnehmung, verändert sich auch der Bedarf an Information und die Art der kreativen Umsetzung.

Blick auf das Original

Fast alle Kunst-Museen bieten ein mehr oder weniger breites Spektrum zur Kunstvermittlung an, wobei die Acht-bis Zwölfjährigen die Kerngruppe bilden. An manchen Orten gibt es verstärkt auch Angebote für Vorschulkinder. Jugendliche sind offensichtlich außerhalb der Schulen schwerer zu erreichen; das Kunsthaus Zürich etwa bemüht sich besonders um diese Altersgruppe. Speziell auf Kinder zugeschnittene Kunst-Ausstellungen laufen mitunter Gefahr, als "kindgerechte Sonderschau" die spezielle Aura eines Museum zu verlieren, und eine Hängung auf Augen-Höhe allein reicht nicht aus, wenn die Kunstwerke lediglich als thematische Aufzählung aneinander gereiht sind.

Wichtige Impulse gingen und gehen immer wieder von privaten Mäzenen aus, wie etwa die Malschule (ab drei Jahren bis ins hohe Alter) an der Kunsthalle Emden /Stiftung Henry Nannen oder das vor wenigen Jahren im Zentrum Paul Klee in Bern angesiedelte Kindermuseum Creaviva, das neben Malen auch Musik, Tanz und Theater mit Kindern anbietet. Mit einem alle Generationen einschließenden Kreativ-Programm geht man hier neue Wege. Begleitende Erwachsene sind in Kinder-Workshops in der Regel nicht willkommen, da sie sich erfahrungsgemäß nur schwer zurückhalten können.

Generationenübergreifend

Als "Fitness-Center der Sinne" bezeichnete George Tabori die Kinder-Museen, die nach amerikanischem Vorbild (Brooklyn Children's Museum, New York 1899) seit 1970 u.a. in Berlin, Frankfurt und Karlsruhe, in Amsterdam und Brüssel, schließlich in Wien und Graz entstehen. Es sind nicht Museen über Kinder, sondern für Kinder, die hier Wissenszuwachs durch eigenständiges Experimentieren erfahren (Learning by Doing). Anfassen ist also ausdrücklich vorgesehen (hands on) in jeweils unterschiedlichem Kontext, ob historisch, naturwissenschaftlich, technisch, völkerkundlich oder mit Bezug zur bildenden Kunst. Dem Erlebnischarakter wird besondere Bedeutung zugemessen, der mit vorrangig handlungsorientierter Wissensvermittlung verbunden ist.

Zuviel Didaktik vermeiden

Traditionelle Museen sowie Kinder-Museen werden nur dann Kinder und Jugendliche längerfristig an sich binden und sie nachhaltig bereichern können, wenn ein Zuviel an Eventcharakter und ein "Übermaß an Didaktik" (Christoph Vitali) vermieden werden können und beide sich nicht als Konkurrenten, sondern als wertvolle und notwendige Ergänzung verstehen. "Kinder und Kunst gehören zusammen", befinden auch die Gründungsmitglieder der Bildungsinitiative Kinder zum Olymp, die die Kulturstiftung der Länder in Deutschland 2004 mit einem breiten Förderprogramm auf den Weg brachte, um die Freude am eigenen kulturellen und künstlerischen Handeln und dem damit verbundenen Lernen zu vermitteln - ganz im Sinne eines Zehnjährigen: "Phantasie ist in meinem Kopf drin, und den hab ich immer dabei".

www.hands-on-europe.net

www.bv-kindermuseum.de

www.kinder-zum-olymp.de

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