Digital In Arbeit
Bildung

Wenn Eltern unter Schulangst leiden

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Die große Schulreform ist ständig ein Thema. Die OECD-Studie lenkte wieder den Blick auf die Lehrer-Arbeitszeit. Wie geht es aber Eltern, Schülern und Lehrern in der Schule? Wie zufrieden sind sie im alltäglichen Unterricht und nimmt die Angst vor der Schule zu?

Gerade jetzt kommen bei Frau M. die Erinnerungen an die eigene Schulzeit wieder stärker hoch als sonst: Ihr sechsjähriger Sohn kam gerade in die erste Klasse Volksschule im achten Wiener Bezirk. Frau M. hatte als AHS-Schülerin sehr stark unter Schulangst gelitten. „Besonders stark war die Angst vor und bei Prüfungen und Schularbeiten und wenn mich der Lehrer aufforderte, zur Tafel zu kommen“, erzählt die Wienerin. Und besonders schlimm war es im Fach Mathematik. Ihr damaliger Lehrer hat oft beleidigende Bemerkungen ihr gegenüber gemacht: „Wenn ich mich dazu durchgerungen habe, einmal aufzuzeigen, hat er gesagt: Schaut her, die ‚M‘ will auch was sagen!“ Er habe sie zudem als einzige Schülerin mit dem Nachnamen angeredet. Diese negativen Erfahrungen wirken noch heute nach.

Nun fürchtet Frau M., dass auch ihr Sohn durch negative Erlebnisse mit Lehrern Angst vor der Schule bekommen könnte. Dass er intellektuell nicht mithalten könnte, davor fürchtet sie sich nicht. Nur die Freude dürfe ihm nicht genommen werden, hofft Frau M. zum Schulstart ihres Sohnes.

„Zu viel Angst im System Schule“

Ein häufiges Phänomen, meint Josef Zollneritsch, Leiter der Abteilung Schulpsychologie und Bildungsberatung im Landesschulrat Steiermark. Viele Eltern hätten Angst, dass ihre Kinder versagen könnten. „Diese Angst sitzt sehr tief bei den Eltern und kommt aus der eigenen Schulerfahrung.“ Schulangst sei ein wichtiges Thema, es herrsche zu viel Angst im System Schule, vor allem Angst vor Fehlern, so der Schulpsychologe.

Wie viele Kinder unter Schulangst leiden, ist schwer zu beziffern, weil auch die Definition schwierig sei, sagen Experten wie Mathilde Zeman, Leiterin der Schulpsychologie Wien: Man muss zwischen Schulphobie (Trennungsängsten) und Schulangst aufgrund konkreter negativer Erlebnisse unterscheiden. Ihre Schätzung aus 30 Jahre Berufserfahrung: Zirka ein Prozent der Schüler leidet an Schulphobie, fünf bis sechs Prozent an Schulangst. Andere Experten und Studien nennen höhere Zahlen. Zollneritsch geht von 15 bis 30 Prozent der Kinder aus, bei denen die Schulangst so stark ausgeprägt ist, dass der Leidensdruck zu groß wird. Er verweist aber darauf, dass auch Lehrerinnen und Lehrer Angst hätten, den Anforderungen nicht gerecht zu werden.

Die Ergebnisse der Studie des Salzburger Erziehungswissenschafters Ferdinand Eder über das Befinden der Schülerinnen und Schüler in der Schule aus dem Jahr 2005 untermauern die Schätzung. 20 Prozent der befragten Kinder stimmen voll zu, dass sie unter Prüfungsangst leiden. 15 Prozent der Schüler fühlen sich von ihren Lehrern unfair behandelt.

Die Studie offenbarte aber auch, dass immerhin 41 Prozent der Mädchen und 35 Prozent der Buben mit der Schule „sehr zufrieden“ sind. „In den Anfangsjahren sind die Kinder sehr zufrieden mit der Schule, die Zufriedenheit sinkt aber in der sechsten bis zur achten Schulstufe stark ab“, fasst Eder seine Studie zusammen.

Als Erklärung für diese sinkende Zufriedenheit würde von manchen Lehrern gerne die beginnende Pubertät als Erklärung angeführt, sagt Eder, was aber nicht stichhaltig sei. Denn Untersuchungen, etwa in Montessori-Schule, hätten dieses Absinken der Zufriedenheit nicht ergeben. Eder meint, dass sich in dieser Phase die Bedürfnisse der Kinder ändern und die Schule dem nicht genügend gerecht würde.

Zufriedenheit mit der Schule bekommt Monika Schillhammer berufswegen selten zu hören, auch wenn die Wiener Ombudsfrau für Schüler und Eltern betont, dass es „sehr viele tolle Lehrer und Lehrerinnen“ gebe und nur „wenige Ausnahmen“, die nicht gut arbeiten würden. Sie ist die „Klagemauer“ und muss sich einiges anhören: Die Probleme sind abhängig vom Schultyp: Klagen Eltern von Volksschülern vor allem über ungerechte Lehrer, Mobbing in der Klasse oder den Schulstandort (die Wunschschule hatte keine Plätze mehr frei), so ist in der Hauptschule (Kooperative Mittelschule) mehr Gewalt an der Schule ein Thema als ungerechte Lehrer. Ungerechtigkeit aus Schüler-Sicht ist laut Schillhammer vor allem in der AHS ein großes Problem.

Was die Schul-Ombudsfrau besonders bedrückt, wie sie selbst sagt, ist die Angst der Eltern, die sich beschweren, vor den Lehrern, die diese Klage betrifft. „Viele Eltern wollen aus Angst vor möglichen Repressionen weder den Name des Lehrers noch den der Schule nennen“, erzählt sie. Weiterhelfen könne sie dann schwer. Überhaupt stoße sie bald an die Grenzen dessen, was sie unternehmen könne. Sie arbeitet eng mit der Schulaufsicht zusammen. Aber auch diese könne nicht viel tun, wenn das Wort des Lehrers gegen das des Schülers stehe.

Für Schillhammer müsse sich vor allem die Feedbackkultur in den Schulen ändern. Das mangelnde Feedback für Lehrerinnen und Lehrer kritisierte auch die jüngste OECD-Studie „Bildung auf einen Blick“. Schillhammer kann das nur unterstreichen: „Viele Lehrer sind nicht kritikfähig. Für Lehrer ist es eine Katastrophe, wenn ein Schüler gegen eine Note beruft. Das muss sich ändern.“ Sorge bereiten ihr auch zunehmende Klagen über Mobbing. „Das sind die Lehrer überfordert, das könne man nicht auf die Lehrer abschieben.“

„Viele Lehrer nicht kritikfähig“

Die Lehrer könnten aber eine Aufgabe abschieben: die des Prüfers. Eine solche Trennung zwischen der Rolle des Lehrenden und Prüfenden schlägt etwa Ferdinand Eder vor, um die Zufriedenheit im Schulsystem zu heben und wohl auch so manche Schulangst zu lindern. Dass beide Rollen in einer Person vereint seien, gebe es so nur in Österreich, sagt der Erziehungswissenschafter und verweist auch auf andere Probleme des heimischen Schulsystems: „Wir haben ein System, das Lehrern nahelegt, zu schauen, ob ein Kind in diese Schule passt oder nicht.“

Die große Schulreform ist ständig ein Thema. Die OECD-Studie lenkte wieder den Blick auf die Lehrer-Arbeitszeit. Wie geht es aber Eltern, Schülern und Lehrern in der Schule? Wie zufrieden sind sie im alltäglichen Unterricht und nimmt die Angst vor der Schule zu?

Gerade jetzt kommen bei Frau M. die Erinnerungen an die eigene Schulzeit wieder stärker hoch als sonst: Ihr sechsjähriger Sohn kam gerade in die erste Klasse Volksschule im achten Wiener Bezirk. Frau M. hatte als AHS-Schülerin sehr stark unter Schulangst gelitten. „Besonders stark war die Angst vor und bei Prüfungen und Schularbeiten und wenn mich der Lehrer aufforderte, zur Tafel zu kommen“, erzählt die Wienerin. Und besonders schlimm war es im Fach Mathematik. Ihr damaliger Lehrer hat oft beleidigende Bemerkungen ihr gegenüber gemacht: „Wenn ich mich dazu durchgerungen habe, einmal aufzuzeigen, hat er gesagt: Schaut her, die ‚M‘ will auch was sagen!“ Er habe sie zudem als einzige Schülerin mit dem Nachnamen angeredet. Diese negativen Erfahrungen wirken noch heute nach.

Nun fürchtet Frau M., dass auch ihr Sohn durch negative Erlebnisse mit Lehrern Angst vor der Schule bekommen könnte. Dass er intellektuell nicht mithalten könnte, davor fürchtet sie sich nicht. Nur die Freude dürfe ihm nicht genommen werden, hofft Frau M. zum Schulstart ihres Sohnes.

„Zu viel Angst im System Schule“

Ein häufiges Phänomen, meint Josef Zollneritsch, Leiter der Abteilung Schulpsychologie und Bildungsberatung im Landesschulrat Steiermark. Viele Eltern hätten Angst, dass ihre Kinder versagen könnten. „Diese Angst sitzt sehr tief bei den Eltern und kommt aus der eigenen Schulerfahrung.“ Schulangst sei ein wichtiges Thema, es herrsche zu viel Angst im System Schule, vor allem Angst vor Fehlern, so der Schulpsychologe.

Wie viele Kinder unter Schulangst leiden, ist schwer zu beziffern, weil auch die Definition schwierig sei, sagen Experten wie Mathilde Zeman, Leiterin der Schulpsychologie Wien: Man muss zwischen Schulphobie (Trennungsängsten) und Schulangst aufgrund konkreter negativer Erlebnisse unterscheiden. Ihre Schätzung aus 30 Jahre Berufserfahrung: Zirka ein Prozent der Schüler leidet an Schulphobie, fünf bis sechs Prozent an Schulangst. Andere Experten und Studien nennen höhere Zahlen. Zollneritsch geht von 15 bis 30 Prozent der Kinder aus, bei denen die Schulangst so stark ausgeprägt ist, dass der Leidensdruck zu groß wird. Er verweist aber darauf, dass auch Lehrerinnen und Lehrer Angst hätten, den Anforderungen nicht gerecht zu werden.

Die Ergebnisse der Studie des Salzburger Erziehungswissenschafters Ferdinand Eder über das Befinden der Schülerinnen und Schüler in der Schule aus dem Jahr 2005 untermauern die Schätzung. 20 Prozent der befragten Kinder stimmen voll zu, dass sie unter Prüfungsangst leiden. 15 Prozent der Schüler fühlen sich von ihren Lehrern unfair behandelt.

Die Studie offenbarte aber auch, dass immerhin 41 Prozent der Mädchen und 35 Prozent der Buben mit der Schule „sehr zufrieden“ sind. „In den Anfangsjahren sind die Kinder sehr zufrieden mit der Schule, die Zufriedenheit sinkt aber in der sechsten bis zur achten Schulstufe stark ab“, fasst Eder seine Studie zusammen.

Als Erklärung für diese sinkende Zufriedenheit würde von manchen Lehrern gerne die beginnende Pubertät als Erklärung angeführt, sagt Eder, was aber nicht stichhaltig sei. Denn Untersuchungen, etwa in Montessori-Schule, hätten dieses Absinken der Zufriedenheit nicht ergeben. Eder meint, dass sich in dieser Phase die Bedürfnisse der Kinder ändern und die Schule dem nicht genügend gerecht würde.

Zufriedenheit mit der Schule bekommt Monika Schillhammer berufswegen selten zu hören, auch wenn die Wiener Ombudsfrau für Schüler und Eltern betont, dass es „sehr viele tolle Lehrer und Lehrerinnen“ gebe und nur „wenige Ausnahmen“, die nicht gut arbeiten würden. Sie ist die „Klagemauer“ und muss sich einiges anhören: Die Probleme sind abhängig vom Schultyp: Klagen Eltern von Volksschülern vor allem über ungerechte Lehrer, Mobbing in der Klasse oder den Schulstandort (die Wunschschule hatte keine Plätze mehr frei), so ist in der Hauptschule (Kooperative Mittelschule) mehr Gewalt an der Schule ein Thema als ungerechte Lehrer. Ungerechtigkeit aus Schüler-Sicht ist laut Schillhammer vor allem in der AHS ein großes Problem.

Was die Schul-Ombudsfrau besonders bedrückt, wie sie selbst sagt, ist die Angst der Eltern, die sich beschweren, vor den Lehrern, die diese Klage betrifft. „Viele Eltern wollen aus Angst vor möglichen Repressionen weder den Name des Lehrers noch den der Schule nennen“, erzählt sie. Weiterhelfen könne sie dann schwer. Überhaupt stoße sie bald an die Grenzen dessen, was sie unternehmen könne. Sie arbeitet eng mit der Schulaufsicht zusammen. Aber auch diese könne nicht viel tun, wenn das Wort des Lehrers gegen das des Schülers stehe.

Für Schillhammer müsse sich vor allem die Feedbackkultur in den Schulen ändern. Das mangelnde Feedback für Lehrerinnen und Lehrer kritisierte auch die jüngste OECD-Studie „Bildung auf einen Blick“. Schillhammer kann das nur unterstreichen: „Viele Lehrer sind nicht kritikfähig. Für Lehrer ist es eine Katastrophe, wenn ein Schüler gegen eine Note beruft. Das muss sich ändern.“ Sorge bereiten ihr auch zunehmende Klagen über Mobbing. „Das sind die Lehrer überfordert, das könne man nicht auf die Lehrer abschieben.“

„Viele Lehrer nicht kritikfähig“

Die Lehrer könnten aber eine Aufgabe abschieben: die des Prüfers. Eine solche Trennung zwischen der Rolle des Lehrenden und Prüfenden schlägt etwa Ferdinand Eder vor, um die Zufriedenheit im Schulsystem zu heben und wohl auch so manche Schulangst zu lindern. Dass beide Rollen in einer Person vereint seien, gebe es so nur in Österreich, sagt der Erziehungswissenschafter und verweist auch auf andere Probleme des heimischen Schulsystems: „Wir haben ein System, das Lehrern nahelegt, zu schauen, ob ein Kind in diese Schule passt oder nicht.“