Weniger Ordensleute, bleibendes Charisma

Die Schülerin ist Schwester Andrea Eberhart schon länger aufgefallen: "Schüchtern war sie - und für Leibesübungen nicht sehr begabt", erinnert sich die Oberin der Ursulinen in Graz, die als Sportlehrerin selbst gern Bälle kickt. "Doch als sie bei einem Theaterstück die Bühne betreten hat, war sie ganz ein anderer Mensch!" Seit 330 Jahren wollen die Ursulinen in Graz jungen Menschen Bildung in allen Facetten ermöglichen -und ihnen durch Theater, Musik, Sport oder soziales Engagement Erfahrungsräume eröffnen, als Persönlichkeit zu wachsen. 1250 Schülerinnen und Schüler gehen im Grazer Campus, der neben einem Kindergarten auch eine Volksschule, eine Neue Mittelschule und ein Gymnasium bietet, ein und aus. Dass unter den 130 Lehrkräften und Erziehenden noch vier Ordensfrauen aktiv sind - zwei als Lehrerinnen, zwei als Direktorinnen -, ist freilich schon eine Ausnahme. Vor allem bei den im 19. Jahrhundert gegründeten Frauenorden gäbe es Nachwuchsmangel, weiß Rudolf Luftensteiner, Leiter des Bereiches Bildung und Ordensschulen der Ordensgemeinschaften in Österreich.

Schulen ohne Ordensleute

Um Ordensschulen in dieser Umbruchssituation weiterführen zu können, hat man in den vergangenen Jahren vermehrt Schulvereine gegründet. Die Vereinigung der Ordensschulen Österreichs (VOSÖ) ist dabei zum größten Schulerhalter avanciert - mit mittlerweile 45 Bildungseinrichtungen, davon 27 Schulen. Insgesamt werden derzeit in Österreich 234 Schulen mit rund 50.000 Kindern und Jugendlichen von Orden geführt - das sind immerhin 70 Prozent aller katholischen Privatschulen des Landes. (Die zuletzt einen neuen Schülerhöchststand verzeichnen konnten.) Die Erhalter der anderen katholischen Schulen sind Diözesen und die Caritas.

Doch kann es "Ordensschulen ohne Ordensleute" überhaupt geben?"Ja", ist Rudolf Luftensteiner überzeugt. "Wir lernen von Ordensleuten durch ihre Lebenszeugnisse und ihre Art und Weise, mit Menschen umzugehen. Da können sowohl Ordenschristen als auch Laienchristen anknüpfen." Wesentlich sei dabei, das besondere Charisma des jeweiligen Ordens -von den Zisterziensern bis zu den Ursulinen -an die Mitarbeiter weiterzugeben. "Wir wollen ja keine Einheitsschule", so Luftensteiner.

Eine Stärke aller Ordensschulen sei freilich die umfassende Bildung, der es nicht nur um bloße Ausbildung, sondern auch um eine Sinn-und Werteorientierung gehe. Und Religion gehöre zu dieser ganzheitlichen Betrachtung dazu. In einer internen Arbeitsgruppe versuchen die Ordensgemeinschaften deshalb gerade, andere Bewertungsparameter jenseits von PISA zu entwerfen. "Ein Erfahrungslernen, wie wir es etwa in der Emmausgeschichte im Neuen Testament finden, hat ja in PISA keinen Platz", betont Luftensteiner. Für den Staat sei es jedenfalls eine gute Investition, Ordensschulen weiterhin als öffentliche Schulen zu unterstützen: "Sie sind Leuchttürme einer Bildung in die Zukunft."

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau